Tommy Haeder und seine Mitstreiter haben ganze Arbeit geleistet. Die Initiative "Aufstiegsreform 2025", als deren Sprecher Haeder fungiert, ist längst ihren Wurzeln im Nordosten entwachsen und hat Äste in der kompletten Republik gebildet. Neueste Mitglieder: Neben dem 1. FC Magdeburg auch der 1. FC Schweinfurt 05, Schwaben Augsburg und sogar der FC Schalke 04.
Doch schaut man auf die immer länger werdende Liste der beteiligten Vereine, fällt ins Auge, dass kein einziger Klub aus dem Südwesten sich bisher zu diesem Regionalliga-Reformprojekt offiziell bekannt hat.
"Es gibt schon Gründe, wieso in ganz Deutschland dieser Initiative Vereine beitreten, wir aber nicht", lässt Geschäftsführer Giuseppe Lepore vom hessischen Viertligisten TSV Steinbach Haiger durchblicken. Lepore pflegt mit seinen Funktionärskollegen Christian Hock (Geschäftsführer von Kickers Offenbach) und Rafael Kowollik (Vorstand des FC 08 Homburg) einen regen Austausch im Rahmen einer ligainternen Arbeitsgruppe und kann daher gut einschätzen, wie die Stimmungslage derzeit ist.
Eine von mehreren Ideen der Reform-Initiative, sämtliche hessische Viertliga-Teams der Regionalliga Nordost zuzuschlagen, kam bei den betroffenen Klubs nicht wirklich gut an. "Die hessischen Vereine auszuklammern und zum Nordosten zu packen, findet eine breite Ablehnung", betont Lepore. Hock bezeichnet das gar als "wahnwitzige Idee" und schiebt hinterher: "Ich kann es mir nicht vorstellen, dass ein hessischer Verein vier- bis fünfmal in der Saison nach Berlin fährt, um dort Spiele auszutragen."
Zustimmung erhält Offenbachs Geschäftsführer von Michael Görner. Der Präsident des FSV Frankfurt bekräftigt: "Dann hätten wir immense Reisen, sogar bis nach Berlin, und zusätzliche Kosten. Das ist für unseren Verein nicht darstellbar."
„95 Prozent der Vereine der Regionalliga Südwest sind mit dieser Staffel zufrieden, weil sie bestens aufgestellt ist.“ (Christian Hock, Geschäftsführer von Kickers Offenbach)
Doch auch die Südwest-Vertreter räumen auf breiter Linie ein, dass jeder Meister aufsteigen sollte. "Es wird viel Zeit und Geld investiert, man wird Meister und steigt dann nicht auf", bringt es Emir Cerkez, Präsident des SGV Freiberg, stellvertretend auf den Punkt. Da der Meister der eigenen Staffel aber alljährlich einen fixen Aufstiegsplatz erhält, liegt der Verdacht nahe, dass nicht jeder Südwest-Klub einen dringenden Reform-Bedarf verspürt.
OFC-Boss Hock bestätigt das indirekt: "95 Prozent der Vereine der Regionalliga Südwest sind mit dieser Staffel zufrieden, weil sie bestens aufgestellt ist. Das betrifft die Infrastruktur, aber auch die Tatsache, dass der Meister direkt aufsteigt." Hock geht mit seinem Loblied auf die eigene vierte Liga noch weiter: "Ich denke schon, dass die Regionalliga Südwest in gewisser Weise ein Vorbild ist, wenn man sich zum Beispiel die Insolvenzen im Westen oder die Strukturen in Bayern anschaut. Ich glaube, aus diesen Gründen ist noch niemand aus dem Südwesten der Initiative beigetreten."
Ein Gedanke, den der Vertreter des Traditionsklubs vom Bieberer Berg wahrlich nicht exklusiv hat. Andreas Trageser, Vorstandsvorsitzender des Aufsteigers FC Bayern Alzenau, konstatiert: "Die hessischen Teilnehmer mit ihren Traditionsvereinen sind sicher ein zentraler Anker für jede Regionalliga. Allgemein muss man schon feststellen, dass die jetzige Regionalliga Südwest eine starke und bewährte Einheit bildet."
Mehrere Varianten
Wie eine Regionalliga stattdessen reformiert werden könnte, dazu gibt es auch im Südwesten verschiedene Ansätze. Offenbachs Hock schlägt "eine zweigleisige 4. Liga" vor, "die man irgendwo in der Mitte teilt und in der nur Klubs spielen, die die finanziellen und infrastrukturellen Voraussetzungen für diese Spielklasse sowie für die 3. Liga erfüllen."
