Aus Bratislava berichten Matthias Dersch und Oliver Hartmann
Julian Nagelsmann staunte nicht schlecht, als er am Mittwochabend den Presseraum in den Katakomben des Stadions Tehelne Pole betrat - so gigantisch groß hatte der Bundestrainer ihn nicht erwartet. Noch mehr allerdings staunte Nagelsmann kurze Zeit später über die Fähigkeiten der slowakischen Dolmetscherin, die seine teils sehr komplexen Ausführungen so selbstverständlich übersetzte, wie er seine Mannschaft in der WM-Qualifikation, die am Donnerstag mit dem Spiel gegen die Slowakei beginnt, gerne spielen sehen würde.
Nagelsmann: "Auf den Prozess konzentrieren"
Zuletzt allerdings war das Vertrauen in die eigene Stärke empfindlich gedämpft worden: Der letzte Platz beim Nations-League-Final-Four im Juni hängt noch in den Knochen und war eine Enttäuschung. Für die Fans. Die Spieler. Vor allem aber auch für den ambitionierten Bundestrainer. Nach dem Viertelfinal-Aus gegen Spanien bei der Heim-EM im Sommer 2024 hatte er den Weltmeistertitel als Ziel ausgerufen - und musste sich auch deshalb zuletzt einige bohrende Nachfragen anhören.
An diesem Ziel allerdings hält er trotz der beiden jüngsten Niederlagen gegen Portugal (1:2) und Frankreich (0:2) fest, wenn auch in einer anderen Tonlage. "Wir müssen noch Überzeugungsarbeit leisten in der Bevölkerung, aber ich betone noch einmal: Es ist gesund, dass man Ziele ausruft", sagte Nagelsmann in Bratislava. "Es ist für eine Mannschaft, aber auch für einen individuellen Menschen ganz schwer, wenn du ohne Ziel durchs Leben schwirrst, für das es sich lohnt zu kämpfen. Deshalb finde ich es gesund, das Ziel zu haben, Weltmeister werden zu wollen. Wichtig ist jetzt aber, dass wir uns auf den Prozess konzentrieren. Denn der ist das Entscheidende, um dieses Ziel auch zu erreichen."
Der Bundestrainer wünscht sich eine dominante Qualifikation
Eine dominante Qualifikation wünscht sich der Bundestrainer, der mit seinem Team neben der Slowakei auch noch Nordirland und Luxemburg aus dem Weg räumen muss, um im Sommer 2026 bei der Weltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und den USA an den Start zu gehen. Vor allem wünscht sich Nagelsmann von seiner Mannschaft, "dass wir uns als Gruppe stabilisieren, dass die Momente wie gegen Italien im Nations-League-Viertelfinale oder wie gegen Portugal im Halbfinale weniger werden. Dafür ist es das Wichtigste, die Spiele zu gewinnen."
Inhaltlich hat Nagelsmann die Nations League mit seinem Trainerteam in einer Klausur im Allgäu aufgearbeitet und eine Art To-do-Liste erarbeitet. Erhalten soll sich seine Mannschaft den "effizienten Ballbesitz und die vielen Ballgewinne", arbeiten müsse sie dagegen am Umschalten, "das führt nicht immer zu guten Torchancen". Auch die Anzahl der gegnerischen Großchancen müsse laut dem Bundestrainer minimiert werden.
Dreier- oder Viererkette? Beides!
Einen Schritt in die richtige Richtung erhofft sich Nagelsmann durch die Versetzung von Joshua Kimmich von der Rechtsverteidigerposition zurück ins Mittelfeldzentrum. Weitere Anpassungen personeller und taktischer Natur sind geplant - auch wenn sie Nagelsmann noch nicht verraten möchte. Nur so viel ließ er sich am Mittwoch entlocken: "Es wird Phasen geben, wo wir mit Viererkette spielen, und es wird Phasen geben, wo wir mit Dreierkette spielen. Es kann morgen beides geben. Denn jeder Gegner verlangt etwas anderes."
Die Slowakei spiele unter ihrem Trainer Francesco Calzona "guten und interessanten Fußball", der mehr beinhalte als lange Bälle: "Mein Kollege ist extrem geprägt von einem 4-3-3, aber es gab zuletzt auch Spiele, wo sie die Grundordnung angepasst haben. Sie verteidigen mutig, pressen mutig, haben auch einen spielerischen Ansatz", so Nagelsmann. "Spannend wird zu sehen, wie es in einem Pflichtspiel gegen einen hoffentlich guten Gegner sein wird." Denn genau der will Nagelsmann mit seiner Elf zum Auftakt in die WM-Qualifikation sein.