Als Trainer ist Hans-Jürgen Boysen mit Kickers Offenbach zweimal in die 2. Bundesliga aufgestiegen. Als Interims-Sportchef will der 68-Jährige nun dazu beitragen, dass sein kriselnder Herzensklub in der Regionalliga Südwest bis in ruhigeres Fahrwasser gerät.
"Es ist eine schöne Geschichte, dem Ruf seines Lieblingsvereins, bei dem man dreimal Trainer war, zu folgen und dort zu helfen. Man fühlt sich auch verpflichtet", sagte Boysen, dessen Lebensplanung eigentlich eine andere war. "Das stellt meinen Ablauf der letzten Monate und Jahre ziemlich auf den Kopf. Das Telefon klingelt von morgens bis abends."
Bei den Anrufern handele es sich zumeist um Berater, die "Spieler, Trainer und Manager" anbieten. "Aber damit will ich mich zunächst nicht beschäftigen", betonte er. Man habe nach der am Montag verkündeten Freistellung von Sport-Geschäftsführer Christian Hock erst mal eine Lösung gefunden. "Ich bin eingesprungen, damit es keine Kurzschluss-Entscheidung gibt", sagte Boysen.
Trennung von Hock: "Menschlich eine ganz blöde Entscheidung"
Präsident Joachim Wagner betonte, dass man sich bei der Frage, wer dauerhaft auf Hock folgen soll, Zeit lassen werde. Die Trennung von Hock sei "menschlich eine ganz blöde Entscheidung" gewesen. "Aber am Ende steht immer der Verein im Vordergrund."
Im Detail begründete der OFC-Boss den Beschluss des Aufsichtsrats nicht, sondern sagte nur: "Jeder weiß, was wir vorhatten und was unsere Ziele sind." Hock sei nun mal für den sportlichen Bereich verantwortlich gewesen. Intern wurden dem 56-Jährigen, der seit Mai 2023 im Amt war, vor allem eine riskante Kaderplanung und eine schlechte Transferpolitik vorgeworfen.
Die Folgen dessen waren auch beim Heimspiel gegen die SG Barockstadt Fulda-Lehnerz am Dienstagabend zu spüren. Als nach der Pause in den noch nicht ganz fitten beziehungsweise ausgepowerten Routiniers Maximilian Rossmann, Luca Stellwagen, Ron Berlinski und Onur Ünlücifci vier Stützen ausgewechselt werden mussten, verloren die Kickers ihre Stabilität und damit fast auch das Spiel.
Pfiffe vor Saison-Minuskulisse - Fehlende "Top-Achse" unersetzlich
Mit Leidenschaft, Glück und einem starken Johannes Brinkies im Tor wurde zumindest das 1:1 verteidigt. Nach der Partie vor der Saison-Minuskulisse von 5.022 Zuschauern gab es kurzzeitig Pfiffe. Es war die Reaktion auf das fünfte sieglose Spiel in Folge und die Tatsache, dass in all diesen Begegnungen eine Führung verspielt wurde.
Boysen sah aber auch Positives: "Man hat gemerkt, dass sich die Jungs wehren und versucht haben, das Spiel zu drehen." Aber das sei angesichts der Personalsituation schwierig. Trainer Kristjan Glibo sprach von einer "Top-Achse" (Rossmann, Wachs, Barry, Berlinski), die derzeit nicht oder nur bedingt zur Verfügung steht. "Wir müssen akzeptieren, dass diese Spieler Zeit brauchen", sagte er.
Mit Leitwolf Marc Wachs, der sich in Sandhausen erneut eine Teilruptur der Sehne im Oberschenkel zugezogen hat, rechnet Glibo dieses Jahr nicht mehr. Nun soll geklärt werden, wie man damit umgeht. "Es gibt keine Option, über die wir nicht nachdenken", stellte Boysen klar. Die Notwendigkeit zur Verpflichtung eines vertragslosen Spielers sehe man aktuell nicht. "Da müsste man erst Kandidaten testen. Das bringt den Rhythmus durcheinander und wir haben jetzt eine englische Woche." In der geht es am Samstag (14 Uhr) mit der Partie bei der TSG Balingen weiter.