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Was Darmstadt Hoffnung macht und wo die Baustellen liegen

kicker

"Übergangssaison" als Startschuss für mehr?

Für Spieler und Fans des SV Darmstadt 98 war es eine anstrengende Saison. Keeper Marcel Schuhen etwa räumte nach dem letzten Saisonspiel unumwunden ein, wie sehr er sich nun auf den Urlaub freue. Ganz anders sein Trainer Florian Kohfeldt, der die nach vier Spieltagen sieglosen Lilien im September übernommen hatte und damit den größten Teil der Saison ebenfalls in den Knochen hat.

Kohfeldt sprüht vor Tatendrang. "Im Moment sind das die längsten Tage im Job, die total viel Spaß machen. Da ist keine Müdigkeit zu spüren", sagte er dem kicker. Natürlich gehe es um die Kaderplanung, aber auch um Dinge im Hintergrund - von der Organisation der Abteilungen über den Informationsfluss bis hin zu Mitarbeitergesprächen.

Diese Aussagen zeigen, dass es Kohfeldt um mehr geht, als eine Mannschaft erfolgreich zu coachen. Er will auch das Umfeld des Vereins mitentwickeln. In Bremen, seiner ersten Cheftrainer-Station, gebe es beispielsweise noch immer Dinge wie Ernährungsthemen oder den Aufbau einer Analyseabteilung, die in seiner Zeit angeschoben worden seien und von denen der Verein noch heute profitiere, sagt er nicht ohne Stolz.

„Ich habe Bock auf dieses Projekt. Ich bin hier, weil ich dauerhaft etwas entwickeln will.“ (Florian Kohfeldt)

Irritiert hätten ihn vor diesem Hintergrund in den vergangenen Wochen Fragen, ob er denn nächste Saison noch in Darmstadt sei und nicht etwa zu Schalke wechseln wolle, wo sein früherer Bremer Weggefährte Frank Baumann in der neuen Saison Sportvorstand ist. "Ich springe nicht auf den Zug und hoffe, dass ich wieder schnell in einer ersten Liga ankomme", stellte er klar. "Ich habe Bock auf dieses Projekt. Ich bin hier, weil ich dauerhaft etwas entwickeln will." Doch wie ist nach rund neun Monaten Kohfeldt der Stand dieses Projekts?

Kohfeldt-Tabelle vs. Rückrundentabelle: Wo steht Darmstadt sportlich?

Schwer zu sagen, wo Darmstadt sportlich wirklich steht. Angesichts der Erfolgsserie im Herbst kursierte lange die Kohfeldt-Tabelle, in der nur die Spiele seit Amtsantritt des Trainers geführt wurden und der SV Darmstadt 98 Tabellenführer war. Davon sprach jedoch in diesem Jahr niemand mehr.

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Am 34. Spieltag beim Stand von 0:1 zur Pause gegen Regensburg, lag das Team auf dem letzten Platz der Rückrundentabelle. Mit dem 3:1-Sieg gegen den Jahn sprang man dann noch auf Rang 15. Dennoch: Die Rückrunde war katastrophal. Vom Höhenflug der Hinrunde keine Spur mehr - und die von Kohfeldt immer wieder postulierte Entwicklung schlug sich auch nicht in Ergebnissen nieder.

Kohfeldt macht dafür in erster Linie die hohe Zahl von Verletzten verantwortlich: In gerade drei Spielen in diesem Kalenderjahr habe man einen vollständig besetzen Kader gehabt. Trotz der vielen Verletzten habe es Spiele gegeben, die man für sich hätte entscheiden können. Dass das nicht gelang, lag für Kohfeldt daran, dass Ankerspieler wie Kai Klefisch, Isac Lidberg oder Fraser Hornby fehlten. Anders als beispielsweise in den beiden Zweitliga-Jahren unter Torsten Lieberknecht, als es auch viele Ausfälle gab, konnten diese in der abgelaufenen Saison nicht kompensiert werden.

Flow und klangvolle Namen: Worauf die Lilien aufbauen können

Beim 5:3 gegen Schalke nach einem 0:3-Rückstand sowie bei den 5:1-Erfolgen gegen den späteren Meister Köln, Kaiserslautern oder auswärts in Fürth zeigte das Team begeisternden Fußball. Das Potenzial ist also da. Eine "Kombination aus Punkten und Fußballerlebnissen" über einen längeren Zeitraum als im vergangenen Herbst wünscht sich auch Kohfeldt für die neue Saison.

