Ex-Rapid-Kapitän hat Debrecen gerettet
Herr Hofmann, Sie haben am vergangenen Wochenende in Szekesfehervar einen richtigen Abstiegskrimi erlebt, der auch dank Ihres Tores gut für Debrecen ausgegangen ist. Ist es recht heiß hergegangen?
Es war für mich das erste Mal, dass ich in so einer Situation war, gegen den Abstieg habe ich noch nie gespielt. Man hat schon gemerkt, wie nervös und angespannt alle rundherum waren. Wahrscheinlich auch, weil beide Mannschaften normal nichts mit dem Abstiegskampf zu tun haben. Fehervar spielt normal vor 4- bis 5.000 Zuschauern, aber diesmal war das Stadion mit über 10.000 zu 90 Prozent voll. Die Heimfans waren von Anfang an unruhig und es ist dann auch ziemlich hitzig geworden. Nach unseren Toren waren wir kurz vor einem Platzsturm.
Dabei hat Fehervar doch bis vor wenigen Jahren noch Meistertitel gewonnen?
Ja, aber das hat sich geändert, seit MOL nicht mehr Sponsor ist und bei Ujpest eingestiegen ist. Auch in Ungarn ist es so, dass immer wieder einmal andere Vereine vorne sind, je nachdem, wo gerade mehr Geld reingesteckt wird. Nur Ferencvaros ist immer noch das Maß aller Dinge, obwohl auch sie bis zur letzten Runde um den Titel kämpfen mussten.
Nach Ihrem Tor zum 2:0 war die Sache gelaufen?
Uns hätte ja schon ein Unentschieden gereicht, aber das 2:0 war quasi die Vorentscheidung. Man weiß ja wie es ist: Wenn wir bei 1:0 ein Gegentor kriegen, brennt's noch einmal richtig. Aber damit waren wir praktisch durch. Es hat dann gleich nach dem Tor auf beiden Seiten eine Rote gegeben, da sind wir kurz vor einer Schlägerei gestanden, aber wir haben dann auch noch das 3:0 gemacht.
Und Sie sind gefeiert worden?
Es ist schon allen eine Last abgefallen, man hat im Nachhinein die Erleichterung gespürt. Bei den Funktionären, bei den Spielern, da habe ich schon von allen Seiten ein großes 'Danke' gehört. Das war dann auch ein schönes Gefühl.
Auch weil Sie nach Ihrer Reservistenrolle bei Rapid wieder wichtig waren?
Ja, klar. Ich habe aber von Anfang an die Wertschätzung gespürt. Vom Trainer, von den Funktionären und Mitspielern. Auch eine gewisse Dankbarkeit, dass ich bei diesem Projekt mithelfe. Als ich im Winter gekommen bin, hatten wir nur 13 Punkte aus 17 Spielen und vier Punkte Rückstand auf einen Nicht-Abstiegsplatz. Es war für den Verein wirklich keine leichte Saison. Es hat drei Trainerwechsel gegeben, im Sommer sind eine Menge neuer Spieler gekommen, die alle nicht funktioniert haben, deshalb hat es im Winter wieder einen Umbruch gegeben. Im Frühjahr waren wir dann die fünftbeste Mannschaft.
Und Ihr Standing in der Liga, wie sind Sie da als Legionär aus Österreich aufgenommen worden?
In der Liga merkt man in den Stadien schon, dass Legionäre von den Fans - und sogar von den Schiedsrichtern - kritisch beäugt und einheimische Spieler lieber gesehen werden. Das habe ich aus Österreich so nicht gekannt.
„Nach sechs Monaten kann ich sagen, dass El Maestro überhaupt nicht so ist, wie er in Österreich wahrgenommen wird.“ (Maximilian Hofmann über seinen Debrecen-Trainer)
Ihr Trainer in Debrecen ist Nestor El Maestro, der in Österreich seit seiner Sturm-Zeit nicht den besten Ruf hat. Wie ist es Ihnen mit ihm ergangen und war er es, der Sie nach Ungarn geholt hat?
Genau, der erste Kontakt war mit ihm. Er hat mich ja noch aus der Bundesliga gekannt und gegen seinen Bruder Nikon, der unser Co-Trainer ist, habe ich im Nachwuchs noch gespielt. Ich habe Nestor ja persönlich nicht gekannt, aber natürlich auch von einigen Seiten gehört, dass sie das nicht machen würden. Nach sechs Monaten kann ich nur sagen, dass er überhaupt nicht so ist, wie er in Österreich wahrgenommen wird. Es gab keine Ausraster von ihm, im Gegenteil, er ist sehr ruhig und fast pragmatisch. Taktisch ist er sowieso top, er spricht fünf Sprachen und kann sich wirklich mit jedem Spieler, wie haben viele Legionäre, in seiner Sprache unterhalten. Das macht er wirklich gut.
Wie geht es Ihnen mit Ungarisch?
