Achtmal gelang der Sprung
Es ist eine außergewöhnliche Geschichte, die einen Platz im Guinness Buch der Rekorde finden könnte. Ein Junge beginnt in der F-Jugend seines Heimatvereins in Schöningen, durchläuft alle Jugendmannschaften. Von der C-Jugend an trägt er dabei die Kapitänsbinde. Sechsmal gewinnt Johannes Lutz mit der Jugendspielgemeinschaft die Meisterschaft, fünfmal gelingt der damit verbundene Aufstieg in die höhere Spielklasse. 2014 schafft er den Sprung in die Bezirksligamannschaft der FSV Schöningen. Elf Jahre und drei Aufstiege später läuft Lutz nun ab dem Sommer in der vierthöchsten Liga auf. Nur noch eine unter der ersten Profiliga.
"Ich hätte es mir nie erträumt, als Hobbykicker einmal in der Regionalliga zu spielen", blickt Lutz ein wenig ungläubig auf die erfolgreiche Saison zurück. Der kicker erreicht den 30-Jährigen via Zoom auf Mallorca, entspannt im weißen T-Shirt und mit Basecap. Nach dem Ende der Relegation war die Mannschaft geschlossen auf die iberische Halbinsel geflogen. "Da ging es schon feuchtfröhlich ab", erzählt Lutz, der an die Mannschaftsfahrt gleich noch seinen Urlaub dran hängte und von Mallorca aus weiter nach Italien reiste.
Für Hobbys neben dem Fußball bleibt dem Verwaltungsfachwirt bei der Stadt Schöningen wenig Zeit. Wann immer es diese erlaubt, gehört das Reisen zu seinen größten Interessen. Sport stand immer im Mittelpunkt in der Familie Lutz. Johannes hat noch vier Brüder und eine Schwester. Drei seiner Brüder kicken, der Vierte ist wie sein Vater Schwimmer. Die Schwester hingegen betreibt Bouldern und spielt Golf. "Sie ist sehr gut darin. Vielleicht zieht sie mich nach dem Fußball zur Platzreife", witzelt Lutz, der nach eigener Aussage "den Ball beim Abschlag immer nur zufällig trifft."
"Ich bin tatsächlich erfolgsverwöhnt"
Noch aber muss die Golf-Karriere warten. Der Fußball hat seinen Peak erreicht. Insgesamt achtmal aufgestiegen - wine bemerkenswerte Statistik. "Ich bin tatsächlich erfolgsverwöhnt", schmunzelt Lutz. Was der schönste Aufstieg gewesen sei, mit dieser Frage tut er sich allerdings schwer. "Das Gefühl ist immer cool und unbeschreiblich, aber rein sportlich ist der jetzige in die Regionalliga der krasseste."
Wenn man so will, hat Lutz sogar neunmal den Sprung in die nächsthöhere Klasse geschafft. Denn in der Saison, als die FSV von der Kreisliga in die Bezirkliga aufgestiegen ist, musste er als A-Jugendlicher einmal aushelfen. "Ich habe sogar ein Tor gemacht in dem Spiel", erinnert er sich, "aber das möchte ich mir nicht anmaßen, zu sagen, dass ich an diesem Aufstieg einen Anteil hatte. Das waren andere."
Dieser Satz sagt viel über Lutz aus. "Johannes ist ein sehr bescheidener Mensch", charakterisiert ihn Trainer Christian Benbennek. "Ich kann nichts Negatives über ihn sagen, höchstens, dass ihm ein bisschen die Ellenbogen fehlen." Karsten Kräcker, Präsident der FSV Schöningen, kennt Lutz seit dessen 13. Lebensjahr: "Er war immer der Beste in den Jugendmannschaften, ein toller Junge." Und Kräcker setzt noch einen drauf: "Jede Mutter würde sich alle Finger nach einem solchen Schwiegersohn lecken."
„Johannes hat das Spiel anders gelernt, als Jungs, die aus einem Nachwuchsleistungszentrum kommen.“ (Trainer Christian Benbennek)
So viel Lob ist Lutz eher unangenehm. Was ihn aber freut, ist, dass der Verein auch künftig auf ihn setzt. Ein Gespräch mit Benbennek hat es bereits gegeben. Der Trainer und Sportdirektor traut Lutz die Regionalliga zu. "Ich finde es großartig, was Johannes erreicht hat", zeigt sich Benbennek angetan von dem Schöninger Eigengewächs.
Aber was ist so besonders an ihm? Benbennek, der mit seiner UEFA Pro-Lizenz bereits im Profibereich trainiert und viel erlebt hat, findet dafür eine aufschlussreiche Erklärung: "Johannes hat das Spiel anders gelernt, als Jungs, die aus einem Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) kommen. Spieler aus einem NLZ sind größtenteils Individualisten und Egoisten." Lutz hingegen sei ein Teamplaner, der die Gemeinschaft liebt. Und dann sagt der Trainer einen beinahe philosophischen Satz: "Er versteht und spielt das Spiel so gut, weil er das Spiel liebt!"
Zwölfte Saison im Herrenbereich
Das erste Regionalligajahr wird Lutz’ zwölfte Saison im Herrenbereich. Er blickt respektvoll und auch etwas demütig darauf. "Es ist für mich schwer, einzuschätzen, was auf mich zukommt. Ich glaube, wir müssen uns als Team nicht verstecken. Aber was das für mich bedeutet? Es wird sicherlich schwieriger. Allein mit dem ganzen Drumherum. Weite Fahrten, mehr Fans, der Druck ist anders."
Es könne auch passieren, dass man nach vier, fünf Spielen mit einem Punkt oder so dastehe, da sei dann schwer Druck auf dem Kessel. Denn es kann nicht immer so laufen wie in den letzten Jahren. Lutz weiß das, deshalb sieht er die Ausgangslage realistisch: "Es wäre natürlich schade, wenn Du direkt wieder absteigen würdest. Die Klasse halten, wäre super."
Dass er in der semiprofessionellen Regionalliga nicht automatisch zur Startelf gehören wird, ist ihm bewusst. Aber er ist gewillt, um einen Platz zu kämpfen: "Ich gehe da ran und freue mich über jede Minute, die ich kriege." Während er in der Jugend überwiegend offensiv agiert und "viele Tore geschossen" hat, sei er heute einer, "der eher verteidigt und defensiv denkt."
Mit Ex-Profis im Team
Seine Entwicklung und das Erreichte machen ihn schon ein wenig stolz. Aber dass er überhaupt so weit gekommen sei, liege auch an anderen Spieler. Bei der FSV spielen einige Ex-Profis, die die Qualität erheblich verbessert haben. Lutz hat sich einiges abgucken gucken. "Es ist schon irre, wenn ich später mal darauf zurückschauen kann, mit wem ich zusammen gespielt habe. Daniel Reiche zum Beispiel kam in der Bezirksliga zu uns. Der hat im Pokalfinale mit dem MSV Duisburg gegen Raul und Schalke gespielt."
Trotz mehrerer namhafter Spieler ist Johannes Lutz zu einem der Gesichter in Schöningen geworden, denn mehr Vereinsliebe geht kaum. Man kann bei einem 30-Jährigen nicht mehr von einem Durchbruch sprechen, aber er hat den langen Weg aus der Jugend über die Bezirksliga bis in die Regionalliga bewältigt. Alles andere als selbstverständlich. Um so mehr ist Lutz gespannt und dankerfüllt: "Abends bei Kickers Emden zu spielen, oder für mich als Werder-Fan bei Bremen II auf dem Gelände sein, da freue ich mich schon drauf."