Wer wächst da heran in Atlanta? Als durch Trae Youngs Verletzung ein Machtvakuum entstand, als die Hawks plötzlich jemanden brauchten, der sowohl das Scoring als auch das Einsetzen von Mitspielern übernimmt, sprang Jalen Johnson genüsslich ein. 5 Assists im Oktober schraubte der Forward im November auf 8,1 Vorlagen hoch. Im Dezember steht er derzeit bei 10,6. Für sich genommen, ein elitärer Sprung. Dass Johnson seine Passingfähigkeiten vom Flügel aus einsetzt, macht ihn zu etwas Besonderem.
Es macht ihn irgendwie - ohne zu behaupten, er sei annähernd auf ihrem Level oder ähnlich dominant - zu einem wie Nikola Jokic, Giannis Antetokounmpo oder Luka Doncic; zu einem, der qua Physis oder Positionstheorie Angriffe eigentlich eher vollenden als ein- oder überleiten sollte; zu einem, der das Spiel seiner Mannschaft auf seine Art lenkt, der Mitspieler einsetzt, obwohl ihn gemäß Tradition eigentlich jemand anders einsetzen sollte. In Youngs Abwesenheit machte Johnson die Hawks gewissermaßen zu seinem Team.
Dass es soweit kommen würde, überrascht einerseits nicht ganz, andererseits ist es nicht selbstverständlich. Johnson kam einst mit 18 in die Liga, spielt daher bereits seine fünfte Saison. Zu Beginn seiner Karriere bewegte er sich eher am Rand von Atlantas Kernrotation. Während der vergangenen beiden Jahre etablierte er sich. Johnson machte einen Sprung und galt plötzlich als großes Versprechen. Es schien, als verhinderten einzig Verletzungen den reibungslosen Aufstieg Richtung Elite. Diese Saison wirkt wie ein Beleg.
Jalen Johnson: Scoring auf allen Ebenen - und noch mehr
In 26 von 29 möglichen Spielen stand Johnson auf dem Court - und wenn er es tat, waren die Hawks ein besseres Team. Laut Cleaning the Glass erzielen sie auf 100 Ballbesitze gerechnet fünf Punkte mehr. Offensiv profitiert Atlanta dabei von der Vielseitigkeit ihres Forwards, der sowohl Teamkollegen einsetzen als auch selbst abschließen kann. Auf unterschiedliche Arten. Johnson ist einer dieser seltenen multidimensionalen Scorer, der von draußen ähnlich große Gefahr ausstrahlt wie aus der Mitteldistanz oder am Ring.
39,6 Prozent seiner Dreier rutschen durch die Reuse. Am Ring trifft er 72 Prozent, aus der langen Mitteldistanz 50 Prozent seiner Würfe. Johnsons Effective Field Goal Percentage, die den größeren Wert von Dreiern miteinbezieht, übertreffen lediglich sechs Forwards. Nur Giannis Antetokounmpo ist offensiv dabei ähnlich involviert, sprich, nimmt ähnlich viele Würfe gegen einen ähnlichen Fokus der Defense und widersteht damit einem ähnlichen Schwierigkeitsgrad.
Dass Johnson erst 22 Jahre alt ist, offenbart dabei eigentlich nur die Athletik. Atlantas Forward mag nicht so explosiv sein wie Anthony Edwards, hart zum Korb ziehen, spektakulär abschließen kann er dennoch. Regelmäßig. Vor allem, und das beeindruckt fast noch mehr, wirkt Johnson häufig, als habe er, wenn nicht alles, dann doch vieles unter Kontrolle. Er liest das Spiel, zieht seine Schlüsse und trifft entsprechende Entscheidungen. Schnelle Entscheidungen. Selten hält Johnson den Ball zu lange. Ob er wirft, passt, zum Ring zieht, beschließt er unmittelbar und gibt der Offense so eine gewisse Dynamik.
Der Ball klebt nicht. Er wandert. Offene, besser postierte Mitspieler entdeckt Johnson häufig in Bruchteilen von Sekunden - und es scheint, als gelänge es ihm immer häufiger. Zwischen dem 6. und 15. Dezember assistierte Johnson in vier Spielen in Serie zweistellig. Gleiches galt für sein Rebounding und Scoring. Anders formuliert: Jalen Johnson, 22 Jahre alt, Forward, gelangen drei Triple Doubles in Folge.
