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TAA: Liverpools Liebling erreicht das nächste Level

kicker

Zum Abgang von Trent Alexander-Arnold

Der Schauplatz ist Sinsheim. Der Anlass die Play-off-Runde in der Champions-League-Saison 2017/18. Der Tag: 15. August. In der Geschichte des Europapokals und des FC Liverpool ist das Jahre später nur noch eine Randnotiz wert, für die Laufbahn des Trent Alexander-Arnold hat dieses Spiel jedoch eine größere Bedeutung als nur die eines kleinen gelben Zettels.

An diesem Abend, an dem die TSG Hoffenheim ihren historischen, weil ersten Europapokalauftritt hat, schlägt der damals 18-Jährige ein großes Buch auf. Das Talent aus der LFC-Academy erzielt ein feines Freistoßtor, zirkelt den Ball aus 25 Metern über die Mauer zur 1:0-Führung rechts unten ins Netz.

Die Reds werden das Hinspiel mit 2:1 gewinnen, das Rückspiel mit 4:2 und sich somit für die Gruppenphase qualifizieren. In jener Saison beginnt Liverpools Eroberung Europas. Das Finale gegen Real Madrid endet in Kiew noch mit einem 1:3, ein Jahr später aber holt die Mannschaft des deutschen Teammanagers Jürgen Klopp in Madrid (2:0 gegen Tottenham Hotspur) den Henkelpott zum sechsten Mal an den River Mersey.

Rechtsverteidiger Alexander-Arnold und Andy Robertson auf links sind dabei stilprägend. Die atemberaubend offensiv agierenden Außenverteidiger stellen Assist-Rekorde auf, national und auf dem Kontinent. TAA beeindruckt zudem als Standardspezialist, sein schnell ausgeführter Eckstoß ("Corner taken quickly") vor dem 4:0 durch Divock Origi im sensationellen Halbfinal-Rückspiel gegen den FC Barcelona ist ein Moment für die Ewigkeit, sowohl für den Klub als auch für die Königsklasse insgesamt.

Was in Sinsheim noch keiner ahnen kann: Alexander-Arnolds internationale Premiere hat exemplarischen Charakter für seine weitere Karriere. Nach seinem Traumtor ist der Debütant gegen Spielende kurz unaufmerksam, reklamiert Abseits und ermöglicht mit dem damit verbundenen Stellungsfehler den verdienten Hoffenheimer Anschlusstreffer durch Mark Uth.

„Mit 18 die Eier zu haben, so einen wichtigen Freistoß zu schießen, ist besser als jeder Fehler.“ (Jürgen Klopp)

In der Instant-Berichterstattung der britischen Medien wird das online sogleich thematisiert. Der kicker fragt Klopp damals, wie schwer der Abwehrfehler im Verhältnis zum Torerfolg des Jungen wiege. Der Trainer sagt es deutlich: "Mit 18 die Eier zu haben, so einen wichtigen Freistoß zu schießen, ist besser als jeder Fehler."

Doch bis heute ist es so geblieben: Alexander-Arnolds offensive Leistungen werden immer wieder mit seinem Abwehrverhalten abgeglichen. Die nationalen Medien schienen bisweilen einen Narren daran gefressen zu haben, sich an diesem Star der Reds abzuarbeiten.

TAA hat eine Schlüsselrolle in der Ära Klopp

Der "Local Hero" aus West Derby, etwas östlich von Liverpools Zentrum gelegen, der im Alter von sechs Jahren erstmals im roten Trikot auflief, stellte den neuen Trainer Arne Slot vor eine besondere Aufgabe, nachdem der Niederländer von Feyenoord Rotterdams De Kuip an die Anfield Road gewechselt war. TAA war bei Klopp sieben Jahre lang eine feste Größe auf der Rechtsverteidigerposition. Sein Offensivinstinkt, seine Fähigkeit, einen spielentscheidenden langen Diagonalpass zu schlagen und seine Gefahr bei Eck- und Freistößen machten ihn unverzichtbar, er hatte eine Schlüsselrolle bei all den Titelgewinnen der Ära Klopp: Champions League, Premier League, FA Cup, zweimal League Cup, Klub-WM, UEFA-Supercup.

