Es gibt Momente, die eine gesamte Saison beeinflussen können. Einen solchen hat der VfB Oldenburg womöglich am Dienstagabend erlebt, als Julian Boccaccio in Minute 120+2 des Pokal-Viertelfinales gegen den SV Meppen nur knapp hinter dem Fünfmeterraum zum indirekten Freistoß antreten durfte. Vjekoslav Taritas tippte den Ball leicht an, ehe Boccaccio ihn überlegt an den auf der Torlinie stehenden Meppener Spielern vorbei zum 3:2 in die kurze Ecke schoss. Es folgte die totale Ekstase bei Fans und Spielern.
Dabei sah es im Derby zunächst nicht gut aus für den Tabellenführer der Regionalliga Nord. 0:2 lag der VfB nach den Treffern von Thorben Deters (19.) und Jonathan Wensing (45.+2) zur Halbzeit gegen den Tabellenzweiten zurück. Cheftrainer Dario Fossi verwies im Anschluss darauf, seine Spieler hätten nach neun Siegen in Folge das Gefühl gehabt, dass es "auch ein bisschen von allein geht".
Ganz anders sah es indes in der zweiten Halbzeit aus, in der die Oldenburger durch Mats Facklam (47.) und Drilon Demaj (53.) rasch zum 2:2 ausglichen. "Man hat auf dem Platz diesen Spirit und diese Aura gespürt", gefiel Fossi der Auftritt seiner Mannschaft im Anschluss deutlich besser. "Wir haben eine Mannschaft, die in den vergangenen Wochen bombig gespielt hat, hinten hineingedrückt und nicht mehr atmen lassen. Sie waren schon sehr beeindruckt."
Bittere Fedl-Aktion
Bitter für die Meppener: Der indirekte Freistoß für die Oldenburger kurz vor Spielende entstand, weil Kapitän Jonas Fedl bei der Ausführung eines Abstoßes den Ball zweimal in Folge berührte. Dass Schiedsrichter Lennert Kernchen dies ahndete, war regelkonform. Vier Punkte liegen die Emsländer in der Tabelle aktuell hinter den Oldenburgern. Nach zuvor sechs Partien ohne Niederlage und vier Siegen in Serie ohne einen einzigen Gegentreffer hat es die Meppener gegen Oldenburg erneut erwischt.
Vor dem Pokal-Duell hat der VfB am 4. Spieltag auch schon das Derby in der Hänsch-Arena mit 1:0 gewonnen. "Das ist jetzt die zweite Derby-Niederlage. Das steckt man nicht einfach so weg", räumte Deters im Anschluss ein. Boccaccios später Treffer könnte den VfB nicht nur ins Pokal-Halbfinale gebracht, sondern dem aktuell schärfsten Verfolger auch einen harten Wirkungstreffer verpasst haben - und somit im Titelrennen eine wichtige Rolle spielen.
"Es ist der Wahnsinn, wie wir kämpfen und dieses Spiel noch drehen", sagte Linksverteidiger Nico Knystock im Anschluss. "Vor allem, wenn wir sehen, wer hier in der Abwehr momentan alles ausfällt." Verzichten müssen die Oldenburger aktuell auf Kapitän Patrick Möschl (Probleme im hinteren Oberschenkel), Anouar Adam (Patellasehnenriss), Marc Schröder (Grippe, zuvor Innenbandanriss), Leon Deichmann (Muskelbündelriss) und Nick Otto (Bauchmuskelprobleme).
Gegen die Meppener kam auch Nico Mai erst ganz zum Schluss in die Partie, um nach der 3:2-Führung einige Sekunden von der Uhr zu nehmen. Zuvor verzichtete Fossi auf ihn, weil Mai über Adduktorenprobleme klagt. Für Schröder und Otto reichte es nicht. Schröder, stellte Fossi klar, wird auch am Samstag bei Phönix Lübeck noch nicht dem Kader angehören.
Offene Rechnung in Lübeck
Gegen die Lübecker, weiß Knystock, "haben wir noch eine Rechnung offen". In den vergangenen beiden Saisons verlor der VfB dort mit 1:5 und 1:3. "Da kommt ein extrem hartes Spiel auf uns zu. Phönix ist immer sehr unangenehm zu bespielen", betont der Sportliche Leiter Sebastian Schachten. "Auch dieses Mal werden sie uns alles abverlangen." Direkt danach steht am Mittwochabend mit dem Heimspiel gegen die SV Drochtersen/Assel die nächste englische Woche an. Deters setzt darauf, dass es bei den Oldenburgern "nicht ewig so weitergehen wird". Falls der VfB in den beiden Topduellen den elften und zwölften Pflichtspielsieg in Serie holen sollte, wäre dies indes der nächste Fingerzeig in Richtung Emsland.