Die New York Giants haben mit der anstehenden Verpflichtung von John Harbaugh den ersten großen Dominostein im Coaching-Karussell 2026 umgestoßen. Damit bleibt noch eine ganze Reihe attraktiver - oder eben eher weniger verlockender - Head-Coach-Posten offen.
Für jeden ambitionierten Kandidaten beginnt nun die Abwägung: Auf welcher dieser Baustellen lässt sich am schnellsten gewinnen? Wo stimmen Cap Space, Draft-Picks und Roster-Qualität? Und wo wartet stattdessen ein jahrelanger Rebuild mit fragwürdiger Quarterback-Situation? Die mentale Pro-Contra-Liste fällt dabei je nach Team drastisch unterschiedlich aus - von sofort konkurrenzfähig bis hin zu nahezu aussichtslos.
Cleveland Browns: Der Albtraum-Job?
Die Cleveland Browns bringen für einen potenziellen Head Coach in diesem Zyklus vermutlich das unattraktivste Gesamtpaket mit. Offensiv wirkt das Roster wie eine einzige Baustelle: Die Offensive Line ist gleichzeitig überaltert und anfällig, das Talent auf den Skill-Positionen gehört zu den schwächsten unter den Teams mit vakanten Trainerposten - und die Quarterback-Situation ist schlicht ein komplettes Desaster.
Das Problem: Die Mittel, um all diese Löcher zu stopfen, sind nur sehr begrenzt vorhanden. Als direkte Folge des Deshaun-Watson-Trades schleppen die Browns eine der schlechtesten Cap-Situationen der Liga mit sich herum - mehr als 15 Millionen US-Dollar befindet sich dieser wohl im Minus. Gleichzeitig bleibt General Manager Andrew Berry im Amt, und der neue Coach soll im Idealfall auch Defensive Coordinator Jim Schwartz halten, sofern dieser nicht selbst einen Head-Coach-Job angeboten bekommt.
Unterm Strich bedeutet das: viele Altlasten aus dem bisherigen Regime, kaum echte Gestaltungsfreiheit - und mit Jimmy Haslam einen Owner im Hintergrund, der ligaweit für seine starke Einflussnahme bekannt ist.
Arizona Cardinals: Unsicherheit in der Wüste
Die Arizona Cardinals bringen durchaus einige Argumente mit, die für einen potenziellen Head Coach attraktiv wirken. Offensiv wartet mit Tight End Trey McBride sowie den Wide Receivern Marvin Harrison Jr. und Michael Wilson viel junges Talent. Dazu kommen über 27 Millionen US-Dollar Cap Space, die zumindest finanziell Spielraum verschaffen - und nicht zu vergessen: Das Wetter im "Valley of the Sun" ist im Herbst ein echter Bonus.
Allerdings verfliegt dieser positive Eindruck schnell. Ähnlich wie Cleveland haben auch die Cardinals keinen vollständigen Neuanfang eingeleitet: General Manager Monti Ossenfort bleibt im Amt, was automatisch bedeutet, dass ein neuer Coach nicht komplett frei gestalten kann. Sportlich befindet sich das Franchise zudem seit Jahren in der Warteschleife - vier Losing-Seasons in Folge, und seit über einem Jahrzehnt wurde kein einziges Playoff-Spiel mehr gewonnen. In einer Division mit jeweils sechs Partien pro Saison gegen Rams, 49ers und Seahawks wird jedes Jahr zur Mammutaufgabe.
Und das größte Fragezeichen gibt es auch hier weiterhin auf der Quarterback-Position. Vieles deutet darauf hin, dass sich Arizona mittelfristig von Kyler Murray trennen will. Doch seine fünfjährige Extension über 230,5 Millionen US-Dollar aus dem Jahr 2022 macht jede Lösung teuer: Ein Trade oder gar ein Release würde ein enormes Loch in den Cap Space reißen - und könnte am Ende dazu führen, dass 2026 Journeyman Jacoby Brissett als Starter einspringen müsste.
Miami Dolphins: Cap-Katastrophe am Strand
Ähnlich wie Arizona scheinen auch die Miami Dolphins bereit zu sein, sich von einem teuren Quarterback zu trennen. Weniger als zwei Jahre nach seiner vierjährigen Vertragsverlängerung über 212,4 Millionen US-Dollar wurde Tua Tagovailoa auf die Bank gesetzt - ein Schritt, der in Miami eine ungemütliche Richtung andeutet.
Für den nächsten Head Coach entsteht daraus ein massives Dilemma. Tagovailoas Vertrag ist sogar noch schwerer zu bewegen als der von Kyler Murray: Ein Release könnte die Dolphins mit einem Dead-Cap-Hit von bis zu 100 Millionen US-Dollar treffen, ein Trade würde immer noch rund 45 Millionen Dollar kosten. Beide Optionen wären extrem schmerzhaft - vor allem, weil Miamis Cap-Situation ohnehin schon völlig aus dem Ruder läuft. Aktuell steht das Team mehr als 24 Millionen Dollar im Minus. Zudem ist Tyreek Hills Zukunft immer noch nicht geklärt.
