Der Spielplan hat keine Gefühle, ganz schön gemein sein kann er trotzdem. Nächste Woche trifft der FC Liverpool bereits zum vierten Mal in dieser Saison auf Marc Guehi, den die Reds gerade so gut gebrauchen könnten wie noch nie, seit sie sich erstmals um ihn bemühten. Doch weil sie im Sommer zu spät Ernst machten und im Winter - offenkundig - gar nicht, verteidigt Guehi inzwischen für Manchester City. Und für Liverpool verteidigt Wataru Endo.
Am Samstag wurde der Ex-Stuttgarter und gelernte Sechser, der zuvor in dieser Saison zusammengerechnet nicht einmal auf einen 45-Minuten-Einsatz gekommen war, beim Auswärtsspiel in Bournemouth im ersten Durchgang als neuer Partner von Virgil van Dijk eingewechselt, weil sich Joe Gomez bei einer Kollision mit dem eigenen Keeper Alisson verletzt hatte. Dass Liverpool just während der kurzen Unterzahl vor dem Tausch das 0:2 kassierte, "fasst unsere Saison ganz gut zusammen", befand Trainer Arne Slot, doch das war gar nicht das größte Problem in diesem Moment.
Das ist eher dieses: In einem Kader, der im Sommer für annähernd 500 Millionen Euro und den beiden teuersten Spielern der Ligageschichte aufgerüstet wurde, klaffen riesige Löcher. In Bournemouth war nicht nur Endo plötzlich ein gefragter Innenverteidiger, sondern Dominik Szoboszlai nach einer Stunde auch mal wieder Rechtsverteidiger, obwohl er dort geradezu verschenkt ist. So war das alles nicht geplant.
"Man kann mit Sicherheit sagen, dass einigen unserer Spieler die Energie ausgegangen ist", klagte Slot nach der späten 2:3-Niederlage, die Liverpool aus den Champions-League-Rängen beförderte (selbst wenn die Premier League wieder einen fünften Platz ergattern sollte). Gegenüber dem 3:0-Sieg in Marseille in der Champions League hatte er nur auf einer Position gewechselt, "weil wir nur diese Spieler zur Verfügung haben". Hat hier jemand Luxus-Kader gesagt?
Slots Klagen kommen bei den Fans nicht gut an
Dass Innenverteidiger Giovanni Leoni und Rechtsverteidiger Conor Bradley für die restliche Saison ausfallen, hat die Reds erstaunlich schwer getroffen. Dazu muss Slot noch bis mindestens März auf den erhofften Torjäger Alexander Isak verzichten, für den abgesehen vom in Bournemouth zunächst geschonten Hugo Ekitiké keine hochwertige Alternative verfügbar ist.
Während sich die Konkurrenz von Arsenal bis Aston Villa vor der Saison bewusst in der Breite verstärkte, wählten Liverpools Verantwortliche einen anderen Weg, der sie in gefährliches Terrain geführt hat: Die Ergebnisse bleiben aus, die Königsklasse ist in Gefahr, und Slots Klagen werden lauter, was bei vielen Fans gar nicht gut ankommt.
Keine Neuzugänge in Sicht - geht dafür Robertson?
Als ManCity und Chelsea zuletzt die Innenverteidiger ausgingen, gönnten sich die einen kurzerhand Guehi, die anderen beorderten Aaron Anselmino von Borussia Dortmund zurück. Und die Reds? Die sind schon auch auf dem Transfermarkt aktiv, aber anders als gedacht: Sie müssen gerade abwägen, ob sie Linksverteidiger Andy Robertson erlauben, ein halbes Jahr vor Vertragsende zu den Tottenham Hotspur zu wechseln.
Von eigenen Verstärkungen ist nicht die Rede, obwohl schon vor Gomez' Verletzung - die wohl nicht langwierig ist - der Bedarf nach einem zusätzlichen Innenverteidiger offensichtlich war. Im Sommer keinen zu holen, hat sich im Rückblick als Fehler entpuppt. Diesen jetzt zu wiederholen, wäre grob fahrlässig.