Aus Zürich berichtet Paul Bartmuß
Torhüterin Hannah Hampton kam strahlend in die Mixed Zone gejoggt. "Hello, hello, hello", rief sie zu allen Seiten. Wie schnell 90 Minuten die Grundstimmung drehen können.
Noch vor dem 4:0-Sieg am Mittwochabend über die Niederlande hatte man sich in England die schlimmsten Szenarien ausgemalt. Hätten die Lionesses nach ihrer Niederlage gegen Frankreich auch nun gegen Oranje verloren, hätte der Titelverteidiger schon den Heimflug für kommenden Montag buchen können.
Das erste "Sweet Caroline" startet nach 100 Sekunden
Mittelfeldspielerin Ella Toone beschrieb dieses zweite Gruppenspiel deswegen als "Finale, das ganz schön früh im Turnier kam". Also lastete viel Druck auf den Spielerinnen? "Druck ist gut. Unter Druck performen wir", sagte Chloe Kelly und lächelte. Ihre Mannschaft habe eine "großartige Reaktion" gezeigt auf das unerwartete 1:2 vom vergangenen Samstag an gleicher Stelle, nämlich im Züricher Letzigrund-Stadion.
"Nach dem Spiel gegen Frankreich wurden uns Kameras und Mikrofone ins Gesicht gehalten, die uns sagten, wie schlecht wir sind. Deshalb war es wichtig, dass wir das Narrativ ändern und zusammenhalten", sagte Lucy Bronze. Die Fans halfen: Keine 100 Sekunden waren gespielt, da ertönte in der englischen Kurve zum ersten Mal lautstark "Sweet Caroline", untermalt von einer Trompete.
Taktisch hatte die langjährige Erfolgstrainerin Sarina Wiegman ihre beiden Verteidigerinnen Jess Carter und Alex Greenwood die Plätze tauschen lassen. Carter begann nun innen, Greenwood links. Und die im Vorfeld der EM angeschlagene Lauren James verschob Wiegman von der Halbposition nach außen.
England hatte die Ruhe offenbar weg
Gerade letzteres zahlte sich aus: James schoss mit einem "unglaublichen Abschluss" (O-Ton Kelly) von links das wichtige 1:0 und legte später das 3:0 nach. "Lauren ist so gefährlich", schwärmte Bronze: "Und sie ist noch nicht mal bei 100 Prozent. Viele Linksverteidigerinnen in diesem Turnier werden keine Lust darauf haben, gegen sie zu spielen."
Die 33-Jährige erzählte hinterher, wie sich der Titelverteidiger vor dieser Schicksalspartie offenbar seelenruhig vorbereitet habe: "Wir wussten, was wir zu tun hatten." Am Morgen hätten Toone, Leah Williamson, Keira Walsh, die an diesem Tag dreimalige Assistgeberin Alessia Russo und Beth Mead eine Runde Monopoly gespielt. Bronze selbst habe ein Puzzle mit den Reservistinnen Michelle Agyemang und Maya Le Tissier gelöst.
Was man mittwochs nach dem Frühstück eben so macht.