Immerhin gibt es strukturell einen Neustart: Nach dem Abgang von Chris Grier im Oktober wird auch auf der General-Manager-Position neu besetzt. Und Talent ist im Kader durchaus vorhanden - offensiv etwa mit Running Back De’Von Achane und Wide Receiver Jaylen Waddle, defensiv mit Edge Rusher Bradley Chubb und Safety Minkah Fitzpatrick.
Doch die entscheidenden Ressourcen fehlen: Der 11. Draft Pick ist nicht hoch genug, um das Quarterback-Problem auf direktem Weg zu lösen, und auf dem Free-Agent-Markt wird Miami angesichts der finanziellen Lage kaum eine Rolle spielen können. Wer diesen Job annimmt, weiß also, worauf er sich einlässt: Die Saison 2026 dürfte alles andere als ein entspannter Aufenthalt am Strand werden.
Las Vegas Raiders: Restart mit dem Nr.-1-Pick
Der kommende Head Coach der Las Vegas Raiders übernimmt grundsätzlich ein Paket, das auf den ersten Blick ziemlich reizvoll wirkt. Kaum ein Team bringt so viel finanziellen Spielraum mit: Mit fast 90 Millionen US-Dollar Cap Space gehören die Raiders ligaweit zur Top 3. Dazu kommt das hochmoderne Stadion in Las Vegas - und ein Umfeld, das allein durch seinen Standort und seine Strahlkraft Aufmerksamkeit garantiert.
Für zusätzliches Prestige sorgt außerdem ein ganz besonderer Name in der Ownership-Gruppe: Tom Brady. Der größte Quarterback der NFL-Geschichte ist mittlerweile Teil der Organisation und verleiht dem Franchise noch einmal mehr Gewicht und Einfluss. Der größte Trumpf liegt jedoch im Draft: Las Vegas besitzt den First Overall Pick 2026 und kann sich damit jeden Prospect sichern, den es will - aller Voraussicht nach Indiana-Quarterback und Gewinner der Heisman-Trophy Fernando Mendoza.
Genau dieser Punkt macht aber auch das Kernproblem deutlich. Wer den ersten Pick hat, war im Jahr zuvor das schlechteste Team der Liga - und genau dort stehen die Raiders derzeit. Zwar gibt es mit Tight End Brock Bowers, Running Back Ashton Jeanty und Edge Rusher Maxx Crosby klare Bausteine, auf denen sich aufbauen lässt. Trotzdem war Las Vegas ligaweit Letzter in der Total Offense und rangierte in der Scoring Defense nur auf Platz 25. Heißt: Es wartet gehörig Arbeit auf beiden Seiten des Balls.
Und selbst wenn der Neuaufbau schnell greifen sollte, macht die eigene Division die Aufgabe nicht leichter. Mit Broncos, Chargers und Chiefs wartet Woche für Woche starke Konkurrenz - ein schneller Turnaround wird in der AFC West also alles andere als selbstverständlich.
Pittsburgh Steelers: Schweres Erbe und Erwartungsdruck
Der Job bei den Pittsburgh Steelers gehört in gewisser Hinsicht zu den attraktivsten dieser Offseason. Die Steelers zählen zu den traditionsreichsten und erfolgreichsten Teams der Liga und haben eine historisch außergewöhnliche Geduld mit ihren Head Coaches bewiesen. Seit dem AFL-NFL-Merger 1970 beschäftigte das Team nur drei Coaches: Chuck Noll, Bill Cowher und Mike Tomlin. Alle drei gewannen Super Bowls, Pittsburghs letzte Losing-Season liegt über zwei Jahrzehnte zurück.
Genau darin liegt jedoch das Dilemma. All dieser Erfolg bringt enorme Erwartungen mit sich - Erwartungen, die letztlich zu Tomlins Rücktritt führten. Obwohl die Steelers definitiv über talentierte Spieler verfügen, benötigt das Team dringend einen echten Rebuild statt der jährlichen Roster-Flickschusterei auf dem Weg zu zehn Siegen.
Mit der unwahrscheinlichen Rückkehr von Aaron Rodgers nach Tomlins Abgang klafft zudem ein großes Loch auf der Position des Quarterbacks. Auch die Defense sah 2025 alles andere als gut aus, besonders gegen den Pass. Das Roster altert, und mit einem Pick außerhalb der Top 20 sowie weniger als 40 Millionen US-Dollar Cap Space (bei traditionell zurückhaltender Free-Agency-Politik) wird dieser Rebuild Jahre dauern. Das im Schatten dreier Coaching-Legenden zu schaffen, dürfte zur Herausforderung werden - besonders wenn die historische Geduld auf die Probe gestellt wird, sobald sich Niederlagen häufen.
Atlanta Falcons: Starkes Roster, große Unsicherheit
Die Atlanta Falcons haben 2025 zum zweiten Mal in Folge acht Spiele gewonnen - und trotzdem erneut die Playoffs verpasst. Für das Franchise war es bereits das achte Jahr in Serie ohne Postseason, was Head Coach Raheem Morris letztlich den Job kostete. Stattdessen wurde mit Falcons-Legende Matt Ryan ein neuer President of Football installiert. Für den kommenden Head Coach gibt es damit zumindest eine Grundlage, auf der sich aufbauen lässt.
