Austria-Sportdirektor im Klartext
Manuel Ortlechner ist gebürtiger Oberösterreicher und im Innviertel bei der SV Ried zum Profifußballer herangereift. Nach acht Jahren als Spieler (2009 bis 2017) und nun vier Jahren als Sportdirektor kann man den 45-Jährigen aber getrost als Austrianer bezeichnen. Der kicker erreicht Ortlechner am Ende eines langen Arbeitstages, der von Kaderplanungen sowie Gesprächen mit dem Trainerteam um Stephan Helm und Sportvorstand Jürgen Werner geprägt war.
"Es ist jeden Tag viel los", eröffnet der langjährige Austria-Kapitän und neunmalige ÖFB-Internationale das spätabendliche Telefonat. "Der 24. Dezember ist der einzige Tag im Jahr, an dem es bei mir nicht um Fußball geht." Nach dem Last-Minute-Knockout im Ligafinale gegen Blau-Weiß Linz ist es bis zu einem violetten Weihnachten gefühlt noch lange hin. Man musste in den letzten Tagen das Platzen des Titeltraums und das Abrutschen von der Champions-League- in die Conference-League-Quali verdauen.
Die erste Frage erübrigt sich fast, aber haben Sie in Ihrer langen Zeit im Fußball schon einmal ansatzweise so etwas erlebt wie am vergangenen Samstag?
Nein, ganz sicher nicht. Das Ganze hat ja eigentlich schon eine Woche davor in der vorletzten Runde begonnen. Wir gewinnen beim WAC und Salzburg schießt in der 94. Minute das Siegestor bei Blau-Weiß. Ansonsten hätte uns ja das X gegen Linz zum Schluss trotzdem für Platz zwei gereicht. Und dann machen wir in der 91. den gefühlten Siegtreffer und kriegen in der 92. den Ausgleich. So etwas kannst du dir ja nicht einmal ausdenken.
Von der totalen emotionalen Explosion im brodelnden Stadion zur völligen Stille und Niedergeschlagenheit in zwei Minuten…
...im ersten Moment ist man komplett perplex und leer. Da muss man sich erst einmal selbst wieder sammeln. Aber dann ist es in meiner Funktion halt so, dass man sich seinen Emotionen nicht ergeben darf. Man muss in dieser surrealen Situation versuchen, alle um sich herum wieder aufzurichten. Die Reaktion von den Fans war ja auch gleich so, dass sie die Mannschaft mit Applaus bedacht haben - vor allem natürlich für diese ganze Saison, in der das Team den Leuten mit seinen Leistungen doch wieder viel Stolz und Freude zurückgegeben hat.
Mit dem dritten Platz einhergehend war die Enttäuschung darüber, dass wir in 60 Sekunden von der Qualifikation für den europäischen Gold-Bewerb Champions League in die Qualiphase für den Bronze-Bewerb Conference League abgerutscht sind. Wenn es so gewesen wäre wie zum Beispiel 2021/22, dass man als Dritter fix in einer Gruppenphase Europa League oder Conference League spielt, wäre es nicht so schlimm gewesen. Man muss es einfach trotzdem abhaken, dieses Spiel wird nicht mehr gespielt werden und es bleibt nichts anderes übrig, als die positiven Dinge mitzunehmen. Die Burschen haben dadurch viel gelernt und man darf sehr stolz sein auf diese Saison.
Werden die Mannschaft, das Trainerteam und der Klub am Ende gestärkt daraus hervorgehen - oder sind sie doch ein Stück weit gebrochen?
Jetzt sollen die Spieler einmal ihren wohlverdienten Urlaub machen, Abstand gewinnen und neue Kräfte sammeln. Mit unserem Cheftrainer habe ich mich schon wieder zweimal zusammengesetzt. Der ist ähnlich gestrickt wie ich, hat einen pragmatischen, nüchternen und vernünftigen Zugang zu den Dingen. Der hat gesagt, es geht weiter und wir bauen auf dieser Saison auf. Jetzt gilt es, die Truppe so gut wie möglich zusammenzuhalten. Was spricht dagegen, dass wir nächste Saison wieder eine lässige Rolle in der Liga spielen?
Diese Saison mit ihrer Dramatik und Spannung, für die Austria mit allen Höhen und Tiefen. Wofür steht dieses Spieljahr bei Ihnen in der Gesamtbetrachtung? Was bleibt?
Unser großes Schlagwort war Stabilität. Es ist uns in dieser Saison gelungen, Stabilität in unser Spiel zu bekommen. Die Mannschaft hat so gut wie immer immer auf einem gewissen Level abgeliefert, da waren keine großen Schwankungen dabei. Leider ist das ausgerechnet in den Big Games zum Saisonschluss hin nicht ganz so gelungen - im Cup-Halbfinale gegen Hartberg und auch in der letzten Partie gegen Linz, vielleicht sogar in den letzten drei Runden, das wäre besser gegangen. Wenn ich das Heimspiel gegen Sturm Graz hernehme, das war die beste Leistung, seit ich die Austria schaue.
