Es war der Tag nach dem Champions-League-Finale zwischen Paris Saint-Germain und Inter Mailand. Flamengo hatte soeben sein letztes Ligaspiel vor der Abreise zur Klub-WM absolviert, und Trainer Filipe Luis beantwortete die Fragen der Journalisten, die sich vor allem um das Turnier in den USA und die bevorstehenden Duelle mit europäischen Teams drehten. "Wir wissen, wie es ist, gegen die Europäer zu spielen. Wenn man das Endspiel gestern gesehen hat, dann sah das aus wie ein anderer Sport", meinte der Coach, der selbst 13 Jahre lang Profi in Europa bei Atletico Madrid, dem FC Chelsea und Deportivo La Coruna gewesen ist.
Diese Auffassung teilten auch andere, darunter Palmeiras-Trainer Abel Ferreira: "Die Europäer halten den brasilianischen Fußball für tempoarm. Er sieht für sie langsam aus. Aber das hat Gründe. Zuerst den vollgestopften Terminkalender, dann die schlechten Spielfelder und den Mangel an Regenerationszeit. Wir spielen hier fast das ganze Jahr drei Partien pro Woche - das gibt es nur in Brasilien", erklärt der Portugiese.
Flamengo beendete eine 25-jährige brasilianische Durststrecke
Das Gefühl, von der Spielintensität nicht mit Europas Top-Teams mithalten zu können, ließ die Erwartungen an sportliche Erfolge der vier brasilianischen Teilnehmer - Flamengo, Fluminense und Botafogo aus Rio de Janeiro sowie Palmeiras aus Sao Paulo - eher in Grenzen zu halten. Das schien auch die jüngere Vergangenheit zu bestätigen. Schließlich war es schon 13 Jahre her, dass ein Vertreter aus Südamerika einen europäischen Verein bei der Klub-WM besiegt hatte: Die Brasilianer von Corinthians schlugen im Finale damals den FC Chelsea.
Doch die Gegenwart sieht höchst überraschend völlig anders aus. Das noch unbesiegte brasilianische Quartett hat bei diesem Turnier eine unglaubliche Bilanz auszuweisen: In acht Spielen holten sie sechs Siege und zwei Remis. Darunter die bislang größte Sensation: Botafogos 1:0-Sieg über Champions-League-Sieger PSG. Sehr bemerkenswert auch der 3:1-Erfolg von Flamengo gegen Chelsea. Mit zwei Toren Differenz hatte zuletzt Vasco da Gama vor 25 Jahren gegen eine europäische Elf (damals 3:1 gegen Manchester United) gewonnen. Zwischenfazit: Die Sambatänzer vom Zuckerhut rocken die Klub-WM.
Roberto Carlos: "Die große Lücke gibt es nicht"
Die allgemein vermutete Qualitätslücke zwischen Brasilien und Europa sieht plötzlich gar nicht mehr so groß aus - oder gibt es sie vielleicht überhaupt nicht? "Der brasilianische Fußball war immer wichtig. Das Problem ist, dass wir selbst unsere größten Kritiker sind. Dabei ist klar, dass es die große Lücke zwischen südamerikanischem und europäischem Fußball nicht gibt", meint die brasilianische Außenverteidiger-Legende Roberto Carlos, und Ex-Nationalstürmer Walter Casagrande ergänzt: "Der Unterschied zwischen Europa und Südamerika liegt im wichtigsten kontinentalen Klubwettbewerb - die Champions League ist viel stärker als die Copa Libertadores. Die nationalen Ligen sind dagegen qualitativ vergleichbar. In der Bundesliga, der Serie A und La Liga gibt es übrigens nicht so viele Vereine, die um den Meistertitel kämpfen, wie in Brasilien."
Und obwohl die Zeiten vorbei sind, in denen die brasilianischen Klubs verhindern können, dass die einheimischen Youngster wie selbstverständlich nach Übersee wechseln, kaum dass sie 18 Jahre alt geworden sind, gibt es noch enorm viele Talente im Land. "Das ist Brasilien, die Heimat des Fußballs. Das wird immer so sein", erklärte Botafogos Außenstürmer Artur nach dem Sieg gegen PSG.
"Brasilianische Klubs haben 70, 80 Spiele im Jahr"
In der Heimat haben die Ergebnisse dieser Klub-WM eine Debatte über den Vergleich zwischen dem brasilianischen und dem europäischen Fußball ausgelöst, wie es sie so noch nie gab. Während die Fans schon immer verrückt nach diesem Turnier waren und es oft als eine Möglichkeit ansahen, den Erfolg ihrer eigenen Mannschaften zu bestätigen, wollten Trainer und Spieler ihren Wert beweisen. Das hat noch niemals so gut funktioniert wie bei der aktuellen Austragung. "Diese Siege zeigen die Stärke von Brasiliens Fußball. Wenn ein brasilianisches Team bei der Klub-WM verlor, hieß es: Oh, sie können mit den Europäern nicht mithalten. Wenn sie gewannen, wurde gesagt: Oh, die Europäer kommen gerade aus den Ferien", ärgert sich Fluminense-Trainer Renato Gaucho und erklärt: "Brasilianische Klubs haben 70, 80 Spiele im Jahr, aber hier nutzt das keiner als Ausrede und sagt, die sind müde. Jetzt heißt es nach unseren Siegen: Oh, die Europäer kommen aus einer harten Saison - ich kann's nicht mehr hören."
Filipe Luis ist überzeugt: "Es gibt acht bis zehn Teams weltweit, die sind auf einem anderen Niveau. Aber darunter sind die Brasilianer auf dem gleichen Level wie die Europäer." Bei dieser Klub-WM beweisen sie das.