Auch der Kader lässt durchaus Raum zum Träumen: Bei der Zusammenstellung hatte Sportdirektor Paul Fernie ein glückliches Händchen. In Aleksandar Vukotic, Killian Corredor, Kai Klefisch und Isac Lidberg holte er mehrere Spieler, die in der abgelaufenen Saison zu den besten der Liga gehörten. Hinzu kommt Fraser Hornby, der nach einem verletzungsbedingt verkorksten ersten Jahr Führungsspieler-Potenzial zeigte. Personell sind die Lilien also durchaus gut aufgestellt.

Die Rekonvaleszenten und Abgänge: Wo die großen Fragezeichen sind

Auch Fabian Holland, Matthias Bader und Paul Will haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie großen Wert für die Mannschaft haben können. Die Frage ist, ob und wie schnell sie nach ihren Kreuzbandrissen wieder auf dieses Niveau kommen - insbesondere der fast 35 Jahre alte Holland. Gleiches gilt für Ex-Bundesliga-Profi Jean-Paul Boetius, der im Winter nach seiner Krebserkrankung und eineinhalb Jahren Pause zu den Lilien kam und noch Nachholbedarf hat.

Offen ist auch, ob aktuelle Leistungsträger die Lilien noch verlassen werden. Bei Mannschaftskapitän Clemens Riedel gibt es eine Ausstiegsklausel, wie Kohfeldt durchblicken ließ. Bei allen anderen Spielern sitze man aber auf dem "Driver Seat" und könne selbst bestimmen, ob man einen Spieler gehen lasse. Und Kohfeldt hat aktuell bei keinem Spieler das Gefühl, dass er wirklich wegwolle, wie er sagte. Er rechne nicht mit einem größeren Aderlass bei Stammspielern.

Einfacher spielen: Was besser werden muss

Dass der Abstand zu den Abstiegsplätzen zeitweise etwas unbequem wurde, lag auch daran, dass der SV Darmstadt 98 sich gegen Teams aus dem Tabellenkeller enorm schwertat. Erst am letzten Spieltag gelang mit dem 3:1 über Regensburg der erste Sieg gegen eine der letzten vier Mannschaften. Insgesamt holte die Mannschaft aus den acht Partien gerade einmal sieben von 24 möglichen Punkten. Gerade gegen defensive Mannschaften taten sich die Lilien enorm schwer, spielten oft zu kompliziert und zu wenig zielstrebig.

„Mein Idealbild vom Fußball ist gutes Positionsspiel, Kontrolle über das Spiel zu haben. Aber immer mit dem Blick darauf, voll aufs Gaspedal zu gehen.“ (Florian Kohfeldt)

Kohfeldt verspricht Besserung. Man werde in der kommenden Saison im Training den Fokus auf das ganz einfache Spiel legen, sagt er. Dafür benötigt der Verein auch neue Spieler. Der Lilien-Coach umreißt das Anforderungsprofil folgendermaßen: "Grundsätzlich brauchen wir für unsere Spielidee sehr ballsichere Spieler." Dabei müsse man auch das Thema der Explosivität und Intensität mit Ball und gegen den Ball im Blick haben. "Mein Idealbild vom Fußball ist gutes Positionsspiel, Kontrolle über das Spiel zu haben. Aber immer mit dem Blick darauf, voll aufs Gaspedal zu gehen. Jede Chance, die sich ergibt, muss in einer Tempoaktion münden."

So richtig schlau ist man aus der vergangenen Spielzeit des SV Darmstadt 98 nicht geworden. Vielleicht lässt sie sich als "Übergangssaison" abhaken, wobei die Verantwortlichen das Wort nicht gerne hören. In der kommenden Spielzeit muss sich die beschworene Entwicklung auch in der Tabelle niederschlagen. Kohfeldt wünscht sich "eine Kombination aus Punkten und Fußballerlebnissen wie dem 5:1 über Lautern und dem 5:3 auf Schalke". Da wird ihm in Darmstadt niemand widersprechen.