Das kann eine Mannschaft mit diesem Setup unmöglich besser spielen. Mit dieser Leistung hätten wir das Derby hundertprozentig gewonnen. Wir waren da ohnehin dominant und besser, haben aber durch zwei Standards verloren - das hat weh getan. Grundsätzlich haben sie aber alle über die Saison auf einem Toplevel performt, das hat mich am meisten gefreut, dass sie dieses Ziel Stabilität erreicht haben. Da haben wir den größten Schritt gemacht.
Wie hat der zu Beginn auch schwer unter Druck gestandene Trainer Stephan Helm diese spielerische und mentale Stabilität in die Truppe gebracht?
Wir haben uns über die Wochen und Monate sehr oft ausgetauscht und für mich war es großartig, zu beobachten, wie Stephan gearbeitet hat. Er hat zuerst ein Fundament aufgebaut, das hat eine Zeit gedauert. Darauf aufbauend kam dann der nächste Schritt und der nächste, wie beim Hausbauen. Die letzten Wochen hat er sich dann eigentlich nur noch wiederholt. In den Mannschaftsbesprechungen hat er oft gesagt: Jungs, keine Fantasien, haltet euch an die Dinge, die wir uns von Montag bis Freitag erarbeitet haben.
Die Spieler haben das Gefühl bekommen, dass sie, wenn sie sich an diese Vorgaben, an dieses Konzept halten, ganz schwer zu schlagen sind. Und so war es dann auch. Die großen und guten Trainer zeichnet aus, dass sie genau das, was sie in der Öffentlichkeit predigen und erzählen, auch trainieren und spielen lassen. Oliver Glasner ist das beste österreichische Beispiel. Er entwickelt sich stetig weiter. Was er will und erzählt, lässt er auch trainieren und spielen - und das sieht man deutlich auf dem Platz. Wenn der Trainer eine Sprache spricht, die die Mannschaft versteht, dann erzeugt das Qualität und Stabilität.
Die Zeit der Schaumschläger auf den Trainerbänken ist endgültig vorbei?
Die ist längst vorbei. Der Fußball ist so zerlegbar geworden. Es gibt so viele Portale und Menschen, die sich mit Taktik auseinandersetzen. Es gibt so viele Tools, so viele Zugänge zu Daten. Du kannst die Leute nicht mehr mit irgendwelchen Geschichten anschmieren. Der Fußball hat sich so schnell entwickelt. Als ich begonnen habe, war noch so viel Freestyle. Matchplan, offensive und defensive Spiel- und Verhaltensweisen, die Trainer fix verankern - das hat es vor 25 bis 30 Jahren alles noch nicht in der Form gegeben.
Die Personalien Andi Gruber, Marvin Potzmann und Lucas Galvao haben schon vor dem letzten Spiel für Diskussionen gesorgt. Dass ihre Verträge nicht verlängert werden, beschäftigt die Fans und nimmt die drei Spieler sehr mit.
Für mich ist das auch ein sehr positives Zeichen, dass kein Spieler gerne die Austria verlässt. Unser gesamtes Trainerteam inklusive Technical Staff ist eine sehr besondere Gruppe von Menschen - ehrlich, bodenständig, vernünftig, witzig und im jeweiligen Fach einfach sehr gut. Bei der Austria ist momentan einfach sehr viel Mensch dabei, und das macht das Arbeiten für den Verein besonders. Und genau deshalb geht hier niemand gerne weg. Auf der anderen Seite müssen wir uns halt schon auch überlegen, wie wir uns weiterentwickeln können, wo wir frisches Blut in die Mannschaft bekommen können.
Im Endeffekt haben wir das zu fünft - das Dreier-Trainerteam (Stephan Helm, Christian Wegleitner und Christoph Glatzer/Anm.), Jürgen Werner (Sportvorstand/Anm.) und ich - wochenlang diskutiert, den Kader in allen Details durchgekaut - unter Berücksichtigung der sportlichen und wirtschaftlichen Aspekte. Wer genau hingeschaut hat, wird bemerkt haben, dass keiner der drei im Frühjahr Stammspieler war. Wir haben das nicht ausgewürfelt und uns diese Entscheidungen nicht leicht gemacht - und keine dieser drei Entscheidungen war leicht. Es ist immer der Mensch, dem du in diesem Job sagen musst, dass es nicht weitergeht und dem das weh tut. Das ist und war nie leicht, aber es gehört dazu.
