In den Jahren 1980 und 1981, als er als bester Stürmer Europas gleich zweimal in Folge den Ballon d'Or gewann, schoss Karl-Heinz Rummenigge in Deutschland auch gleich zweimal in Folge das Tor des Jahres.
Ein Seitfallzieher nach feiner Jonglier-Einlage in einem Bundesliga-Spiel gegen den VfL Bochum; ein Fallrückzieher mit dem Adler auf der Brust in einem Länderspiel gegen Finnland. Für das, was am 24. Oktober 1984 folgen sollte, hatte man in der Rückschau also schon mal einen Vorgeschmack bekommen können.
Die Rummenigge-Millionen sanieren den FC Bayern
Damals, inzwischen vor bald 41 Jahren, war Rummenigge gerade frisch vom FC Bayern München zu Inter Mailand gewechselt. Ein Transfer wie ein Gefallen für den heutigen deutschen Rekordmeister, der sich unter der Leitung des noch jungen Managers Uli Hoeneß durch die elf Millionen Mark Ablöse kernsanieren konnte. Ein essenzieller Meilenstein in der außergewöhnlichen Entwicklung bis heute.
Die Serie A hatte sich seinerzeit zum goldenen Standard aller europäischen Ligen entwickelt, weshalb es nur logisch erschien, dass es einen Spieler vom Kaliber Rummenigge - mit Ende 20 - ebenfalls über den Brenner zog.
Seine beste Zeit hatte der Europameister von 1980, wie wir heute wissen, zwar hinter sich, doch auch wenn die drei Jahre in Mailand keinen Titel abwarfen: An ein ganz besonderes Tor erinnern sich einige Interisti noch heute. Vor allem, weil es nicht zählte.
In der zweiten Runde des UEFA-Pokals 1984/85 empfingen die Nerazzurri zum Hinspiel die Glasgow Rangers. Ein namhaftes Kräftemessen in San Siro, bei dem viele Augen auf den kostspieligen Neuzugang gerichtet waren. Von Rummenigge erhofften sich die Tifosi besondere Dinge. Und besondere Dinge sollte er ihnen liefern.
Beim Stand von 1:0 für Inter schlug Rummenigges Sturmpartner Alessandro Altobelli eine Flanke aus dem linken Halbfeld an den Fünfmeterraum, die für den Deutschen allerdings kaum vernünftig aufs Tor zu verlängern war. Zumindest nicht per Kopf.
Schiedsrichter Roth fällt auf eine Simulation herein
Doch Rummenigge hatte einen Geistesblitz. Zwischen zwei Gegenspielern setzte er zu einem fulminanten Sprungkick an und schoss den Ball in einer Bewegung, die an die Hochsprung-Technik "Straddle" erinnerte, in über zwei Metern Höhe mit seinem rechten Fuß sogar platziert ins Eck. Ein unfassbares Tor. "Ich traf den Ball perfekt. Das gesamte Stadion ist aufgestanden und gab Standing Ovations", erinnert sich Rummenigge im großen Gespräch mit dem kicker zu seinem 70. Geburtstag. Doch ausgerechnet ein Landsmann hatte etwas dagegen.
Schiedsrichter Volker Roth fiel auf eine Simulation des Rangers-Verteidigers Craig Paterson herein, der sich theatralisch zu Boden warf und dort auch verweilte, obwohl Rummenigge ihn gar nicht getroffen hatte. Da halfen auch erboste Schläge mit den flachen Händen auf den Rasen nicht: Rummenigge wurde der Treffer verwehrt.
Am 24. Oktober 1984 ging sich für Rummenigge und Inter erst mal alles aus. Das Sprungwunder erzielte kurz vor Schluss noch den 3:0-Endstand, nach einem 1:3 im Rückspiel kamen die Mailänder weiter und scheiterten erst im Halbfinale an Real Madrid. Als Referee Roth nach seiner Fehlentscheidung in den Katakomben des San Siro jedoch um Rummenigges Trikot bat, weil sein Sohn so ein großer Fan war, platzte dem "Bestohlenen" doch noch mal die Hutschnur.
„Er hat mir mein schönstes Tor genommen, ich konnte ihm mein Trikot nicht geben.“ (Karl-Heinz Rummenigge über Schiedsrichter Volker Roth)
"Ich war wirklich wütend, ich hatte gerade die Wiederholung auf einem Fernseher gesehen. Es war das beste Tor meiner Karriere, das er für ein gefährliches Spiel weggepfiffen hat, das es gar nicht gegeben hatte", erklärte Rummenigge 2011 in einem Interview mit der Gazzetta dello Sport. "Er hat mir mein schönstes Tor genommen, ich konnte ihm mein Trikot nicht geben."
2025 erzählt Rummenigge dem kicker, dass der inzwischen verstorbene Roth es damals doch noch überreicht bekam, und die Interisti durften sich im Dezember 1985 auch noch an einem spektakulären Rummenigge-Seitfallzieher gegen Torino erfreuen, der diesmal zählte. Und der ebenfalls schön war, wie die Tore des Jahres 1980 und 1981. Doch der Straddle-Kick gegen die Rangers, der wäre am schönsten gewesen.