Und auch bei Slot und dessen Meisterstück gleich im ersten Jahr lieferte TAA weiter: drei Tore und sechs Assists steuerte er zum souveränen Titel in der Premier League bei. Auf 60 Einsätze kommt er inzwischen in der Champions League, fünf in der Europa League, drei Tore und 16 Assists stehen im Europacup in seiner persönlichen Bilanz.

Als Slot kam, hatte Alexander-Arnold gerade eine schwierige EM hinter sich. Englands Nationaltrainer Gareth Southgate experimentierte in der Gruppenphase erfolglos mit ihm im Mittelfeld, das Team hatte unübersehbare Probleme bei dem Turnier in Deutschland, in dem es dennoch das Finale gegen Spanien erreichte.

Bereits in Klopps letzter Saison agierte Alexander-Arnold öfter als ins Mittelfeld einrückender Rechtsverteidiger. Akademie-Talent Conor Bradley bot sich auf dieser Position zunehmend als Back-up an. Würde Liverpools Abwehr mit einem defensiv kompetenteren Rechtsverteidiger dichter stehen? Slots Suche nach dem rechten Platz war bereits im vergangenen Sommer mit der Ungewissheit verbunden, ob Alexander-Arnolds auslaufender Vertrag am Ende der Saison den Abschied bedeuten würde.

Schon vor einem Jahr spekulierten viele auf einen Wechsel zu Real Madrid, der sich nun bald bewahrheiten dürfte, wohl schon zur Klub-WM, was aber einer Ablöse bedarf. Es gehört auch nicht viel Fantasie dazu, sich Alexander-Arnold und seinen "Bro" Jude Bellingham bei den Königlichen als englisches Traumduo vorzustellen, weltweit beobachtet von Fußball- wie von Popstar-Medien. Reals Rechtsverteidiger-Legende Dani Carvajal ist inzwischen 33 Jahre alt und fällt ohnehin noch mit einem Kreuzbandriss aus.

Zumindest anfangs half der Trainerwechsel in Liverpool Alexander-Arnold, sich auf sein eigenes Spiel zu konzentrieren, und veranlasste ihn, Slots Rat zu suchen. Der Profi erinnert sich: "Ich habe dem neuen Trainer gesagt, dass ich der Verteidiger werden will, mit dem in Europa niemand konfrontiert werden will. Wir waren uns einig, dass er hart zu mir sein würde. Wenn ein Angreifer an mir vorbeikam, sprach er es sowohl in Teambesprechungen als auch in Einzelgesprächen an. Wir gehen jedes Spiel zusammen durch, und er hebt hervor, wo ich mich verbessern soll."

Und weiter: "Es war erfrischend, einen Trainer zu haben, der mir hilft und mich anleitet und mir beibringt, wie ich als Spieler besser werden kann. Ich bin jemand, der lernen will, jemand, der der Beste sein will, und jemand, der danach strebt, der Beste aller Zeiten zu sein." Die Schlussfolgerung aus diesen Kommentaren war, dass Klopp entspannter mit TAA umgegangen war und eher dessen Offensivdrang als dessen Defensivvermögen gefördert hatte.

Niemand hatte ja erwartet, dass Slot umgehend einen so enormen Einfluss auf die Premier League haben würde. In derart großen Fußstapfen als Klopp-Nachfolger sogleich zur Meisterschaft zu marschieren, ist aller Ehren wert. Slot hat dabei viel Zeit darauf verwendet, die einzelnen Spieler zu studieren und die Teamtaktik zu verfeinern. Dies führte zu einem kontrollierteren Spielstil, bei dem der Ballbesitz eine größere Rolle spielt als zuvor. Das kam wiederum Alexander-Arnold entgegen, der mehr Zeit zur Konzentration auf Abwehraufgaben gewann und so sein nächstes Level erreichte.