Ich habe immer gesagt, dass ich, wenn ich einmal ins Ausland gehe, auf jeden Fall die Sprache lerne. Aber Ungarisch ist wirklich gewöhnungsbedürftig und so schwierig, dass ich bei Englisch bleibe. Das ist auch die Sprache, die im Klub gesprochen wird.
Werden Sie auch im nächsten Jahr noch in Ungarn spielen?
Stand jetzt gehe ich davon aus, dass ich noch ein Jahr in Debrecen bleibe. Durch den Nicht-Abstieg habe ich noch ein Jahr Vertrag. Wobei wir in der nächsten Saison nicht wieder ums Überleben kämpfen wollen, wir wollen schon wieder oben angreifen und uns für einen internationalen Bewerb qualifizieren - ich habe ja mit Rapid im Vorjahr selbst noch gegen Debrecen im Europacup gespielt. Es gibt auch wieder Veränderungen im Verein, einen neuen Investor, der einen spanischen Sportdirektor mitbringt, der jahrzehntelang bei Atletico und Villarreal gearbeitet hat.
„Nach Rapid wollte ich bei keinem anderen Verein in Österreich spielen.“ (Erz-Rapidler Maximilian Hofmann)
Haben Sie die Entscheidung, Rapid nach über 20 Jahren zu verlassen, selbst getroffen oder wurde Sie Ihnen im Winter nahegelegt?
Ich habe lange genug Zeit gehabt, meine Lage gut einschätzen zu können. Es war mir klar, dass es schwer werden würde, auf die Einsatzzeiten zu kommen, die mich zufriedenstellen würden. Und mir war auch klar, dass es nicht leichter werden würde, im Sommer nach Ablauf meines Vertrages einen Verein zu finden, wenn ich ein halbes Jahr nur auf der Bank gesessen bin. Deshalb war es dann schon meine persönliche Entscheidung, das Angebot von Debrecen anzunehmen - und Rapid hat mir keine Steine in den Weg gelegt. Der einzige Schritt, der für mich infrage gekommen ist, war das Ausland. Nach Rapid wollte ich bei keinem anderen Klub in Österreich spielen. Gereizt hat es mich immer, ins Ausland zu gehen, deshalb haben meine Frau und ich entschieden, okay, ich mache das auf meine alten Tage. Und Debrecen ist mit viereinhalb Stunden Fahrtzeit nicht so weit, dass ich nicht, wenn ich mal eineinhalb freie Tage habe, nach Wien fahren könnte. Nur die Maul- und Klauenseuche hat es ein bissl problematischer gemacht.
War es auch eine gewisse Erleichterung für Sie als Führungsspieler und ehemaliger Kapitän nicht mehr den Druck zu spüren, der bei Rapid auf einem lastet?
Ich muss schon sagen, dass der Druck für mich hier um einiges weniger ist. Wenn man so wie ich ab dem zehnten Lebensjahr bei Rapid war, dann lebt man das auch. Die Freunde reden dich darauf an, wenn es nicht gut läuft, die Fans sowieso. Du kommst nicht aus. Das sehe ich auch bei unserem Kapitän Balázs Dzsudzsák. Der ist Rekord-Internationaler von Ungarn und am Ende seiner Karriere noch einmal zu seinem Heimatverein zurückgekehrt. Der hängt schon mehr dran als einer, der für zwei Jahre hier spielt und wieder weg ist. Für mich ist es hier einfach, ich konsumiere keine Medien, weil ich sie auch gar nicht verstehe.
Sie haben Rapid sicher weiterhin verfolgt, war der Absturz im Frühjahr absehbar?
Klar habe ich jedes Spiel angeschaut, wenn ich nicht gerade selbst gespielt habe. Wenn ich in Wien war, war ich auch im Stadion. Ich war selber überrascht, dass der Start ins Frühjahr so danebengegangen ist und man in so eine Negativspirale reingekommen ist. Da hat sich schon auch gezeigt, dass doch einige Entscheidungen nicht richtig waren. Das hat mir als Rapidler auch weh getan. Auf der anderen Seite habe ich doch so viel Abstand gewonnen, dass es auch angenehm war, einmal nicht involviert zu sein wie früher als Kapitän.
Wird sich’s für Rapid noch ausgehen für den Europacup?
Wenn man weiß, wie wichtig es für den Verein ist und wenn man an die Reisen denkt und wie schön es ist, im Europacup Erfolg zu haben, ist das eigentlich das Schönste am Fußball. Deshalb hoffe ich, dass sie sich über den Umweg der Play-off-Spiele doch noch belohnen.
Und was halten Sie von Peter Stöger als neuem Rapid-Trainer?
Dadurch, dass er ja auch Ferencvaros-Trainer war, habe ich in letzter Zeit öfter mit ihm Kontakt gehabt. Er wollte mich auch einmal besuchen kommen, aber das fällt jetzt wohl flach (lacht). Ich habe Peter nie als Trainer gehabt, aber seine Erfolge zeigen, dass er einer der besten Trainer in Österreich ist. Und ich bin überzeugt, dass er für Rapid jetzt der absolut Richtige ist.
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