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"Darf das wahr sein? Es ist wahr!": 35 Jahre Landskrona

kicker

In der 61. Minute des EM-Qualispiels zwischen den Färöern und Österreich erzielte Torkil Nielsen, von Beruf Holzhändler und nebenbei einer der besten Schachspieler seines Landes, am 12. September 1990 im schwedischen Landskrona das entscheidende Tor zum 1:0-Sieg. Der Fußballzwerg mit dem fortan legendären Zipfelmützen-Goalie Jens Martin Knudsen (damals Kraftfahrer für eine Fischfabrik) fügte dem ÖFB-Team mit Toni Polster, Andi Herzog, Peter Pacult, Michael Konsel und Co. die Mutter aller Niederlagen zu. Josef Hickersberger trat am nächsten Tag als Teamchef zurück.

Wer bei diesem legendären Match als österreichischer Spieler, Zuschauer oder Journalist dabei war, wird es niemals vergessen. Christian Hackl, der sich im Laufe seiner langen Journalistenlaufbahn ebenfalls Legendenstatus erarbeitete, war damals als junger Standard-Redakteur mit nach Landskrona geflogen. "Und das nur, weil sich mein damaliger Chef Johann Skocek diese Partie nicht antun wollte", erzählt Hackl dem kicker lachend. "Zuerst war ich auch nicht gerade begeistert davon. Im Endeffekt war es dann aber eines der außergewöhnlichsten und größten Erlebnisse in meinen 40 Jahren Journalismus."

"Was passiert, wenn wir das hier verlieren?"

Hackl blieb nicht nur dem Teamchef mit einer im nachhinein hellseherischen Frage in Erinnerung. "Was passiert, wenn wir das hier verlieren?", warf er bei der Pressekonferenz am Tag vor dem Spiel in den Raum. Hickersberger, der mit Österreich wenige Monate davor immerhin die WM-Endrunde 1990 in Italien bestritten hatte, war genauso amüsiert und verwundert wie die anderen nach Schweden mitgereisten Journalisten. Torjäger Polster hatte gar einen 10:0-Sieg in Aussicht gestellt und war mit dieser Einschätzung nicht alleine gestanden.

"Die Frage war nur, ob wir einstellig oder zweistellig gewinnen", erinnert sich Hackl. Schließlich war es für die Hobbytruppe der Färöer das erste Bewerbsspiel überhaupt. Kurz davor hatten die Färinger ein Testmatch gegen Bröndby mit 0:6 verloren. Nach Landskrona musste man ausweichen, da es in Torshavn noch kein Stadion gab. "Es waren auch fast keine Zuschauer beim Spiel", berichtet Hackl (rund 1.200, Anm.). "Und dann schießt der wirklich das Tor - auf der Pressetribüne war Weltuntergangsstimmung. Ich hab' mir gleich gedacht, dass das doch eigentlich eine unglaubliche Geschichte ist - das Match David gegen Goliath schlechthin. So einen kleinen David hat es nie gegeben. Für den Pepi Hickersberger hat es mir halt leid getan, weil ich den sehr gern mochte und mag. Wenn wir uns heute treffen, lachen wir jedes Mal über damals."

Der ORF-Kommentator des historischen Spiels war übrigens Michael Kuhn, dem es nach dem Treffer von Nielsen völlig ungläubig entfuhr: "Nein!! Darf das wahr sein? Es ist wahr!" Hickersberger sprach nach dem Schlusspfiff von der größten Enttäuschung seines Lebens, was er später freilich relativierte. Es war auch nur das Ende seiner ersten Teamchef-Ära. Vor der Heim-EM 2008 sollte "Hicke" noch einmal auf die Kommandobrücke zurückkehren.

Sensation inspirierte zu Stadionhymne

Die Färöer blieben jedenfalls im kollektiven Gedächtnis des österreichischen Fußballs eingebrannt - auch weil sie dem ÖFB-Team 2008 unter Cheftrainer Karel Brückner mit einem 1:1 in Torshavn noch einmal einen empfindlichen Denkzettel verpassten. Damals und wie bei jedem anderen Länderspiel der Färinger seit 35 Jahren erklang eine in Anlehnung an die Landskrona-Großtat verfasste Hymne, die mit dem Satz beginnt: "Die Färöer gaben Österreich einen Walzer, den hörte man von Wien bis Mikladalur!" Und im Refrain heißt es unter anderem: "David stürzte Goliath. Vorwärts, vorwärts Färöer!"

Empfangen wurden die im Herbst 1990 siegreich aus Landskrona heimkehrenden Helden in Torshavn von unglaublichen 20.000 der insgesamt 40.000 Inselbewohner. In Österreich dagegen entlud sich über den ohnehin schwer gebeutelten Nationalspielern noch eine gewaltige Ladung Spott und Hohn, die für Jahre ausreichte. "Es gibt Schlimmeres im Leben als eine Niederlage im Fußball", sagte Hickersberger später einmal im Rückblick auf den 12. September 1990. "Aber im Fußball gibt es keine schlimmere Niederlage als gegen die Färöer."