Wie genau Jule Brand in ihren 23. Geburtstag an diesem 16. Oktober hineinfeierte, ist nicht überliefert. Ebenso, welche Präsente sie an diesem Tag erreichen werden. Sicher ist nur, dass sie sich ein großes Geschenk bereits höchstselbst machen konnte.
Beim 3:0-Sieg im Champions-League-Spiel gegen St. Pölten am Dienstagabend traf die deutsche Nationalspielerin zum zwischenzeitlichen 1:0 - und lieferte nicht nur wegen dieses ersten Pflichtspieltreffers für Olympique Lyonnes ihre bisher beste Leistung ab, seit sie in diesem Sommer den großen, herausfordernden Schritt vom VfL Wolfsburg zum französischen Weltklub gegangen war. Dorthin, wo die Uhren dann doch noch mal anders ticken.
In Lyon jedenfalls ist alles größer, noch ambitionierter aufgestellt. Und diesen Anpassungsprozess, den durchläuft Brand nach wie vor. Sie muss sich anpassen, gewöhnen - an ihre neue Wahlheimat, ihr neues Team, die neue Liga und den permanenten internen Wettstreit auf Weltklasse-Niveau. Kein leichtes Unterfangen, und so verwundert es nicht, dass Brands erste Wochen beileibe nicht reibungslos verliefen.
Vor der Partie gegen St. Pölten wurde sie zweimal eingewechselt, stand zweimal in der Startelf, wobei viele ihrer Aktionen Stückwerk blieben - und ihr bei ihrem insgesamt eher unglücklichen Startelf-Auftritt im Topspiel gegen Paris Saint-Germain (6:1) ein bitterer Fehlschuss aus kürzester Distanz unterlief. Brand schaute danach reichlich geschockt.
Umso wichtiger dürfte für sie nun der Auftritt gegen St. Pölten gewesen sein. Zählbare Erfolgserlebnisse, überzeugende Leistungen, daraus ziehen Spielerinnen im Generellen und Offensivkräfte im Speziellen nun mal massig Selbstvertrauen. Und etwas mehr Selbstvertrauen wird Brand jetzt gewiss gesammelt haben gegen die tief im 5-4-1 stehenden Österreicherinnen, gegen die sie auf der linken Offensivseite im 4-3-3 startete, wobei sie kaum an der linken Außenlinie verblieb, sondern meist im linken Halbräumen agierte oder auch mal ganz herüberschob auf die rechte Seite und dort dabei half, den Flügel zu überladen. 85 Minuten stand Freigeist Brand auf dem Platz und hatte vor allem in den ersten 70 Minuten einen enorm hohen Aktionsradius.
Viele Aktionen und zwei Scorerpunkte: Brand überzeugt gegen St. Pölten
Gleich zu Beginn war die 65-malige deutsche Nationalspielerin, die Bundestrainer Christian Wück künftig womöglich auch mal als Zehnerin ausprobieren will, gut eingebunden und sammelte gefährliche Ballaktionen. Ein Steckpass in Sofie Svavas Richtung wurde gerade noch abgefangen (4.) und ein Dribbling schlug gerade noch fehl (5.), ehe Brand die erste Top-Chance von Ada Hegerberg vorbereitete - ebenfalls per Steckpass (16.). Wenig später konnte Brand eine Hereingabe von Vicky Becho nicht schnell genug verarbeiten, kam daher nicht zum Abschluss (23.). Sie bereitete eine Schusschance von Ines Benyahia nach einem Aufbaufehler vor (24.), legte kurz darauf, am Fünfmeterraum positioniert, nicht ganz sauber auf Benyahia ab (25.) - und traf dann zum 1:0.
Einen Querpass von Becho veredelte sie problemlos zur Führung und schloss damit einen hervorragenden Angriff ab, der über links nach rechts verlagert wurde und von dort wieder ins Zentrum und in den Strafraum führte (28.). Nachfolgend legte sie Hegerberg per Kopf einen Abschluss auf (33.), war zumindest bedingt am 2:0 beteiligt, weil sie zwei Gegenspielerin auf sich zog und Hegerberg damit zum recht freien Kopfball verhalf (45.).
