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Überlebenskampf in Dauerschleife: Köck und die Unbeugsamen der WSG

kicker

Mit den engsten Freunden, Kollegen und Wegbegleitern feierte Stefan Köck am Freitagabend in seinen 50. Geburtstag hinein. Bis Sonntagnachmittag, als seine WSG Tirol in der Meisterschaft den Wolfsberger AC empfing, war der langjährige Sportmanager der Wattener wieder topfit. Mit acht Punkten aus vier Spielen gelang den Tirolern ein idealer Start ins siebente Bundesliga-Spieljahr seit dem Aufstieg 2019. Damals wie heute ist Köck verantwortlich für die Geschicke jenes kleinen Klubs, der trotz dieser bemerkenswert langen Zeit im Oberhaus immer noch als der Underdog schlechthin wahrgenommen wird.

Der ehemalige Fußballprofi hat bei der WSG Wattens - später WSG Tirol - seit mehr als 20 Jahren seine Heimat gefunden - als Spieler im Spätherbst seiner aktiven Karriere, danach als junger Trainer und Funktionärs-Newcomer in der Tiroler Liga sowie Regionalliga und schließlich nach dem plötzlichen Ableben seines Vorgängers Robert Auer seit 2014 als Sportmanager. Dem kicker erzählt Köck die bemerkenswerte Geschichte der WSG, über ihre Widerstandskraft im ständigen Überlebenskampf, den Fluch und Segen eines familiären Umfelds ohne viele Fans, den Frust aus dem Schattendasein in Tirol und warum sich das Blatt schon bald in Richtung einer rosigen Zukunft wenden könnte.

"Glücksgriffe" wurden System

"Ich bin buchstäblich ins kalte Wasser gefallen", erinnert sich Köck an jenen schicksalhaften Tag vor elf Jahren, als der damalige Vereinsboss Auer "von einem Termin in Innsbruck nicht wiedergekommen ist, weil er einen Herzinfarkt hatte". Köck übernahm als Nachwuchs- und Geschäftsstellenleiter ("die Geschäftsstelle waren zwei Mann") die sportliche Leitung des Drittligisten. Damals schon an Bord war Trainer Thomas Silberberger, mit dem  Köck den Aufstieg in die 2. Liga (2016) und in die Bundesliga (2019) schaffte. "Silbi und ich haben schon zusammen in Wörgl gespielt. Über die Jahre entstand aus der  Zusammenarbeit durch Höhen, Tiefen, Erfolge und Rückschläge ein gemeinsamer Weg und eine enge Freundschaft."

Wenn Köck über den Nachfolger von Langzeitcoach Silberberger (elf Saisonen), Philipp Semlic (Cheftrainer seit 2024), und über die heuer im Sommer gekommenen neuen Spieler wie Moritz Wels (Austria/Leihe), Benjamin Böckle (Rapid/Leihe) oder Heimkehrer Thomas Sabitzer (WAC) spricht, benutzt er gerne die Bezeichnung "Glücksgriffe", so wie er selbst und Silberberger sich ohne Zweifel als Glücksgriffe für die WSG erwiesen hatten. Somit drängt sich der Verdacht auf, dass in Wattens die Glücksgriffe zum System wurden und Kontinuität  zur Erfolgsformel. "Die WSG ist ein Verein, in dem grundsätzlich Ruhe und Besonnenheit herrschen, was in erster Linie der Verdienst unserer Präsidentin Diana Langes-Swarovski ist, die uns immer wieder den Rücken gestärkt hat, auch wenn es sportlich nicht erfolgreich gelaufen ist", betont Köck.