Frankfurts Präsident Görner hat bei dieser Option Bedenken: "Als fünfte Liga würde die Regionalliga unattraktiv werden." Trageser macht hingegen deutlich: "Die Ligen-Pyramide, wie sie aktuell vorherrscht, ist aus meiner Sicht Quatsch. Ich würde für eine zweigeteilte 3. Liga und darunter zum Beispiel für eine dreigeteilte 4. Liga plädieren." Cerkez findet stattdessen: "Eine Reduzierung auf vier Staffeln ist ein vernünftiger Gedanke, das würde mehr Qualität bringen." Freibergs Präsident würde dafür auch neue sportliche Gegner in Kauf nehmen: "In unserem Fall würden Baden-Württemberg und Bayern eine Liga bilden, auch das könnten wir begrüßen. Auch aus finanziellen Gründen würden vier Staffeln den Regionalliga-Fußball attraktiver machen."
Haeder offen für viele Modelle
Zurück in den Nordosten, der Quelle aller aktuellen Reform-Anstrengungen. Haeder, hauptberuflich Geschäftsstellenleiter des Chemnitzer FC, sieht das Zögern der Südwest-Klubs "nicht als Ablehnung, sondern als Ausdruck einer abwartenden Haltung in einem komplexen und sensiblen Reformprozess". Er setzt darauf, dass bereits laufende Gespräche eines Tages zum Erfolg führen: "Natürlich hoffen wir, dass sich auch Klubs aus dem Südwesten künftig solidarisch zeigen und gemeinsam mit uns an einer nachhaltigen, fairen und ganzheitlichen Lösung für den Aufstiegsweg in den Profifußball mitwirken."
Der Sprecher der Reform-Initiative will sich aktuell auch noch nicht auf ein konkretes Modell festlegen. Bisher geisterte nämlich in erster Linie das bereits erwähnte Szenario durch Fußball-Deutschland, dass die hessischen Klubs dem Nordosten zugeschlagen werden würden, die Vereine aus Baden-Württemberg zusammen mit Bayern eine Liga bilden und die Viertligisten aus Rheinland-Pfalz und dem Saarland in die West-Staffel eingegliedert werden könnten. Das wäre das Ende der in einer GmbH organisierten Regionalliga Südwest, was laut Haeder aber noch lange nicht in Stein gemeißelt sei: "Die intensiven Gespräche der letzten Wochen und Monate haben sehr deutlich gemacht, dass die Frage der Regionalliga-Struktur weit über eine bloße geografische Neuaufteilung hinausgeht."
Alzenaus Präsident Trageser dreht bei der Frage, wer für eine neue Regionalliga-Struktur Zugeständnisse machen müsse, den Scheinwerfer: "Ich bin auch der Meinung, wenn der Nordosten mit seiner Initiative Erfolg haben will, dann müssen auch die dortigen Vereine bereit sein, Opfer zu bringen und gegebenenfalls eine Umstrukturierung der Nordost-Staffel in Kauf zu nehmen." Womöglich spielt Trageser auf ein Modell an, das 2019 innerhalb einer vom DFB organisierten Arbeitsgruppe große Unterstützung erfahren haben soll: Die Klubs aus Sachsen und Thüringen stoßen zur bisherigen Regionalliga Bayern, die Klubs aus dem restlichen NOFV-Gebiet werden mit der Regionalliga Nord verschmolzen.
Ein Szenario, das aktuell eine untergeordnete Rolle zu spielen scheint. In den vergangenen Wochen und Monaten haben Nordost-Vertreter wiederholt betont, dass sie grundsätzlich zu Zugeständnissen bereit seien. Nach Meinung der Reform-Initiative müsse laut Haeder generell geklärt werden, "welche Rolle die vierte Spielklasse künftig in der deutschen Fußballpyramide einnehmen soll: Ist sie perspektivisch eine Profi-Liga, eine Halbprofi-Liga oder soll sie - wie bisher - im Amateurbereich verankert bleiben?"
Die Dynamik nutzen
Unabhängig, welche Lösung am Ende sich als die favorisierte herauskristallisiert, allen wird man es nicht recht machen können. Haeder räumt ein: "Aus meiner persönlichen Sicht gibt es für nahezu jedes Modell - ob zwei-, drei-, vier- oder fünfgleisig - nachvollziehbare Argumente, aber auch berechtigte Einwände. Entscheidend ist, dass wir die aktuell spürbare Dynamik und den konstruktiven Dialog als Chance nutzen, eine langfristige und tragfähige Lösung zu entwickeln."
Der derzeitige Fahrplan der Reform-Initiative lautet, beim regulären DFB-Bundestag 2025 eine Arbeitsgruppe einzusetzen, die ein Reform-Modell erarbeitet, das bei einem außerordentlichen DFB-Bundestag im Jahr 2026 beschlossen wird. Hat dieses Ansinnen Erfolg, wird die Regionalliga ab der Saison 2027/28 nach der neuen Struktur gespielt.
Die seligmachende, goldene Lösung ist vorerst aber nicht in Sicht. Gesprächsbedarf besteht auf allen Ebenen. Am Mittwoch werden sich in Karlsruhe alle Klubs der Regionalliga Südwest zu einer internen Austauschversammlung treffen. Unklar, ob danach der Reformprozess Rücken-, Gegen- oder gar keinen Wind aus dem Südwesten erhält.