Das gilt auch für den Abschluss: Zum Sieg in Leicester traf Alexander-Arnold mit links, zum allerersten Mal in seiner Profikarriere. Völlig euphorisiert jubelte er nach dem Abstauber an der Eckfahne. "Das war die Art von Tor, das mir noch gefehlt hat, aber ich habe es mir für den richtigen Zeitpunkt aufgehoben", sagte er.

„Trent ist gut in einer zentralen Rolle, aber er ist der beste Spieler der Welt, wenn er auf der Außenbahn agiert.“ (Arne Slot)

Auch Slot freute sich vehement über den wichtigen Siegtreffer für die Meisterschaft, dabei sieht der Trainer doch TAA vor allem als Verteidiger und Zulieferer: "Trent ist gut in einer zentralen Rolle, aber er ist der beste Spieler der Welt, wenn er auf der Außenbahn agiert. Er ist etwas Besonderes. Seine Flanken sind unglaublich. Als wir anfingen zusammenzuarbeiten, habe ich betont, dass er immer wieder seine Assist-Zahlen produzieren muss. Ich wollte aber zugleich auch, dass wir weniger Schüsse des Gegners zulassen, also musste er sich in der Defensive etwas verbessern."

Konstanz war eine weitere Forderung Slots. "Wenn er auf dem Höhepunkt seines Spiels ist, ist er ein sehr guter Verteidiger", lobte der Trainer, um leise Kritik nachzuschieben: "Weil er schon ziemlich lange bei diesem Klub ist, trainiert er manchmal oder absolviert Spiele mit dem Gedanken: Das habe ich doch schon 200-mal getan. Daran haben wir gearbeitet. Ich denke, wir können die Fortschritte sehen, die er gemacht hat." Nun löst sich der Profi aus der Komfortzone und sucht womöglich auch neue Impulse für sein Spiel.

Die Erwartungen an Alexander-Arnold waren stets uneingeschränkt hoch, im Klub, bei seinem Trainer. Seine Beliebtheit bei den Fans, zumal rund um Liverpool, war noch größer. Er wurde in einem Atemzug mit Legenden wie Steven Gerrard und Jamie Carragher genannt, weil er ebenfalls als waschechter Scouser in der Region aufwuchs und mit den Reds Titel gewann. Wie tief der Trennungsschmerz bei den Anhängern sitzt, ließen ihn diese teils bereits lautstark in seinem vorletzten Heimspiel spüren.

Nach dem Sieg in Sinsheim machte ein Foto die Runde, das ihn als neunjähriges Einlaufkind an der Seite von Carragher zeigt. Damals hoffte man vielleicht noch, dass da wieder ein "One-Club-Man" heranwächst. Er spielte dann immerhin zwei Jahrzehnte für seinen Verein. Bald zieht Trent Alexander-Arnold ablösefrei weiter, den Fans der Reds gefällt das freilich nicht, Carragher sagte am Montag bei Sky Sports: "Ich bin enttäuscht, dass er als einheimischer Spieler nicht glaubt, dass Liverpool genug ist - obwohl sie gewinnen."

Ein letztes Heimspiel steht nun noch aus, Meister Liverpool empfängt Pokalsieger Crystal Palace, und Alexander-Arnold wird auf Milde bei den Anhängern hoffen. "Dies ist mit Sicherheit die schwerste Entscheidung, die ich je in meinem Leben getroffen habe", erklärte er zu seinem Abschied. Was bleiben wird, sind seine Titel, Vorlagen, Flanken, natürlich die schnelle Ecke und die nun legendäre Rückennummer 66. Und hoffentlich wird auch sein riesiges Wandbild nahe der Anfield Road nicht überpinselt. Er sei ein ganz normaler Junge aus Liverpool, heißt es dort, von ihm als Zitat. Bescheidenheit ist eine Zier.