„Die Realität ist, dass es mittlerweile vier bis fünf Vereine in Österreich gibt, die höhere Gehälter zahlen als wir.“ (Austria-Sportdirektor Manuel Ortlechner über die violetten Karten im Transferpoker.)
In die andere Richtung ist auch viel los. Was ist an der von heimischen Medien aus den Niederlanden übernommenen Meldung wahr, dass der vereinbarte Transfer von El Azzouzi am Veto des Austria-Aufsichtsrats scheiterte?
Wir haben uns intern darauf verständigt, dass wir zu Transferangelegenheiten nichts sagen. Was aber sowieso klar ist, dass es immer ein Zusammenspiel aus sportlichen und wirtschaftlichen Überlegungen ist - und die müssen zusammenpassen. In den letzten Wochen haben wir uns mit vielen interessanten Spielern auseinandergesetzt - es gab Angebote, Gespräche, Absagen und weiterführende Verhandlungen. Aber was man als Klub lernen muss, ist nicht jede Absage, die aus sportlichen oder wirtschaftlichen Gründen erfolgt, als Niederlage zu werten. Dass so viele Spieler zunächst einmal positiv auf unser Interesse und unsere sportliche Entwicklung reflektieren, ist eine große Auszeichnung. Die Realität ist eben auch, dass es mittlerweile vier bis fünf Vereine in Österreich gibt, die höhere Gehälter zahlen als wir.
Die Austria hat in dieser Saison von starken Akteuren in allen wesentlichen Mannschaftsteilen profitiert, die alle noch Vertrag haben. Aleksandar Dragovic, der noch zwei Jahre hat und bleiben wird. Kapitän Manfred Fischer, der noch ein Jahr hat. Trainer Stephan Helm, der noch ein Jahr Vertrag hat. Dominik Fitz, der bis 2026 Vertrag hat - wie stehen die Chancen, dass auch er bleibt?
In die Glaskugel kann ich nicht schauen und das Transferfenster geht ewig lange bis September. Aufgrund seiner herausragenden Werte, Daten und Statistiken aus dieser Saison ist er für viele Klubs interessant und natürlich werden wir uns zusammensetzen und uns ein Angebot anhören, wenn es für ihn interessant und für den Verein lukrativ ist. Wir sitzen am Steuerrad, weil Fitzi noch Vertrag hat, aber wir werden ihm nichts verbauen und es ist niemals ein Alleingang - es ist ein Zusammenspiel aus Verein, Spieler und Berater.
Dass die Heimkehr von Dragovic perfekt aufgeht, war für Sie von Beginn klar?
Ich kenne den Drago, seit er 17 war - bei ihm war es sportlich ein 'No Brainer'. Das war für mich völlig klar, dass das funktionieren wird. Er war schon immer und ist nach wie vor der Vorzeige-Profi schlechthin. Er hat vielen in der Mannschaft gezeigt, was punkto Einstellung und Trainingsarbeit möglich ist. Er hat einen Anspruch an sich selbst, was Leistung und Exzellenz betrifft, der ist unglaublich. Er hat mich schon beeindruckt, als ich 2009 zur Austria gekommen bin. Das hat sich nie geändert, diese Perfektion. Er nimmt sich außerhalb des Spielfelds zurück und ist auf dem Platz dominant. In seiner Persönlichkeit hat er sich seither noch dazu enorm entwickelt - auch durch seine Vaterrolle. Er arbeitet nach wie vor zusätzlich zum Mannschaftstraining an seiner Fitness und beschäftigt sich auch privat mit seinem Körper und seiner Leistung.
Besteht im Windschatten des geschafften Stadionverkaufs und der sportlichen Entwicklung auch eine gute Chance, dass es im Verein insgesamt ruhiger wird?
Das ist mein größter Wunsch, dass wir ruhig arbeiten können. Obwohl man sagen muss, dass es in den letzten Monaten auch schon so war. Man müsste mir auch einmal erklären, was wir im sportlichen Bereich hätten besser machen können. Die Kampfmannschaft kann bis zum letzten Spieltag Meister werden, die Young Violets spielen bis zum Schluss um den Aufstieg in die 2. Liga. Die Frauen stehen im Cupfinale und werden hinter dem Serienmeister aus St. Pölten Liga-Zweite. Die U18 spielt um den Meistertitel in der ÖFB-Jugendliga. Ich würde mir generell ein bisschen mehr Vertrauen in uns alle in der sportlichen Führung wünschen. Wir würfeln nicht, wir treffen keine Bauchentscheidungen oder emotionale Entscheidungen. Wenn wir harte Entscheidungen treffen, dann gemeinsam und nach genauer Überlegung und Analyse. Und jeder, der mich kennt, weiß, dass ich noch nie die Nerven weggeschmissen habe.