Als aktive Spielerin, die seit vielen Jahren auf internationalem Niveau unterwegs ist, sehe ich in diesem Finale das Symbol einer neuen Ära. Bis inklusive 2013 dominierten Deutschland, Norwegen und Schweden. Nun beginnt mit England gegen Spanien endgültig ein anderes Kapitel.
Die neuen Gesichter der Macht
Spanien ist in den letzten Jahren wie im Rausch durch die Wettbewerbe marschiert: Weltmeisterinnen 2023, Nations-League-Siegerinnen 2024, jetzt im EM-Finale 2025. Und das mit einem Fußball, der so kontrolliert, so technisch, so reif ist, dass man manchmal vergisst, wie jung viele der Spielerinnen noch sind. Montse Tome hat aus einem zerstrittenen Haufen ein echtes Team geformt. Das war kein Selbstläufer.
Olga Carmona, die Finaltorschützin von Sydney, hat es selbst gesagt: "Was wir in der Vergangenheit erreicht haben, zählt jetzt nicht mehr." Das zeigt Größe - und den unbedingten Hunger nach dem nächsten Titel. Spanien will endgültig ganz oben ankommen. Und dafür brauchen sie diesen Pokal.
Wenn der zweite Anzug besser sitzt
Und dann ist da England, das gefühlt jedes Spiel auf der Kippe hatte - und doch steht es wieder im Finale. Wer das als Glück abtut, unterschätzt den vielleicht größten Trumpf dieser Mannschaft: die Bank. Oder besser gesagt: die "Finishers". Ja, so nennen sich die englischen Einwechselspielerinnen bei diesem Turnier - mit einer eigenen WhatsApp-Gruppe und sogar einem eigenen Jubel: Schnipp. Klingt albern? Vielleicht. Aber was Chloe Kelly und Michelle Agyemang leisten, ist alles andere als das. Es ist eiskalt, präzise - und extrem wirkungsvoll.
Chloe Kelly hat schon 2022 das EM-Finale entschieden, auch damals von der Bank. Diesmal rettete sie ihr Team gegen Italien mit einem Elfer in der 119. Minute - und feierte dann so cool an der Eckfahne, als wäre es ein Freundschaftsspiel in der Vorbereitung. Sie ist keine Jokerin, sie ist eine Finalspielerin. Punkt. Und Michelle Agyemang, 19 Jahre jung, bringt eine Energie mit, gegen die müde Abwehrreihen schlicht keine Mittel mehr haben. Beide haben England schon zweimal in diesem Turnier vor dem Aus bewahrt. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Die Schlüsselspielerinnen Englands kommen nicht aus der Startelf.
Wiegmans stille Dominanz
Ich habe übrigens größten Respekt für Sarina Wiegman. Seit 2017 hat sie bei jedem EM- oder WM-Turnier das Finale erreicht - egal mit welcher Mannschaft. Das schafft man nicht mit Glück. Das ist Vorbereitung, Klarheit, Psychologie. Und eine Idee vom Fußball, die auch in schwierigen Phasen trägt. Ihr England stolpert vielleicht ins Finale, aber es steht dort. Und hat alles in der Hand, Geschichte zu schreiben. Nicht nur durch eine Titelverteidigung, sondern auch durch ein Signal: Der Frauenfußball lebt nicht mehr von einer dominanten Nation, sondern von starken Konzepten und cleveren Lösungen.
Das Spiel hinter dem Ergebnis
Was dieses Finale so besonders macht, ist nicht nur die Qualität auf dem Platz - sondern das, was zwischen den Zeilen passiert. Taktik allein wird es nicht entscheiden. Es geht um Kontrolle. Um Nerven. Um Reife. Spanien spielt den strukturierteren Fußball, England lebt vom Moment - und von der Fähigkeit, den Schalter plötzlich umzulegen.
Das Spiel wird auch zur Frage der Anpassung: Wer reagiert schneller auf Druck? Wer bleibt ruhig, wenn der Plan nicht aufgeht? Spanien will diktieren, England kontern. Aber beide wissen: Finals folgen keiner Logik. Sie kippen mit einem Fehlpass, einer Standardsituation, einem Einfall von der Bank. Das Team, das diese kleinen, entscheidenden Augenblicke besser erkennt - und nicht nur übersteht, sondern nutzt -, wird am Ende den Pokal stemmen. Nicht unbedingt das mit dem schönsten Spiel.
Mein Tipp
Ich glaube, dass beide Teams bereit sind für diesen Moment - auf ihre eigene Art. England bringt Charakter, Spanien bringt Struktur. Wenn das Spiel offen bleibt, könnte die englische Bank wieder zum Zünglein an der Waage werden. Aber: Wenn Spanien früh Kontrolle bekommt, wird es schwer, sie aus dem Takt zu bringen. So sehr ich Englands unerschütterlichen Willen schätze - meine Tendenz geht zu Spanien. Weil sie nicht nur besser spielen, sondern auch besser verwalten können, wenn es darauf ankommt.