Im vergangenen Jahr gab die DFL eine strategische Allianz mit Unternehmen der Schwarz-Gruppe bekannt. Mit dem zur Gruppe gehörenden Full-Service-Umweltdienstleister PreZero will die Liga mit ihren 36 Klubs konkrete Maßnahmen im Bereich Nachhaltigkeit, genauer gesagt beim Thema Kreislaufwirtschaft, umsetzen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Optimierung von Ressourcen-Kreisläufen im Stadion, im Trainingszentrum sowie in der Geschäftsstelle.
Auf diesem Weg will die DFL ein zusätzliches Service-Angebot für die Klubs der Bundesliga und 2. Liga schaffen und die beiden Ligen nachhaltiger und zukunftsfähiger machen. Hierzu sind auch Punkte in der zur Saison 2023/24 eingeführten Nachhaltigkeitsrichtlinie in der DFL-Lizenzierungsordnung verankert, zu deren Einhaltung die Klubs verpflichtet sind - etwa in Punkt 2.1 (Klima-, Umwelt- und Ressourcenmanagement), in Punkt 2.6 (Reduktion des Wasserverbrauchs) und in Punkt 2.7 (Abfallmanagement). Doch wie wird das komplexe Thema in der Praxis bei den Klubs umgesetzt?
Becher-System und zweites Leben für den Rasen
Als größter Sportverein in Deutschland sieht sich der FC Bayern auch bei der Kreislaufwirtschaft in der Pflicht, mit gutem Beispiel voranzugehen. Das Thema ist dem Verein wichtig und daher auch direkt bei Geschäftsführer Jan-Christian Dreesen angesiedelt. Hier kümmert sich Denise Heinemann, Team Lead Sustainability beim FC Bayern, um eine entsprechende Umsetzung.
Nun hat ein Fußballverein nicht eine typische Wertschöpfungskette wie etwa ein Autohersteller - weshalb man sich beim FC Bayern die grundsätzliche Frage gestellt hat: Was ist eigentlich unser Produkt und womit verdienen wir unser Geld? Hierzu musste zunächst die eigene Wertschöpfung definiert werden: "Die Wertschöpfung des FC Bayern findet auf verschiedenen Ebenen statt, beispielsweise am Spieltag, bei der Vermarktung von Medien oder auch im Merchandising", schildert Heinemann.
In der Praxis bedeute das wiederum, dass man versuche, Potenziale zu identifizieren, wo es möglich ist. "Beispiele sind der Rasenschnitt, der zur Herstellung von Verpackungen genutzt wird, zudem erhält der 'alte' Rasen aus der Allianz-Arena ein zweites Leben, indem er auf unserem FC Bayern Campus neu verlegt wird. Ein weiteres Beispiel ist das seit fast zehn Jahren etablierte Becher-Mehrwegsystem in der Allianz-Arena, durch das wir große Mengen an Einwegmüll vermeiden. An all unseren Standorten streben wir ein konstantes Monitoring unseres Recyclingkonzeptes gemeinsam mit PreZero an", erzählt Heinemann.
Auch im Merchandising sei Langlebigkeit ein Thema: "Beispielsweise Schals und Trikots werden oft nicht entsorgt - im Gegenteil: Es gibt einen regelrechten Run auf alte Fanartikel, die teilweise sogar als Retro-Kollektionen auf den Markt kommen", sagt Heinemann. Der Retro-Boom als wichtiger Faktor einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft sozusagen. In seinem Nachhaltigkeitsbericht klärt der Verein seine Fans auf anschauliche Weise über Kreislaufwirtschaft und weitere nachhaltige Maßnahmen auf. "Das Feedback zu unseren Kommunikationsmaßnahmen zeigt uns, dass wir unsere Fans erreichen und zum Mitmachen animieren", schildert Heinemann die positive Resonanz der Bayern-Anhänger.
„Die zirkulären Systeme, die Materialien, die Prozesse, die man in den kommenden Jahren optimieren möchte, ähneln sich über die Klubs hinweg schon stark.“ (Prof. Dr. Torsten Weber, DFL-Nachhaltigkeitsexperte)
Individuelle Voraussetzungen für die Klubs
Der FC Bayern als Nachhaltigkeits-Benchmark für die Liga? In der DFL-Zentrale in Frankfurt beobachtet man die Implementierung einer Kreislaufwirtschaft in den einzelnen Klubs sehr genau. Prof. Dr. Torsten Weber, bei der DFL als Experte für Nachhaltigkeit tätig und Professor für Marketing & Nachhaltigkeitsmanagement an der CBS University of Applied Sciences, sieht bei allen Klubs ganz individuelle Voraussetzungen für die Erfüllung betreffender Nachhaltigkeitskriterien: "Jeder Klub sollte diesen Selbstfindungsprozess im Rahmen einer eigenen Wesentlichkeitsanalyse durchlaufen und die Frage beantworten: Was ist unser Impact im Rahmen der Kreislaufwirtschaft? Die Themenfelder sind bei den Vereinen ähnlich, die Strukturen allerdings sehr unterschiedlich."
Dabei sieht er den aktuellen Deutschen Meister in einer Sonderrolle: "Der FC Bayern bspw. ist in diesem Kontext nicht mit einem kleineren Klub vergleichbar - allein wegen der Mengen, etwa bei Trikots oder Merchandising. Aber die zirkulären Systeme, die Materialien, die Prozesse, die man in den kommenden Jahren optimieren möchte, ähneln sich über die Klubs hinweg schon stark."
Weber zufolge können sich langfristig für die Klubs auch wirtschaftliche Vorteile ergeben: "Fakt ist, dass definitiv finanzielle Potenziale u. a. in Kosteneinsparungen beim Ressourcenverbrauch bestehen. Durch die Reduzierung von Abfällen, optimierte Wasserkreisläufe, effizientere Energienutzung und den geringeren Bedarf an Primärrohstoffen können Unternehmen und auch Klubs ihre operativen Kosten häufig deutlich senken." Weniger Abfall, mehr Geld im Portemonnaie - so lautet vereinfacht gesagt die langfristige Win-Win-Rechnung für die DFL und ihre Klubs.
Und die gesellschaftliche Akzeptanz für das ambitionierte Unterfangen in Zeiten von Krisen und Kriegen? "Auch wenn der gesellschaftliche Diskurs sich faktisch verändert hat, ist das Thema unserer Meinung nach weiterhin sehr wichtig. In der Hochphase der Nachhaltigkeitsdebatte vor einigen Jahren gab es sicher mehr gesellschaftliches Interesse. Heute wird von Unternehmensseite stärker gefragt: Wo ist der Business Case? Was ist der konkrete Nutzen? Die Zusammenarbeit mit den Klubs läuft davon unbenommen weiterhin sehr fokussiert und ambitioniert", bekräftigt Weber.