System und Personal müssen zusammenpassen
Nicht nur bei der Trainervielfalt muss man auf dem Betzenberg aufpassen, nicht den Überblick zu verlieren. Die fünf Cheftrainer der vergangenen Jahre brachten alle unterschiedliche Spielideen mit - mancher sogar mehrere. Dementsprechend trat die Mannschaft in dieser Zeit auf.
Folgenden Satz äußerte Thomas Hengen im November 2023 im Zuge der Freistellung Dirk Schusters. "Unser dieses Jahr angeschobenes System mit einer Dreierkette ist sicherlich etwas anspruchsvoller, aber das wollen wir weiter vorantreiben."
Am 11. Januar 2024, also 42 Tage später, wird der neue Trainer Dimitrios Grammozis am Rande des Wintertrainingslagers folgendermaßen zitiert: "Ich finde, dass wir mit einer Viererkette auch vorne besseren Zugriff kriegen können, deshalb wollen wir dieses System spielen." Wiederum neun Tage später, am 20. Januar, verliert der FCK den Rückrundenauftakt beim FC St. Pauli mit 0:2 - mit einer Dreierkette. Willkommen im Taktik-Wirrwarr des 1. FC Kaiserslautern.
Es geht übrigens noch weiter. Ein halbes Jahr später, nachdem Friedhelm Funkel den Verein vor dem Abstieg bewahrt hatte, übernahm Markus Anfang den Trainerposten. Ein Verfechter der Viererkette, die zu Beginn der gerade abgelaufenen Saison auch praktiziert wurde. Weil die chronische Abwehrschwäche der letzten Jahre in dieser Grundordnung jedoch einen akuten Schub bekommen hatte, setzte auch Anfang ab dem 9. Spieltag wieder auf drei Innenverteidiger. Die Saison beendete Torsten Lieberknecht als Trainer mit der 0:4-Niederlage in Köln - wo wiederum eine Viererkette auf dem Feld stand.
Das Wechselspiel führte zu Verunsicherung
Wer in diesen ständigen Wechselspielen versucht, etwas Positives zu finden, wird sich schwertun. Mannschaften müssen zwar flexibel agieren und sich auf unterschiedliche Gegebenheiten einstellen können. In Kaiserslautern führte das Prozedere jedoch in erster Linie zu Verunsicherungen - und zwar nicht nur im Defensivbereich. Denn die Grundordnung in der Hintermannschaft bedingt ja auch die Formation in der Offensive. Anders als mit einer Viererkette können im Dreierverbund im Grunde keine zusätzlichen offensiven Flügelspieler agieren, da deren Position durch die Schienenspieler neben der Kette besetzt ist.
Ein grundlegendes Problem führte zu dieser Situation. Die Trainerauswahl der vergangenen Jahre folgte keiner sportlich einheitlichen Linie, sondern war schlichtweg eine Frage der Verfügbarkeiten. Da der Kader nicht jeden Sommer und erst recht nicht während der Trainerwechsel in der laufenden Saison auf links gedreht werden konnte, mussten Schuster, Grammozis, Funkel und Anfang mit einer Menge Spielern vorliebnehmen, die nicht zu ihrem Plan passten.
Lieberknecht sprach dieses Problem nach seinen vier Partien zum Saisonende direkt an. "Der Kader ist massiv mit 25 Mann. Es gab natürlich auch einen Grund, warum und weshalb. Du hast mit einer Idee begonnen, hast dann die Idee geändert und hast dann auf einmal ein Spielsystem gehabt, wo viele Leute nicht mehr die passende Position gefunden haben. Und so ist dieser Kader dann entstanden", erklärte der 51-Jährige. Funkel äußerte es vor etwas mehr als einem Jahr in einem Hintergrundgespräch einmal ähnlich. Frei formuliert: Der Kader sei im Grunde für gar kein System ausgelegt, sondern für alles ein bisschen.
Lieberknechts gute Ausgangsposition
Dieses Durcheinander muss ein Ende finden. Geschäftsführer Hengen und Sportdirektor Klos müssen eine klare Linie finden - und diese durchziehen. Was auch bedeutet: Sollte auch Lieberknecht den hohen Anforderungen auf dem Betzenberg nicht gerecht werden können und der FCK das nächste Mal auf Trainersuche gehen, darf nicht die nächste 180-Grad-Wende erfolgen.
Stand jetzt ist aber Lieberknecht am Ruder und hat die wohl beste Ausgangssituation der letzten Jahre. Der Kader wird nämlich in diesem Sommer auf links gedreht werden müssen. Acht Spieler sind schon weg, die Zukunft von mindestens genauso vielen ist noch ungeklärt. Dementsprechend viele Spieler werden neben den drei schon vermeldeten Zugängen noch kommen müssen. Die perfekte Gelegenheit also, dem Kader eine klare Linie zu verpassen.