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Von Dortmund nach Schalke: Möllers "Ich-zeig's-euch-allen-Tour"

kicker

Die "Heulsuse" wird zur "Kampfsuse"

Vor dem Hotel Weissenburg im Münsterland wehen blau-weiße Flaggen im Wind. Der FC Schalke 04 feiert den Abschluss der Saison 1999/2000 mit seinen Spielern, deren Frauen, mit den Offiziellen und Aufsichtsräten. Spät am Abend treffen sich die Klubaufseher noch einmal zu einer Sitzung. Längst sind die wichtigsten Tagesordnungspunkte abgearbeitet, da ergreift Rudi Assauer abschließend das Wort - unter "Verschiedenes". Er habe noch eine Kleinigkeit, die er dem Gremium vorstellen müsse, sagt Schalkes Manager in maßloser Untertreibung: "Wir haben Andreas Möller verpflichtet."

Stille im Raum.

Ausgerechnet Möller?

Die große Reizfigur?

In nur drei Tagen zum Deal

Einigen Aufsichtsräten soll die Kinnlade heruntergefallen sein. Sie ahnen, dass Schalke mit dieser Personalie eine ordentliche Dosis Skepsis unters Volk streuen - und sicherlich auch lebhaften Widerspruch ernten - wird. Aber niemand von ihnen äußert Bedenken. Vielmehr geben alle ihren Segen für die unter höchster Geheimhaltung erfolgte Verpflichtung des Welt- und Europameisters; der fertige Vertrag steckt schon in der Aktentasche von Schalkes Geschäftsführer Peter Peters. "Innerhalb kürzester Zeit haben wir diesen Transfer abgewickelt - mit Können und Entscheidungskraft", sagt er heute. Nach nur drei Tagen stand der spektakuläre Deal.

Dass Peters aus seiner früheren Tätigkeit als Journalist Klaus Gerster gut kennt, der nicht nur Möllers Berater, sondern auch einmal BVB-Manager war, erweist sich als nützlich. Vielleicht verlaufen die Gespräche, von denen das wohl wichtigste bei Kaffee und Kuchen (und zugezogenen Vorhängen) im Wohnzimmer des Geschäftsführers stattfindet, auch deshalb so zügig. "Wir hatten damals mit Ebbe Sand und Emile Mpenza im Sturm eine Mannschaft zusammengebaut, die noch einen Mittelfeldstrategen wie Möller brauchte. Er war der entscheidende Mosaikstein", erklärt Peters.

"Verdammte Hacke, Möller"

Am 26. Mai 2000 rast die Eilmeldung von Möllers Verpflichtung durch die Republik. Was viele königsblaue Anhänger für einen Scherz halten, für einen schlechten zudem, entpuppt sich als handfeste Sensation: Möller hat ein Arbeitspapier für zwei Jahre mit einem weiteren Jahr als Option unterschrieben, er kommt ablösefrei. "Verdammte Hacke, Möller", soll Assauer der Überlieferung nach auf seine gewohnt schnoddrige Art gesagt haben, "das ging ratzfatz."

Fans und Fachwelt zerbrechen sich die Köpfe: Welcher Teufel hat Möller geritten, um diesem persönlich hochriskanten, eigentlich unvorstellbaren Vabanquespiel zuzustimmen? Warum ausgerechnet Schalke, wo er wahlweise als "Heulsuse", "Weichei" oder, noch schlimmer, als "Heintje" verspottet wird - und warum eigentlich keiner von den türkischen Klubs, bei denen man ihn auf Händen tragen würde?

Mit Möller aus der Mittelmäßigkeit

Möllers Mission ist: ein persönlicher Neuanfang mit Image-Korrektur. "Das Bild drehen, das die Öffentlichkeit von mir hat", sagt er. "Ich will es allen beweisen." Vor allem, dass sogar Schalke mit ihm etwas gewinnen kann. Möller soll dazu beitragen, den nach dem UEFA-Cup-Sieg 1997 wieder in großer Tradition versunkenen Verein zu entstauben und aus der Mittelmäßigkeit der beiden zurückliegenden Jahre (Plätze 10 und 13) herauszuführen. Die letzte Meisterschaft, 1958, liegt gefühlt sogar so lange zurück wie das Schreiben von antiken Rekorden auf Papyrus.

