Mehr als 20 Jahre lang hatte die englische Nationalelf nicht mehr im Villa Park gespielt. Weil Coldplay am Samstagabend seine neunte von zehn Wembley-Shows seit dem 22. August spielte, musste die Mannschaft von Thomas Tuchel zum WM-Qualifikationsspiel gegen Andorra nach Birmingham ausweichen. Doch nach dem 2:0-Sieg werden nur wenige der 39.202 anwesenden Fans danach lechzen, dass die Three Lions bald wieder vorbeikommen.
Zwar feierte der Weltranglistenvierte den vierten Zu-null-Sieg im vierten Quali-Spiel. Die derzeitige Stimmung spiegelt allerdings weniger die Tabelle der Gruppe K wider, sondern die Szenen vor und nach dem Abpfiff. Zahlreiche Zuschauer hatten sich bereits vorzeitig auf den Heimweg gemacht, und als die Spieler die traditionelle Ehrenrunde abspulten, applaudierten sie haufenweise leeren Sitzen. Es war so ziemlich das Gegenteil der Bilder, die parallel Coldplay produzierte.
"Seit Southgates Rücktritt hat sich England eher verschlechtert als verbessert"
"Wir wollen einen klaren, ungefährdeten Sieg sehen", hatte Tuchel vor der Partie gegen Andorra ausgegeben. Ungefährdet war das 2:0 dann tatsächlich, aber das war es auch schon. Gegen den Underdog, der sich fast ausschließlich in der eigenen Hälfte befand und das Spiel mit 17 Prozent Ballbesitz beendete, fehlte es den Three Lions einmal mehr an Ideen und Inspiration. Für die Pausenführung musste gar ein Eigentor herhalten (25.), dem 2:0 durch Declan Rice (67.) folgte nichts Zählbares mehr. Auch Kapitän Harry Kane, der durchspielte, blieb erstmals unter Tuchel torlos.
"Langweiliges, langweiliges England", titelte das Boulevardblatt Daily Mail, während die BBC weiterhin eine "eigene Identität" unter Tuchel vermisste und kommentierte: "Seit Southgates Rücktritt nach der Niederlage gegen Spanien im EM-Finale 2024 hat sich England eher verschlechtert als verbessert."
Die Zahlen passen nicht zu Tuchels Analyse
Tuchel selbst sieht die Lage neun Monate vor der WM, die mit dem Titel enden soll, viel positiver und sprach von "fünf hervorragenden Tagen". "Ich bin absolut davon überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir haben drei Trainingscamps, um zu zeigen, dass wir eine Identität schaffen werden." Das Andorra-Spiel wertete er als weiteren Schritt nach vorn. "Es war eine gute, eine solide Leistung gegen eine tiefstehende Abwehr. Das zweite Tor kam zu spät, um mit der vielleicht 100-prozentigen Freiheit zu spielen, die nötig ist, um mehr Tore zu erzielen. Insgesamt bin ich mit dem Einsatz und der Einstellung vollkommen zufrieden. Es war eine viel bessere Leistung als im Juni."
Damals hatten sich die Engländer - kurz bevor sie unter Tuchel erstmals verloren (1:3 gegen den Senegal) - zu einem 1:0-Sieg in Andorra gemüht. Doch war die Leistung am Samstag wirklich "viel besser"? Bei eigenen Torschüssen, Großchancen und Ballkontakten im gegnerischen Strafraum waren die Werte diesmal jeweils schlechter, rechnete die BBC gnadenlos vor.
Tuchel schwärmt von Debütant Anderson - Härtetest in Serbien
Und so blieb am Ende nur ein echter Lichtblick übrig. Während sich die Offensivreihe hinter Kane auch von Tuchel Kritik anhören musste - bei Zehner Eberechi Eze habe die Entscheidungsfindung nicht gepasst, bei Rechtsaußen Noni Madueke der letzte Pass, bei Linksaußen Marcus Rashford die Ausbeute -, sammelte Debütant Elliot Anderson Pluspunkte. Der 22-jährige Mittelfeldspieler von Nottingham Forest, der auf der Doppelsechs neben Rice agierte, erhielt nicht nur medial, sondern auch vom Trainer positives Feedback. "Er ist einfach ein sehr, sehr guter Fußballspieler", schwärmte Tuchel. "Er ist körperlich stark und sehr beweglich, liebt es zu verteidigen und sich in Zweikämpfe zu stürzen. Er liebt es, Pässe zu spielen, die Linien zu durchbrechen. Es war eine Freude, ihm zuzusehen."
Gut möglich, dass Anderson auch am Dienstag (20.45 Uhr, LIVE! bei kicker) in der Startelf steht, wenn auf England bei Verfolger Serbien der größte Härtetest der WM-Quali wartet. "Jetzt werden wir uns in Belgrad beweisen", kündigte Tuchel an. "Der Weg dorthin führt über Siege und Härte. Unter den gegebenen Umständen erwarten wir ein sehr emotionales Stadion und ein emotionales Publikum. Wir wissen nicht, wie der Platz aussieht. Aber es gibt keine Ausreden." Tuchel, der seine Kritikerschar seit seinem Amtsantritt eher vergrößert als überzeugt hat, könnte sie sich gerade auch kaum erlauben.