Triple-Double-Tendenz: Johnson reiht sich direkt hinter Jokic ein
"Wir profitieren ungemein von ihm", sagte Coach Quin Snyder nach der knappen Niederlage gegen Denver. "Er kann das Spiel auf unterschiedlichen Ebenen beeinflussen, und seine Statline zeigt genau das." Die angesprochene Statline las sich am Ende wie folgt: 21 Punkte, 18 Rebounds und 16 Assists. Jeweils 11, 10 und 12 hatte Johnson bereits zur Halbzeit angesammelt. Mehr noch. Schon nach 16 Minuten und 44 Sekunden hatte der Anschreibetisch ein Triple-Double registriert.
Schneller war in der gesamten NBA-Historie ausgerechnet der, der Denvers Sieg am Ende mitsicherte. Johnson ist deshalb lange nicht Jokic. Seine Mischung aus Scoring-Punch, Pass- und Gestalterfähigkeiten, Rebounding und Defense spülen ihn in diesem Jahr jedoch gefährlich nah an die absolute Elite. Paul George, der womöglich noch ein wenig eleganter unterwegs war als der ebenfalls sehr geschmeidige Johnson, zählte über Jahre nicht nur zu den besten Forwards der Liga, PG war einer der beste überhaupt, landete 2019 auf Platz drei beim MVP-Voting.
Jalen Johnson? "Da ist noch mehr"
Ob Johnson einmal ähnlich Höhen erreicht, lässt sich natürlich kaum vorhersagen. Womöglich gaben die Hawks im Oktober 2024 jedoch einem der prägenden Flügel der mittelfristigen Zukunft einen neuen Fünfjahresvertrag. Zufrieden gibt sich Johnson jedenfalls nicht. "Es reflektiert nur den Einsatz von einem, der hart arbeitet und von dem wir viele Plays brauchen", sagte Snyder über Johnsons Entwicklung. "Die Triple-Doubles und Statistiken sind natürlich großartig. Aber er will gewinnen und da ist noch mehr. Er kann noch effizienter werden, denn das brauchen wir von ihm."
Genau davor scheint sich Johnson nicht zu drücken. Die Entwicklung, wie Snyder sagt, steht dabei für sich. Gleichzeitig schlüpft Johnson in eine Leaderrolle. Zaccharie Risacher, Nummer-1-Pick 2024 und in dieser Saison mit veritablen Shooting-Problemen unterwegs (45,8 Prozent FG, 32,8 Prozent 3FG), sprang er öffentlich zur Seite. "Manchmal müssen wir ihn daran erinnern, dass er ein Nummer-1-Pick war, und das nicht aus Zufall", sagte Johnson. Risacher sei extrem fleißig, werfe nach dem Training am längsten. Das müsse er einfach beibehalten, dann würden die Würfe schon wieder fallen; "und wir sind bei ihm, unterstützen ihn und wissen, dass er da wieder rauskommt."
Naturgemäß stellen sich bei solchen Worten und Leistungen, gerade in Abwesenheit von Atlantas langjährigem Leader Trae Young, Fragen, ob bereits eine kleine Ablösung und Emanzipation vom Point Guard stattgefunden habe. Gerade als die Hawks direkt nach Youngs Verletzung eine kleine Erfolgsserie starteten. Am Ende gewann Atlanta ohne seinen Point Guard 13 Spiele und verlor neun. Seit dem Spiel in Charlotte ist Young zurück. Die Hawks verloren drei Mal in Serie, wobei der Playmaker das Spiel gegen die Spurs aussetzte.
Rückschlüsse lässt das längst nicht zu. Das Team muss sich nun wieder neu finden. Young muss seinen Rhythmus, seine Rolle an Johnsons Seite, zudem in einer Mannschaft finden, die sich zuletzt durch viel Ball- und Playermovement, dazu durch Defense Vorteile verschaffte. Das muss nicht gelingen, muss aber ebenso wenig schiefgehen. Dass Johnson Youngs Comeback mit 43 Punkten, 11 Rebounds und 9 Assists feierte, illustriert dagegen durchaus, dass einer sein Ich gefunden zu haben scheint. Womöglich wächst in Atlanta gerade ein neuer Franchise-Player und All Star heran.
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