"Geld schießt Tore" oder auf die Erima German Football League bezogen, erzielt Kohle eben Touchdowns. Warum sollte das im Football anders als in anderen Sportligen in Europa sein? Und doch muckt ein kleiner Verein aus der 50.000-Einwohner-Stadt Ravensburg auf, schafft es bis ins Halbfinale und das mit einer Strategie, die Vergleiche in der Fußball-Bundesliga findet.
"Wir haben ein Drittel des Etats von Dresden", verrät mir Ron Rühlemann in unserem kurzen Gespräch am Donnerstagmorgen. Der Marketingleiter der ifm Ravensburg Razorbacks spricht mit einem gewissen Stolz über die positive Entwicklung der letzten zehn Jahre, die, wie er betont, nicht von der Initiative einzelner Personen abhängt, sondern strukturell in den Planungen des Vereins seit zehn Jahren verankert ist. Auch wenn man den Monarchs im direkten Duell nun unterlag, hat das Team bewiesen, dass es in dieses Halbfinale gehörte.
Wegen Corona: Erstes GFL-Spiel der Ravensburger verzögert sich
Die Razorbacks haben ab 2015 in der zweiten Liga aus einer Mittelfeld-Mannschaft einen Anwärter auf die GFL geformt und sich nach zwei gescheiterten Anläufen in der Relegation mit langem Atem im Sommer 2019 endlich durchgesetzt. Doch ausgerechnet zur Corona-Pandemie, die alle Sportvereine finanziell schwer getroffen hat, geschah der Aufstieg und so musste man noch ein ganzes Jahr warten, bis man endlich sein erstes Spiel im Oberhaus des American Footballs in Deutschland bestreiten durfte.
Nach der Saison 2021 kam dann der Namenssponsor ifm Electronics dazu und unterstützte die weiteren Bemühungen, sich in der Spitze der GFL zu etablieren. Rühlemann erklärt das Credo, welches seit Jahren das Team begleitet: "Wir müssen mit dem arbeiten, was uns zur Verfügung steht!"
Ravensburg der SC Freiburg des Footballs?
Vorbild für die Arbeit im Verein nach dem Maximalprinzip ist für viele in der Geschäftsführung, die aufgebaut ist wie ein Unternehmen, der SC Freiburg aus der Fußball-Bundesliga. Natürlich findet das ganze auf einem ganz anderen Level statt, aber die Bemühungen lassen sich tatsächlich vergleichen und dürfen auch für andere Vereine aus unterschiedlichen Sportarten gelten, wenn man sich mit kleinerem Budget in die Elite kämpfen will.
Schließlich bieten die beiden Finalteilnehmer ihren Spielern und Coaches wesentlich mehr Geld als die Razorbacks. Trotzdem konnte man den Kader im Vergleich zur letzten Saison zusammenhalten und freut sich weiterhin über die Dienste von "Coach of the Year 2024" John Gilligan.
Der Erfolgstrainer arbeitete früher an einem kleinen Division-III-College, wo man es ebenfalls gewohnt war, mit geringen finanziellen Mitteln das Maximum herauszuholen. Er führte sein Team aus Oberschwaben vor einem Jahr auf den zweiten Platz der GFL Süd. Den Vereinsrekord übertrumpfte der studierte Master im Personalwesen in dieser Saison mit der ersten Halbfinalteilnahme der Vereinsgeschichte nochmal.
Ravensburg stellt Versorgung der Spieler in den Vordergrund
Teamgeist und Zusammenhalt werden in Ravensburg hochgehalten. Darunter fällt auch die Betreuung ausländischer Spieler und die Versorgung der deutschen Eigengewächse. "Viele von unseren Spielern arbeiten hauptberuflich, daher sorgen wir für die richtige Unterstützung. Wenn sich bei uns ein Spieler verletzt, hat er binnen 24 Stunden einen Termin beim Arzt und bekommt nach spätestens zwei Tagen ein MRT. Sowas schätzen viele Spieler höher ein als ein paar Euro mehr auf dem Gehaltscheck", erklärt Rühlemann.
Neben dem wichtigen Support verlieren die Razorbacks ihren Nachwuchs nicht aus den Augen. Während andere oft darüber reden, lassen sie in Ravensburg Taten sprechen. In der U17 sind momentan 54 Spieler aktiv. Das sind 54 junge Heranwachsende, die diesen Sport lieben und nicht "herumlungern", wie es manche der älteren Generation bezeichnen mögen. Damit leistet der Verein seinen Beitrag für die Gesellschaft in und um Ravensburg und kann sich zukünftig außerdem über eine große Zahl an Nachwuchsspielern freuen, die hoffentlich gern dort bleiben.
Um den Karriereschritt in die GFL so angenehm wie möglich zu gestalten, spielt die zweite Herrenmannschaft nun nach dem Aufstieg aus der Landesliga nochmal eine Klasse höher. Zusätzlich soll sich der CAMPUS Ravensburg als Heimat für den Breiten- und Spitzensport in der Region Oberschwaben als nachhaltiger Standortfaktor herausbilden.
Razorbacks setzen auf Nachhaltigkeit statt schnellem Erfolg
In Summe ist man noch längst nicht am Ziel in seiner weiteren Entwicklung. Diverse Rückschläge haben die ambitionierten Prozesse immer wieder verlangsamt. Man ist aber weiterhin überzeugt, den richtigen Weg, um an die Spitze der GFL zu gelangen, eingeschlagen zu haben.
Mit Nachhaltigkeit und Gemeinschaft stellen sich die Ravensburger für die Zukunft auf. Der "Freiburger" Ansatz setzt dabei nicht auf einzelne Protagonisten, sondern auf den ganzen Verein mit seinen gewachsenen Strukturen. Eine Verbesserung der finanziellen Situation durch weitere Sponsoren schließt das natürlich nicht aus.
Linebacker Henri Moudilou im Interview mit football-world
Man möchte meinen, daran können sich andere Vereine und ihre Fans ein Beispiel nehmen. Anstatt darüber zu jammern, dass einfach das Geld fehlt, was andere Konkurrenten haben und diese Teams dadurch viel mehr Importspieler bezahlen, zeigen die Razorbacks, wie am passenden Standort in den richtigen Strukturen trotzdem erfolgreich gearbeitet wird.
Doch das ist ein Thema für die Offseason. Nächste Woche lenken wir unsere Aufmerksamkeit vollständig auf den GFL-Bowl in Dresden am 11. Oktober im Rudolf-Harbig-Stadion. Dann treffen die gastgebenden Monarchs im "Finale Daheeme" auf den Back-to-Back-Champion Potsdam Royals.