Denn im Kader steckt reichlich Potenzial. Offensiv verfügen die Falcons mit Running Back Bijan Robinson, Wide Receiver Drake London und Tight End Kyle Pitts über das Gerüst einer Top-Unit auf den Skill-Positionen. Defensiv hat Atlanta ebenfalls einen spürbaren Schritt gemacht: Nach zwei First-Round-Picks für einen Edge Rusher im Jahr 2025 entwickelte sich der Pass Rush vom Sorgenkind 2024 zu einer der stärksten Gruppen der Liga. Insgesamt wirkt das Roster vergleichsweise komplett, echte Baustellen sind eher die Ausnahme - und auch die NFC South ist keine Division, in der ein schneller Turnaround grundsätzlich ausgeschlossen wäre.
Das große Problem bleibt jedoch auch hier die wichtigste Position im Football. Quarterback Michael Penix Jr., der immer wieder von Verletzungen ausgebremst wird, bringt erhebliche Unsicherheit mit sich. Dazu kommt: Atlanta besitzt 2026 keinen First-Round-Pick, nachdem man 2025 für Edge Rusher James Pearce Jr. hochgetradet hatte. Der Cap Space ist zudem überschaubar, während mehrere wichtige Leistungsträger auf beiden Seiten des Balls vor der Free Agency stehen.
Unterm Strich bieten die Falcons zwar eines der vollständigsten Roster unter den Teams mit offener Head-Coach-Stelle - doch genau dieses Gerüst noch einmal spürbar zu verbessern, wird alles andere als einfach.
Tennessee Titans: Alles hängt an Cam Ward
Wo die Tennessee Titans im Kreis der offenen Head-Coach-Jobs einzuordnen sind, steht und fällt im Grunde mit einer einzigen Frage: Wie gut ist Cam Ward wirklich? Der Quarterback hatte zu Beginn seiner Rookie-Saison sichtbar zu kämpfen, zeigte im weiteren Verlauf aber genug Anlagen und Entwicklung, um sich Hoffnungen auf eine erfolgreiche Zukunft machen zu können.
Ward ist dabei längst nicht der einzige Pluspunkt, wenn es darum geht, die katastrophale 6-28-Bilanz der letzten beiden Jahre hinter sich zu lassen. Tennessee hält den vierten Pick im Draft - und auch finanziell sieht es sehr gut aus: Nur die Chargers verfügen über mehr Cap Space als die Titans mit ihren geschätzten 96,7 Millionen US-Dollar.
Ward mag zwar noch keine sichere Bank sein, doch genau darin liegt der Reiz für den richtigen Head Coach. Einen First Overall Pick mit nachgewiesenem Potenzial im zweiten Jahr zu übernehmen und mit fast 97 Millionen Dollar Cap Space sowie dem vierten Draft Pick drumherum aufbauen zu können - das ist eine Konstellation, die viele offensive Köpfe hochattraktiv finden dürften. Für einen Coach, der sich zutraut, junge Quarterbacks zu entwickeln, bietet Tennessee also eine der spannendsten Neuaufbau-Möglichkeiten dieses Zyklus.
Baltimore Ravens: Lamar als Trumpfkarte
An der Spitze dieser Coaching-Vakanzen können eigentlich nur die Baltimore Ravens stehen. Kein anderes Team kann mit einem Argument werben, das so schwer wiegt: einem zweimaligen MVP-Quarterback, der seinen 30. Geburtstag erst 2027 feiert. Allein das macht Baltimore für jeden Head-Coach-Kandidaten zu einer der seltenen "Win-now"-Chancen in der NFL.
Ganz ohne Stolpersteine ist aber auch dieser Job nicht. Wer hier übernimmt, tritt nicht nur die Nachfolge des erfolgreichsten Coaches der Franchise-Geschichte an - John Harbaugh -, sondern übernimmt gleichzeitig ein Team, bei der die Erwartungen höher sind als bei jedem anderen auf dieser Liste. In Baltimore gilt man intern wie auch von außen als Super-Bowl-Contender - ob diese Einschätzung aktuell wirklich gerechtfertigt ist oder nicht.
Denn der Kader hat durchaus sichtbare Schwachstellen. Auf den offensiven Skill-Positionen dreht sich vieles um den fehleranfälligen Wide Receiver Zay Flowers, einen älter werdenden Derrick Henry und Tight End Mark Andrews. Defensiv war Baltimore 2025 gegen den Pass das schwächste Team der gesamten AFC. Und auch Lamar Jackson kommt aus einer Saison, die man zumindest als eine seiner schwächsten in der NFL bezeichnen kann (er spielte aber auch fast durchgehend angeschlagen).
Trotzdem bleibt der entscheidende Punkt: Ein Top-5-Quarterback in seiner Prime ist in der NFL die seltenste und wertvollste Ressource überhaupt. Und genau dieser Lockruf dürfte für jeden ambitionierten Head-Coach-Kandidaten am Ende nahezu unwiderstehlich sein.
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