Keine Angst vor aufgebrachten Fanmassen

"Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass wir uns mehr Fans und Support wünschen würden, aber wie man bei den großen, publikumsstarken Klubs wie Rapid und Sturm sieht, ist das Fluch und Segen zugleich", fügt der WSG-Macher hinzu. "In Wattens müssen wir uns keine Sorgen machen, dass die Geschäftsstelle nach ein paar Niederlagen von aufgebrachten Fanmassen gestürmt wird. Wir sind in der Führung eine kleine, knackige Truppe, die leidenschaftlich und mit viel persönlichem Einsatz in Ruhe arbeiten kann. Für uns alle ist der Klub mehr als Arbeitgeber, es ist Herzensprojekt, bei dem man die Arbeitsstunden nicht zählt."

Bei aller Freude über den Saisonstart weiß Köck, wie schnell es wieder in die andere Richtung gehen kann. "Junge Spieler dürfen Leistungsschwankungen haben. Die Liga mit ihrem Format bedeutet immer auch Überlebenskampf, deshalb bleiben wir schön demütig."  Semlic passe jedenfalls wie zuvor Silberberger perfekt zum Verein: "Er ist fachlich und menschlich top - ein kommunikativer Typ, aber kein Dampfplauderer. Wattens ist keine Weltstadt, er ist greifbar für die Leute, höflich und offen." Bei den Siegen über den LASK und gegen Blau-Weiß Linz habe die Mannschaft guten Fußball gezeigt. Die Antwort auf die Frage, warum die WSG trotzdem nur wenige Zuschauer ins letztlich unpassende Innsbrucker Tivoli-Stadion lockt, hat Köck nie gefunden.

Echtes Heimstadion wird bald Realität

"Ich habe lange gedacht, dass harte und ehrliche Arbeit, guter Fußball und kontinuierliche Leistungen irgendwann honoriert werden. Dass auch neutrale Zuschauer guten Bundesliga-Fußball in Innsbruck sehen wollen", so Köck in einer dezent desillusionierten Rückschau auf die letzten sieben Jahre. "Aber so ehrlich muss ich sein, das hat mich schwer enttäuscht, der ausgebliebene Zuspruch und auch die mangelnde Wertschätzung", betont der WSG-Manager die geringe Unterstützung seitens des Landes und minimale Aufmerksamkeit der Medien und breiten Öffentlichkeit. "Aber würde ich glauben, dass wir das nicht doch noch ändern können, würde ich aufhören", gibt sich Köck kämpferisch. Zumal der Schlüssel in eine bessere Zukunft auf der Hand liegt.

Das Gernot-Langes-Stadion in Wattens soll wenn möglich schon ab der Saison 2026/27 die neue und endlich auch eine richtige Heimstätte der WSG Tirol werden. "3.500 oder 4.000 Zuschauer in einem kleinen Schmuckkästchen statt 1.500 oder 2.000 im großen Tivoli-Stadion sind ein Riesenunterschied. Spieler, Trainer, die Leute in und um Wattens freuen sich darauf, dass wir dann einen richtigen Heimvorteil haben. Ein Stadion, in dem sich alle wohl fühlen", formuliert Köck seinen aktuell größten Wunsch. "Und wir werden als Klub in unserem eigenen Stadion endlich Geld verdienen. Es wird Zubauten, Umbauten geben, aber wir reden nicht von einer völlig neuen Multifunktionsarena. Also glaube ich, dass sich 2026/27, vielleicht auch erst im Frühjahr ausgehen kann."

Vielleicht wird gerade dieses Projekt, für das es laut Köck gute Gespräche mit der Gemeinde Wattens und dem Land Tirol gab, die erhoffte Initialzündung. "Ich hoffe es wirklich, dass ich das noch erlebe", sagt Köck schmunzelnd. "Es wäre schön, wenn die nächsten 15, 20 Jahre nicht mehr von Existenzgedanken der Spieler und Mitarbeitenden geprägt wären." Und man ist auch als neutraler Beobachter geneigt, dem unbeugsamen Köck und seinen Tiroler Mitstreitern alles Gute zu wünschen. Die österreichische Bundesliga ohne die WSG Tirol wird langsam, aber sicher viel schwerer vorstellbar als noch vor sieben Jahren.