Das Positive zuerst, warum auch nicht nach einem Sieg. "Ich hätte tatsächlich nicht gedacht", begann Julian Brandt also am frühen Samstagabend, "dass es in den letzten Spielen fast schon zu unserer Stärke wird, Last-Minute-Treffer zu machen, nachdem es in den letzten Wochen und Monaten eher ein Vorwurf gegen uns war, dass wir in der letzten Sekunde einige Tore bekommen haben."
Das späte 3:2 durch einen Elfmeter-Treffer von Emre Can in der fünften Minute der Nachspielzeit erinnerte tatsächlich frappierend an das Tor von Carney Chukwuemeka acht Tage zuvor, mit dem der Brite zum Jahres-Auftakt bei Eintracht Frankfurt noch einen Punkt und die Stimmung rettete. Damals 3:3, nun 3:2, dazwischen ein 3:0 gegen Werder Bremen - das Jahr beim BVB ist wild gestartet.
"Ich war mir relativ sicher"
"Ich bin natürlich extrem froh, dass wir es noch gepackt haben. Als der Schiri auf den Elfmeterpunkt gezeigt hat, war ich mir relativ sicher, dass wir da treffen werden, weil Emre ein sehr, sehr sicherer Schütze ist", berichtet Brandt von der am Ende entscheidenden Szene, der nicht unumstrittenen Entscheidung des VAR und dem späten Jubel.
Wie so oft beim BVB mischte sich in die Freude über einen Sieg trotzdem ein mittelgroßes "aber", auch beim Torschützen zum 1:0. "Aber klar, es ist wieder ein bisschen schade, dass wir uns wieder in die Situation gebracht haben", findet der Zehner und zählt auf: "Wir waren schon sehr schlampig im Ballbesitz. Dadurch haben wir St. Pauli auch beim Stand von 2:0 immer so ein bisschen das Gefühl gegeben, hier geht noch was."
Dass es dann zwei Standards waren, bei denen "am Ende einfach auch Zentimeter entscheiden", und der Ausgleich durch Ricky-Jade Jones ein "brutaler" Abschluss war, wollte Brandt nur eingeschränkt gelten lassen, "schwierig zu analysieren", sei die Partie: "Was wir heute nicht gut gemacht haben, ist, das Spiel nach dem 2:0 zu beruhigen. Also Bälle in der gegnerischen Hälfte zu halten, sie vielleicht durch Passagen zu ermüden, durch Links-Rechts-Wechsel. Da haben wir uns gegenseitig ein bisschen in Bredouille gebracht."
Die eigene Diskussion nicht neu befeuern
Am Ende blieb wieder das andauernde Rätseln darüber, woher die Diskrepanz zwischen der sehr guten Ausbeute und den nur selten sehr guten Auftritten kommt. "Ich habe die Diskussion vor ein paar Wochen befeuert, dementsprechend halte ich mich heute mal ein bisschen zurück", kündigte Brandt an und wollte dieses Mal lieber über die Ergebnisse sprechen: "Ich bin grundsätzlich schon sehr zufrieden, dass wir das Spiel gewonnen haben. Ich habe das nicht dauernd erlebt, dass wir nach 18 Spielen so eine Punkteanzahl hatten. Es würde wahrscheinlich auch noch ein bisschen besser aussehen, wenn wir im Süden nicht eine Mannschaft hätten, die es geisteskrank macht. Dann wäre wahrscheinlich auch vieles noch offen in der Liga, glaube ich."
Der Blick nach oben zu den unantastbar dominanten Bayern verbietet sich, der nach unten und damit nach vorne wird von Woche zu Woche angenehmer, weil die Konkurrenz deutlich häufiger Punkte lässt als der BVB. "Wir schaffen es überwiegend, die Ergebnisse zu holen, und das ist natürlich am Ende das, woran uns jeder auch misst", findet Brandt: "Dementsprechend kann man natürlich immer ein bisschen meckern, aber am Ende ist das, was auf dem Spielbericht nach 90 Minuten steht, zumindest heute positiv für uns."
Dass das Wie weiter zu oft Fragen offenlässt, scheint auch im Team ein Thema zu sein. "Ich habe schon das Gefühl, dass aus der Mannschaft versucht wird, das zu ändern, aber der Ist-Zustand ist dann momentan halt so. Wir müssen uns logischerweise auch weiter an den Plan halten", findet Brandt. Und der sieht - zumindest meistens - eine stabile Defensive, eine beeindruckende Physis und eine starke Moral vor.
"Sicherlich Themen, die wir schneller abstellen müssen"
Wobei: Die Defensive liegt im neuen Jahr etwas unter den sehr guten Werten des Vorjahrs. Bis zur Winterpause waren es zwölf Gegentreffer in zwölf Partien, danach fünf in drei. "Das ist schon krass, weil wir zum einen immer wieder Statistiken veröffentlichen, wie viele Spiele wir schon zu null gespielt haben", wundert sich Brandt: "Dann gibt es Spiele, in denen wir dann direkt zwei oder drei Gegentore bekommen. Am Ende ist es Schwarz oder Weiß und das sind sicherlich Themen, die wir schneller abstellen müssen."
Immerhin, und damit konnte der Techniker auch mit einem Grinsen positiv enden: "Ich bin froh, dass wir zumindest vorne Tore schießen. Das ist meine Abteilung, das wäre noch beschissener, wenn ich jetzt hier stehen würde und sagen müsste, was da vorne eigentlich los ist."