Und auch in der zweiten Hälfte sammelte Brand ihre Szenen, wobei damit nicht mal der Assist zum 3:0 gemeint ist. Diese Vorlage geht zwar in die Statistik ein, war aber bei Lichte betrachtet nur ein simpler Flachpass. Die sehr auffällige 18-jährige Lily Yohannes schoss daraufhin aus 40, 45 Metern über die zu hoch stehende Keeperin Teagan Micah hinweg (51.).
Diani, Chawinga und Becho: Die Konkurrenz für Brand ist in Lyon enorm
Mit mehr Aufwand war da schon die Vorlage für Hegerbergs Abschluss verbunden (53.). Äußerst sehenswert war auch, wie sich Brand nach einer flach ausgeführten Ecke mit nur einem Kontakt um ihre Gegenspielerin wickelte und in Richtung Tor zog. Eine Szene, in der die Flügelspielerin Tempo wie Technik zur Aufführung brachte - und nur knapp an ihrer nächsten Torbeteiligung vorbeischrammte. Ihre kräftige Hereingabe erreichte nämlich weder Becho noch wurde sie von St. Pöltens Defensive versehentlich ins eigene Tor abgefälscht (61.). Und nach einem nicht einfach zu setzenden und letztlich zu lasch geratenen Kopfball (69.) neigte sich Brands Arbeitstag im Groupama Stadium schließlich dem Ende zu.
Gewiss, sie konnte sich zufrieden auf die Bank setzen. Wohl wissend, dass das erst der Anfang gewesen sein darf und es mehr Top-Leistungen benötigt, um sich nachhaltig für Startelfeinsätze in den Spitzenspielen zu empfehlen. Denn einerseits gehört es zur Wahrheit, dass St. Pölten kein Gegner auf Spitzenniveau war, andererseits muss sie sich hierarchisch erst noch nach oben arbeiten.
Um die offensiven Außenpositionen balgen sich in Lyon Brand, Kadidiatou Diani (30), Tabitha Chawinga (29), Becho (22) sowie eigentlich auch Liana Joseph (19). Und: Beim 2:1-Sieg beim amtierenden Champions-League-Sieger Arsenal eine Woche zuvor stand Brand eben nicht in der ersten Elf - stattdessen starteten die schon etablierten Top-Stars Diani und Chawinga.
Brands Auftritt als Teil der 1b-Elf gegen St. Pölten war ein gutes Signal
Als Chawinga den Platz verlassen musste, kam zudem nicht Brand ins Spiel, sondern die hochtalentierte Joseph. Erst als diese wenig später verletzungsbedingt nicht mehr weitermachen konnte, betrat Lyons neue Nummer 29 nach 68 Minuten das Feld. Wie viel sie künftig spielen wird? Die 1,77 Meter lange Flügelspielerin dürfte im Zuge der Rotation viele Minuten erhalten, zumal Joseph in London nicht wegen einer Lappalie ausschied, sondern sich tragischerweise einen Kreuzbandriss zuzog und monatelang fehlen wird.
Allein: In den Topspielen erste Wahl zu sein, das wird sich Brand mit guter Arbeit verdienen müssen. Im Training, im Spiel - mit Einsatzfreude, viel Aktivität, noch besserer Entscheidungsfindung und gefährlichen Ballaktionen in verlässlicher Regelmäßigkeit.
Eine große Herausforderung, der sich Brand mit ihrem Wechsel nach insgesamt 106 Bundesliga-Spielen bewusst stellte, um weiter zu wachsen und eine noch bessere Fußballerin zu werden. Der Auftritt als Teil der 1b-Elf gegen St. Pölten war da zweifelsfrei ein gutes Signal von ihr an Trainer Jonatan Giraldez.
Dementsprechend glücklich zeigte sich Brand dann auch nach Schlusspfiff. Lächelnd erklärte sie, sich sehr über den Sieg und über ihr erstes offizielles Tor für Lyon zu freuen. Sie hoffe auf große Unterstützung am Samstag in der Liga gegen Nantes, sagte Brand. Erst einmal allerdings darf sie nun kurz durchatmen und ihren Geburtstag begehen. Sie selbst hat ihn sich bereits versüßen können.