Serbiens Nationaltrainer kritisiert moderne Zehner
Dragan Stojkovic führte die Weißen Adler zur WM 2022, zur EM 2024 und in die Liga A der Nations League. Alles beachtliche Erfolge für ein Land, das in den Jahren davor Gefahr gelaufen war, als Fußballnation in der vorbergehenden Bedeutungslosigkeit zu verschwinden.
Man möchte nun meinen, dass ihm die Fans in Serbien zu Füßen liegen, doch dem ist nicht so.
Viel Kritik musste sich der 60-Jährige nach dem enttäuschenden Vorrunden-Aus bei der EM im Vorjahr in Deutschland anhören, anschließend hatte er auch seinen Rücktritt angeboten, wie er nun L'Equipe verriet. Das sei vom Verband FSS aber abgelehnt worden. Die Folge: Mit ihm blieb Serbien erstklassig in der Nations League, sehr zum Leidwesen der Österreicher (1:1, 2:0).
Jetzt aber richtet sich der Blick auf die bevorstehende WM-Qualifikation Richtung USA 2026, wo am Samstag (20.45 Uhr, LIVE! bei kicker) wahrscheinlich das aus Fan-Sicht kniffligste Spiel in Tirana gegen Albanien ansteht. Auch aufgrund der schwierigen Geschichte beider Länder ist es ein Spiel, das man nicht verlieren darf. Das weiß auch Stojkovic.
Ebenso weiß er, was auf ihn zukommt, sollte es schiefgehen.
Kein Freund sozialer Medien
"In den sozialen Medien schneidet man dir sofort den Kopf ab. Gestern war ich noch König, aber heute habe ich gar keinen Plan vom Fußball. Jeder darf alles sagen - über dich, deine Familie oder die Uhr, die du trägst." Stojkovic macht kein Geheimnis daraus, dass er kein Freund von sozialen Medien ist. Er übte aber auch Kritik am modernen Fußball, im Speziellen am Umgang mit dem klassischen Zehner, die Nummer, die er selbst als Profi auf dem Rücken getragen und die er im klassischen Sinne auch gespielt hatte.
"Die 10 ist das Symbol der Mannschaft, sie ist ihr Gehirn", hebt Stojkovic den besonderen Stellenwert dieser Position hervor und erwähnt dabei Legenden wie Michel Platini, Zico, Diego Maradona, Zinedine Zidane, Lionel Messi oder auch Neymar. Ihm, der sich selbst als Spieler "dieses Kalibers" verortet, ärgert es, dass die Zehner im modernen Fußball weitaus weniger Freiheiten genießen wie einst. "Sie werden gezwungen, zu verteidigen, einfach zu spielen - mit ein, zwei Kontakten."
Das sei nicht gut. Denn: "Dribblings, Technik und Visionen" seien genau die Dinge, die "die Herzen der Fans erobern". So wie er es in seiner Prime getan hat. 1989 verließ er Roter Stern Belgrad und schloss sich Olympique Marseille an, die Südfranzosen waren damals so etwas wie PSG heutzutage: finanzstark und gierig auf die Champions League, damals noch Landesmeisterpokal.
OMs damaliger Präsident und Aktionär Bernard Tapie hatte ihn als den Spieler ausgemacht, mit dem man die Champions League gewinnen würde. Ganz bescheiden meint Stojkovic, dass er damals auch der beste Spieler der Welt war. "Maradonas Karriere neigte sich ihrem Ende zu und Marco van Basten war verletzt - damals hatte ich keine Konkurrenz." Hätte er damals keine schwere Knieverletzung erlitten, hätte er den Ball d'Or gewonnen, ist sich Stojkovic sicher.