Auf die Schnelle beruft Schalke eine Pressekonferenz ein. Als wolle er sicherstellen, dass ihm der 85-malige Nationalspieler nicht noch von der Fahne geht, drückt Assauer auch hier aufs Tempo. "Ich hätte nicht gedacht, dass Möller diesen Schritt tatsächlich macht", sagt der Manager. "Aber wer sich traut, beim Revierrivalen in den Zirkusring zu steigen, hat was vor und verdient Respekt und Anerkennung."

„Wenn ich eine Heulsuse wäre, hätte ich mich nicht zu diesem Schritt entschlossen.“ (Andreas Möller)

Möller gleich selbstbewusst

Bei seiner Vorstellung schlägt Möller Töne an, aus denen Selbstbewusstsein quillt. Bevor auch nur ein Spiel gespielt worden ist, äußert er die Überzeugung, dass Schalke für ihn "die richtige Entscheidung" bedeutet. Und weiter: "Wenn ich eine Heulsuse wäre, hätte ich mich nicht zu diesem Schritt entschlossen." Nach sechs Jahren in Dortmund, wo zwischen 1994 und 2000 für ihn in 205 Pflichtspielen 61 Tore und noch einmal 64 Assists notiert wurden, legen ihm die Bosse zwar einen neuen Vertrag vor. Man darf vermuten, dass die finanziellen Eckdaten dieses Papiers aber kein leidenschaftliches Interesse der Borussia an einer Weiterbeschäftigung, sondern eher das Gegenteil zum Ausdruck bringen sollten.

Und dann ist da 2000 noch der neue Trainer des BVB, Matthias Sammer. Dass er fortan ausgerechnet auf das Kommando seines Kumpels hören müsste und ihre enge Beziehung im Konflikt- oder Krisenfall auf eine harte Probe gestellt werden könnte, will Möller "unbedingt vermeiden". Mit dem Abstand von 25 Jahren betont er: "Unsere Freundschaft sollte nicht unter dieser Konstellation leiden."

  • Möllers Karriere im Überblick

Heftige Proteste und Transparente

Die "Ich-zeig's-euch-allen-Tour" kann beginnen. Herzlich willkommen ist Möller den Schalker Fans zunächst nicht. Heftige Proteste erheben sich, aggressiv und unfreundlich in der Wortwahl. Transparente im Parkstadion begrüßen die "Zecke Möller - Willkommen in der blau-weißen Hölle". Neugierig sind die Anhänger des Klubs trotzdem: Zum ersten Heimspiel der neuen Saison gegen den 1. FC Köln, das 2:1 gewonnen wird, pilgern 62.000 Zuschauer ins Parkstadion - 21.000 mehr als beim letzten Heimspiel der vorigen Saison.

Möllers Debüt fällt diskret aus (kicker-Note 4), doch schon die folgende Reise nach Rostock vermittelt mehr als nur eine Ahnung davon, wie Verein und Spieler gegenseitig voneinander profitieren können. Zwei blitzsaubere Assists beim 4:0 an der Ostsee gelten dann als erste Vorboten einer friedlichen Koexistenz. Endgültig abgeschlossen ist der Konvertierungsprozess Möllers einen Monat später, als Schalke im Westfalenstadion mit 4:0 siegt, ein Triumph so mächtig und süß wie eine Wiener Sachertorte. Im Gästeblock singen die Schalker Fans: "Ohne Möller habt ihr keine Chance."

Zwei Titel, aber keine Meisterschaft

Drei Jahre und 112 Pflichtspiele dient Möller dem FC Schalke 04. Die einst verhöhnte Heulsuse mutiert zur angesehenen "Kampfsuse". Elf Tore schießt Möller, 19 weitere bereitet er vor. "Wir haben alles richtig gemacht", bilanziert Peters, "und Andy aus seiner Sicht auch. Er hat sich durchgebissen und ein anderes Image gewonnen. Mit Spielern wie ihm gewinnt man Titel." Zweimal (2001, 2002) erobern Schalke und Möller den DFB-Pokal. Assauer und Peters fühlen sich bestätigt: Auch ein unbequemer Weg kann zum Erfolg führen.

Nur das große Sehnsuchtsziel erreichen auch sie nicht. Die Deutsche Meisterschaft 2001 verpasst Schalke auf tragische Art und Weise.