Linienrichter im Fokus
Es war ein Finale Furioso in der Oberliga Nord des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV) um den Aufstieg in die 4. Liga: Am letzten Spieltag empfing der Tabellenführer BSV Eintracht Mahlsdorf seinen ärgsten Verfolger, den BFC Preussen. Der Sieger dieser Partie würde in die Regionalliga Nordost aufsteigen.
Dabei gab es in der fünften Minute der Nachspielzeit kein Halten mehr für Spieler, Mannschaft, Funktionäre und Fans des BFC Preussen, als Lenny Stein dramatisch den 1:0-Siegtreffer für die Hausherren erzielte. Der Verteidiger riss sich im Anschluss sein weißes Trikot vom Leib, stürmte jubelnd in Richtung der Mittellinie und ließ sich im Preussenstadion feiern - der Aufstieg des BFC in die Regionalliga war geschafft, der Durchmarsch aus der Berlin-Liga perfekt. Denn der Unparteiische pfiff die Partie nicht mehr an.
In der Folge gab es einen Platzsturm von beiden Fanlagern, die Polizei musste in der undurchsichtigen Szenerie eingreifen. Dennoch stand fest: Die Preussen aus dem Berliner Ortsteil Lankwitz überholten im Gesamtklassement noch die Mahlsdorfer und stehen als Aufsteiger fest.
Ball beim Treffer nicht über der Linie?
Das Problem dabei: War der Schuss des 29 Jahre alten Steins wirklich vollständig hinter der Linie? Mahlsdorf, nach dem Gegentreffer kurzzeitig in Schockstarre, beschwerte sich im Anschluss vor allem bei Schiedsrichter-Assistent Tim Gerstenberg, der bei dem vermeintlichen "Wembley-Tor" für die Hausherren auf Tor entschieden hatte.
„Du hast uns eine ganze Saison geklaut.“ (Vorwürfe gegen Schiedsrichter-Assistent Tim Gerstenberg)
Es fielen die Worte: "Du hast uns eine ganze Saison geklaut." Denn die TV-Bilder vermitteln eher das Gegenteil. Nach dem Schuss von Stein prallte das runde Leder an die Unterkante der Latte, von dort auf den Boden und mutmaßlich knapp vor die Linie, bevor der Ball in Richtung Fünfmeterraum sprang - ein echter Wembley-Treffer beim Oberliga-Showdown.
"Der Ball ging gegen die Unterkante der Latte, sprang dann gut fünf bis zehn Zentimeter hinter die Linie und dann wieder raus. Ich stand auf Höhe der Eckfahne, ungefähr ein Meter weiter links, um das besser zu sehen und habe sofort die Fahne gehoben und per Headset kommuniziert, dass der Ball im Tor war", berichtet Schiedsrichter-Assistent Gerstenberg.
"Mir war in der Situation bewusst, was diese Entscheidung für eine Tragweite hat. Wir haben jetzt hier nichts Geringeres als die Saison und den Aufstieg entschieden. Genauso sicher, wie ich mir der Tragweite der Entscheidung war, war ich mir auch der Entscheidung selbst, der Ball war dahinter, zu 100 Prozent. Da gab es auch keine Denksekunde mehr."
Keine Chance auf Protest
Da es sich um eine Tatsachenentscheidung handelte, haben die Mahlsdorfer keine Chance auf einen Protest. Dies bestätigte der NOFV gegenüber dem kicker. "Ich konnte es (das Tor, Anm. d. Red.) leider überhaupt nicht sehen. Ich habe nur auf den Linienrichter geachtet. Als dieser zur Mittellinie gelaufen ist, war klar, er pfeift Tor", sagt Pierre Seifert, Sportlicher Leiter der Preussen. "So ist Fußball. Ich freue mich für unseren Verein."
Während die Mahlsdorfer nach dem verlorenen Landespokalfinale gegen den BFC Dynamo (0:2) auch das zweite Endspiel innerhalb einer Woche verloren, jubelten die Preussen in der Folge mit dem Meisterpokal in den Händen sowie weißen T-Shirts mit dem Aufdruck "2025 Regionalliga, wir kommen" und machten die Nacht zum Tag. Für die Verantwortlichen des BFC gilt es nun, schnell die Weichen auf Regionalliga-Fußball zu stellen - nach einem denkwürdigen Endspiel um den Aufstieg.