Ob Julian Nagelsmann am Sonntagabend in Köln ein verunglimpfendes Banner befürchten muss? Das würde dann doch eher überraschen. Aber er trainiert ja auch nicht den amtierenden Europa- und Vize-Weltmeister. Womöglich wirken sich solche Ehren einfach auf die Erwartungshaltung aus.
Jupp Derwall hatte im November 1983 nämlich schlechtere Karten, als es bereits in der heißen Phase der Qualifikation für die EM 1984 in Hamburg ebenfalls gegen die Nordiren ging. Noch ehe das Spiel überhaupt in einer schmerzhaften 0:1-Niederlage enden konnte, hatte dem damaligen Bundestrainer der direkt an ihn gerichtete Schriftzug kaum entgehen können.
Als die deutsche Nationalmannschaft maximal unsympathisch war
"Derwall, Schande des Fußballs", war seinerzeit auf einem ziemlich großen Banner auf den Rängen des Volksparkstadions zu lesen, weil seit dem EM-Titel 1980 neben den Ergebnissen vor allem der Fußball mehr und mehr zu wünschen übriggelassen hatte. Die offene Kritik roch zudem nach einer Anspielung auf die "Schande von Gijon", die von all den unsympathischen deutschen Darbietungen bei der zurückliegenden WM wohl der Tiefpunkt gewesen war. Jenseits von Toni Schumacher gegen Patrick Battiston.
Ob diese schriftliche Anklage nach Schlusspfiff sogar noch fett unterstrichen wurde, ist nicht überliefert. Aber vielleicht wurde ja berücksichtigt, dass ein Sieg gegen Nordirland in diesen Jahren kein Selbstläufer war.
Zunächst war vor allem der Name Norman Whiteside im Sommer 1982 aus dem nordirischen Dunstkreis in die weite Fußballwelt gewabert. Der Name eines gerade frisch 17-Jährigen, der die Optik und Statur eines 25-Jährigen mitbrachte, als er in Spanien auflief und dabei nicht nur Pelés Altersrekord für den jüngsten WM-Spieler brach, der noch bis heute gültig ist. Der Hoffnungsträger von Manchester United war auch Teil einer Mannschaft, die in der nordirischen Fußballgeschichte gehörig aus der Reihe tanzte.
Dafür reichte allein schon die Teilnahme an einem großen Turnier, was es mit Ausnahme der WM 1958, als die Mannschaft das Viertelfinale erreichte, noch nie gegeben hatte. Und auch 24 Jahre später, womit kaum einer rechnen konnte, war nach der Gruppenphase noch nicht Schluss. Ein legendärer Sieg gegen Gastgeber Spanien ließ die "Green and White Army" ihre Gruppe sogar gewinnen und die Zwischenrunde erreichen.
Begabte Spielergeneration mit der Mentalität eines Underdogs
Trainer Billy Bingham verfügte in Martin O'Neill, der zu Nottingham Forests Europapokal-Siegern gehört hatte, Whiteside oder Gerry Armstrong, dem Torschützen gegen Spanien, nicht nur über eine besonders begabte Spielergeneration. Seine Mannschaft hatte trotz dessen weiterhin die Mentalität eines großen Underdogs im Blut. Die Nordiren rannten und kämpften ihre Gegner zur Verzweiflung, ehe sie mit erstaunlich guten Spielzügen noch mal einen draufsetzten.
In der Zwischenrunde der WM 1982 kamen die Urahnen des legendären George Best, der es mit der Nationalmannschaft nie zu einem Großereignis geschafft hatte, gegen Österreich dennoch nicht über ein 2:2 hinaus, bevor sie gegen die damalige Überraschungs-Mannschaft Frankreich zum ersten Opfer von deren "magischem Viereck" wurde, dem herausragenden Mittelfeld um Michel Platini. Am Ende stand ein 1:4 - und die Heimreise nach Nordirland.
Die sollte für Bingham und Co. in diesen Jahren aber nicht die letzte Reise bleiben, was bald darauf auch Vize-Weltmeister Deutschland zu spüren bekam, der in Spanien noch nicht das Vergnügen gehabt hatte. Dafür standen in der EM-Quali zwei direkte Duelle an, die Derwalls kriselnder Truppe ziemlich zu schaffen machten. Den ersten Dämpfer gab es im November 1982: 0:1 in Nordirland.
„Mann, war das eine komplizierte Qualifikation!“ (Hans-Peter Briegel über die Spiele gegen Nordirland 1982 und 1983)
"EM-Start total missglückt", titelte auf seinem Cover harsch der kicker, der sich nur einen Monat zuvor noch über einen deutschen Auswärtssieg in England hatte freuen dürfen. Doch die Nordiren, zumindest auf heimischem Boden, schienen damals eine noch härtere Nuss zu sein. Kaum zu knacken.
"Mann, war das eine komplizierte Qualifikation!", erinnerte sich Hans-Peter Briegel Jahrzehnte später bei 11 Freunde an einen Gegner, der selbst ihm, der "Walz aus der Pfalz", in puncto teutonischer Kampfkraft den Rang ablief. Deutschland hatte zwar auch Pech, dass der aberkannte vermeintliche Ausgleich durch Pierre Littbarski wohl kein Abseits gewesen war, doch zufällig war diese Niederlage wahrlich nicht passiert.
Fast auf den Tag genau ein Jahr später wiederholte sie sich ja.
Im Herbst 1983 auf deutschem Boden "haben wir uns blamiert", befand Stürmer-Star Karl-Heinz Rummenigge nach der erneuten 0:1-Pleite, die den amtierenden Europameister auf dem Weg zur versuchten Titelverteidigung in größte Nöte trieb. Ein weitgehend undurchdachtes Anrennen hatte den Deutschen wieder nichts eingebracht, den überlegtesten Abschluss hatte ausgerechnet der mittlerweile 18-jährige Whiteside veredelt.
Hätte damals der direkte Vergleich gezählt, die beiden Niederlagen gegen Nordirland hätten Derwalls Deutschland das Genick gebrochen. Die EM 1984 hätte ohne den Europameister stattgefunden. Doch die Tordifferenz war entscheidend und ursächlich für das bittere Ausscheiden der Nordiren, die es dafür zwei Jahre später wieder zur WM 1986 schafften - und seither nur noch zu einem weiteren Turnier (EM 2016).
Derwalls Aus wird nur aufgeschoben
Solche Sorgen hatte der DFB zwar nicht, aber das in der Rückschau wohl folgerichtige Aus gleich in der EM-Gruppenphase kostete den angezählten Derwall einige Monate später den Job. Mangelnde Kampfbereitschaft, zu wenig Bindung oder fehlende Harmonie war seiner Mannschaft nach den Nordirland-Spielen auch im kicker vorgeworfen worden, was über 40 Jahre später erstaunlich gemeinsame Nenner sind.
Wie Derwall damals wird auch Nagelsmann heute also klar sein: Vergangene Turniere bewirken wenig, wenn die Ergebnisse und vor allem der Fußball nicht mehr stimmen. Dafür ist dann auch kein Banner nötig.