Elfmeterverweigerer in Marseille
In Marseille geriet seine Karriere schließlich ins Stocken, wenngleich er 1992/93 die Champions League gemeinsam mit Rudi Völler tatsächlich gewann (1:0 gegen AC Mailand) - eine tragende Säule war der Serbe da aber schon längst nicht mehr bei OM. Schon ein Jahr zuvor hätte er außerdem den Landesmeisterpokal mit Marseille gewinnen können, das auch noch ausgerechnet gegen seinen Ex-Klub Roter Stern. Das Spiel aber verloren die Südfranzosen 3:5 im Elfmeterschießen.
Stojkovic, der in diesem Finale erst in der 111. Spielminute eingewechselt worden war, weigerte sich damals übrigens, einen Elfmeter auszuführen. "Ich habe es nicht verstanden. Ich habe mich eine Stunde lang aufgewärmt. Alle haben mich gerufen, außer Raymond Goethals. Ich dachte: Hat er mich vergessen, was ist los?" Als er dann im Spiel war, weigerte er sich einen Elfmeter zu schießen. Warum?
„Ich habe zu mir selbst gesagt: Nein, nein, gegen die kannst du nicht schießen. Zum Teufel nochmal, das ist mein Ex-Klub."“ (Dragan Stojkovic)
"Ich war wütend. Ich habe ihm gesagt: Du hast mich acht Minuten vor Schluss eingewechselt, du hast mich nicht respektiert. Es war ein Albtraum, aber ich denke, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Ich habe zu mir selbst gesagt: 'Nein, nein, gegen die kannst du nicht schießen. Zum Teufel nochmal, das ist mein Ex-Klub.'"
Jahrhundert-Elf und Maradona in Japan
Übel genommen haben ihm das die OM-Fans offenbar nicht, denn 2010 wurde er anlässlich des 110. Geburtstags des Klubs von selbigen sogar in die Jahrhundert-Elf ihrer Mannschaft gewählt - und das, obwohl er in seinen drei Jahren auch aufgrund häufiger Verletzungen nur 29 Spiele für OM bestritt. 1995 wechselte er nach Japan zu Nagoya Grampus, wo er zum absoluten Superstar wurde und auch heutzutage noch verehrt wird.
"Dort bin ich wie Maradona", sagt Stojkovic und verrät, dass er auch ein Angebot von Arsene Wenger und Arsenal zugunsten der Japaner abgelehnt hatte. Wenger soll ihm damals gesagt haben, dass er neben Glenn Hoddle und George Weah einer von den drei besten Spielern gewesen sei, die der Franzose bis dato kennengelernt hatte.
Diese Zeiten liegen aber schon lange zurück. Im Hier und Jetzt dreht sich für Stojkovic alles um die WM-Qualifikation und damit auch das Spiel am Samstag in Albanien. An seine Spieler glaubt er fest, denn ansonsten hätte er den Job nicht übernommen. "Ich wurde Nationaltrainer, weil ich diese Spielergeneration gut kannte und wusste, dass ich mit ihr etwas erreichen kann."
Milinkovic-Savic und Radonjic ausgebootet
Und da scheut er sich auch nicht davor, unpopuläre Entscheidungen zu treffen. So machte er deutlich, dass Sergej Milinkovic-Savic (viele Jahre Lazio Rom, seit 2023 in Saudi-Arabien bei Al-Hilal) nicht mehr zur Nationalelf berufen werde, solange er Trainer sei. Auch weil dieser ihm gesagt habe, dass er mental nicht in der Lage sei, für die Nationalmannschaft zu spielen.
Ein weiteres Sorgenkind ist auch der ehemalige Herthaner Nemanja Radonjic, der den Trainer nach seiner Nicht-Nominierung in den sozialen Medien öffentlich diskreditiert hatte. "Es sind immer die wütend, die nicht spielen", nimmt es Stojkovic gelassen und meint: "Was ist das Problem? Es liegt nicht daran, dass er mir nicht sympathisch ist. Lasst uns offen sprechen. Er hatte einen guten Sprint gegen Stuttgart - und wann war das? Hat er es verdient, berufen zu werden? Wahrscheinlich nicht. Man spielt nicht wegen einem guten Sprint."