Wer in der Vergangenheit an Fußball in Neuss dachte, dem kam vor allem ein Verein in den Sinn: der VfR 06 Neuss. Der traditionsreiche Klub brachte einst prominente Persönlichkeiten wie die Brüder Friedhelm und Wolfgang Funkel hervor und spielte in den 1960er-Jahren sogar in der zweithöchsten deutschen Spielklasse - der Regionalliga West. Legendär: der 5:4-Sieg gegen Fortuna Düsseldorf 1967 vor 13.500 Zuschauern.
Heute ist von altem Glanz wenig übrig. Der VfR spielt in der Saison 2024/25 in der Kreisliga B1 Grevenbroich-Neuss, rangiert dort aktuell auf dem 15. Platz - weit entfernt von den alten Erfolgszeiten. Während der frühere Platzhirsch kämpft, schickt sich ein anderer Verein an, den Fußball in Neuss wieder salonfähig zu machen: die Holzheimer SG. Der Klub erlebte in den vergangenen Jahren einen leisen, aber stetigen Aufstieg - von der Kreisliga B bis in die Oberliga. Zuletzt vertrat der SV Uedesheim in der Saison 2013/14 die Farben der Stadt in der Oberliga.
Der jüngste Aufstieg von der Landesliga in die Oberliga Niederrhein war alles andere als ein Selbstläufer. Am Ende lief es auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem FC Kosova Düsseldorf hinaus. "Das war ein schönes Erlebnis - vor allem, weil wir es am letzten Spieltag klargemacht haben", sagt Simon Büttgenbach, der Sportliche Leiter der HSG. Der Fokus bleibt klar: "Unser Ziel ist der Klassenerhalt. Die Oberliga ist für uns ein Abenteuer, aber wir wollen uns langfristig dort etablieren."
Standort Neuss: Potenzial und Luft nach oben
Nicht nur sportlich, auch infrastrukturell bewegt sich etwas. Gespräche mit der Stadt Neuss und potenziellen Sponsoren laufen im Hintergrund. "Wir haben jede Woche Sponsoren- oder Politiktermine", berichtet Büttgenbach. Und das Umfeld bringt einiges mit: "Neuss ist eine Stadt mit 160.000 Einwohnern, direkt angrenzend an Düsseldorf - hier steckt Potenzial." Gleichzeitig ist man sich der baulichen Herausforderungen bewusst: "Unsere Anlage ist marode, unser Naturrasen kaum bespielbar - aber das hat irgendwie auch Charme." Trotzdem ist Büttgenbach überzeugt: "Wir sind noch lange nicht am Limit."
Trainerwechsel als Wendepunkt
Ein Schlüsselmoment auf dem Weg in die Oberliga war der Trainerwechsel im Herbst. Hamid Derakhshan, der den Verein fünf Jahre lang geführt und maßgeblich zum Aufstieg beigetragen hatte, musste gehen. "Das war keine leichte Entscheidung", so Büttgenbach. "Aber im Fußball kommt man oft an den Punkt, wo man sich trennen muss."
Der neue Trainer Jesco Neumann brachte frischen Wind - sowohl taktisch als auch in der Spielphilosophie. Insgesamt holte das Team unter seiner Leitung 16 Siege aus 20 Spielen. "Mit Jesco haben wir einen echten Glücksgriff gelandet." Neumann passt sein Spielsystem stets an den Kader an. "Er versucht, aus dem Spielermaterial das Bestmögliche herauszuholen", betont Büttgenbach. Taktisch spielte die HSG zuletzt im klassischen 4-2-3-1.
Doch nicht nur im Trainerstab gab es Veränderungen. Aaram Abdelkarim, langjähriger Kapitän und zwischenzeitlich auch Interimstrainer, verlässt die Holzheimer SG - ebenso wie sein enger Freund Sinan Kurt, einst DFB-Talent und Bayern-Profi. Beide wechseln zum MSV Düsseldorf. Unabhängig davon spielen große Namen bei der Kaderzusammenstellung nur eine untergeordnete Rolle. "Wir setzen jetzt auf junge Spieler, die voll im Saft sind und gegen den Ball gut arbeiten", erklärt Büttgenbach.
Die enge Verbindung zu Borussia Mönchengladbach hilft bei der Talentsichtung. Büttgenbach war dort im Nachwuchsscouting tätig, Neumann als Jugendtrainer - heute profitieren beide von einem engen Kontaktnetz im Jugendbereich. Beispielhafte Neuzugänge sind Vitali Habarov (aus der U 19 des TSV Meerbusch) und Zinedine Durmus (ehemals U 19 MSV Duisburg). Die Kaderplanung erfolgt strukturiert und langfristig.
Ex-Aachen-Profi Wilschrey kommt
"Ich habe eine sehr umfangreiche Shortlist - da greifen wir immer wieder drauf zurück", verrät Büttgenbach. Neben jungen Talenten wurde auch Erfahrung hinzugeholt - etwa in Person von Ex-Profi Robert Wilschrey (36, kam vom SC Kapellen-Erft), der früher unter anderem für Alemannia Aachen spielte. "Ein Holzheimer Junge, der ja seine Karriere bei uns beenden möchte", freut sich der Sportliche Leiter. Doch nicht nur sportliche Qualität ist entscheidend. "Wir achten bei jeder Verpflichtung auf den menschlichen Aspekt - alle müssen in unser familiäres Konzept passen. Unsere Mannschaft ist charakterlich 1A."