"Wir müssen nicht komplett back to the roots, können den Fußball aber vielleicht wieder etwas defensivieren, defensiver denken", sagte Julian Nagelsmann am Mittwoch als Gastredner auf dem Internationalen Trainer-Kongress in Leipzig. Man werde sich in nächster Zeit "defensiv viel dem Gegner anpassen, um einen guten Zugriff zu haben", erklärte der Bundestrainer. "Wir müssen nicht Spanien 2.0 sein. Es ist wichtig, in gewissen Momenten wieder ein bisschen altmodischer zu denken. Wenn wir eine Video-Analyse machen von 18 Szenen, sind viele Themen rein von Offensivfußball geprägt. In den großen Jahren waren aber nicht immer zehn Edeltechniker auf dem Acker."
Chefkritiker Sammer? "Er hat gute Ansätze"
Fußball-Deutschland habe nicht das Verteidigen verlernt, "aber wir müssen uns adaptieren an die Spieler, die wir haben. Wir haben nicht die Kaderbreite der Portugiesen, der Spanier oder Franzosen." Dennoch: "Wir haben eine gute Anzahl von guten Fußballern, die auch Lust haben, zu verteidigen." Als Vorbild nannte Nagelsmann in dieser Hinsicht Antonio Rüdiger: "So einer, der richtig Bock hat zu verteidigen - davon brauchst du schon mehr als einen in der Nationalmannschaft. Es geht um das Mindset der Spieler und darum, kleine Botschaften an sie zu senden."
Der vom 1996er-Europameister Matthias Sammer zuletzt in einem großen kicker-Interview vorgebrachten Generalkritik am Zustand des deutschen Fußballs widersprach Nagelsmann am Mittwoch allenfalls punktuell. "Generell fand ich extrem viele Dinge, die er gesagt hat, gut und als Denkanstoß auch hilfreich", sagte der Bundestrainer. "Ich bin dann der Typ, ich hab' zum Hörer gegriffen und ihn angerufen, weil ich ihn schon ewig kenne, wir einen guten Draht zueinander haben und ich auch auf meinen anderen Trainerstationen immer mal wieder mit ihm Kontakt hatte. Er hat gute Ansätze, dann kann man auch darüber sprechen."
"Im Fußball sind wir nur 26 und nicht 82 Millionen"
Auch das Thema fußballerische Identität kam dabei zur Sprache. Sammer hatte sich und allen Lesern "bewusst provokativ" die Frage gestellt: "Wofür steht der deutsche Fußball heute eigentlich? Ich kann es nicht erkennen." Nagelsmann nannte dies am Mittwoch "ein unheimlich komplexes Thema. Wir im Trainerteam machen uns dieselben Gedanken. Mal kleiner gedacht: Für was will unsere Mannschaft stehen? Jeder Trainer, jede Mannschaft braucht ihre eigene DNA, ihre eigene Identität unter einem Mantel, der funktioniert."
Generell, so der gebürtige Landsberger, habe sich der Fußball "auch in Deutschland ein bisschen gewandelt. Wir haben Gott sei Dank eine extrem bunte Gesellschaft mit supervielen kulturellen Einflüssen. Eine Fußballmannschaft ist das Abbild der Gesellschaft. Das Thema Integration haben wir im Fußball genauso, wie wir es in der Gesellschaft haben. Im Fußball ist es einen Tick leichter, weil wir nur 26 sind und nicht 82 Millionen."
Heim-EM? "Wir haben das schon gut eingeordnet"
Sammers Vorwurf einer vermeintlich fehlenden Bereitschaft zur kritischen Aufarbeitung von Fehlentwicklungen und ausbleibenden Ergebnissen ("Im Schönreden sind wir noch immer stärker als in der kritischen Analyse") trat Nagelsmann entgegen - zumindest was die interne Analyse der Heim-EM 2024 angeht.
"Für das Verkaufen des Produkts EM waren jetzt nicht wir verantwortlich", so der Bundestrainer. "Wenn man die Pressekonferenzen und Interviews gesehen hat, dann haben wir das schon gut eingeordnet und richtig eingeschätzt. Es ist auch nie der Satz gefallen: Wenn der Elfmeter (nach Marc Cucurellas Handspiel im verlorenen EM-Viertelfinale gegen Spanien, d. Red.) gepfiffen worden wäre, wären wir Europameister geworden. Medial wurde es ein bisschen heißer gekocht, als es sportlich war. Matthias weiß nicht, wie wir das intern kommuniziert haben. Aber so, wie ich es verstanden habe und wie er es mir auch am Telefon gesagt hat, meinte er die öffentliche Wahrnehmung. Es ist generell im Leben gut, wenn man Dinge richtig einordnet und nicht hysterisch in positive oder negative Richtungen verfällt."
"Ich höre immer zu, wenn mir jemand etwas sagt"
Nagelsmann warb am Mittwoch für einen gesamtheitlichen Blick: "Man muss bei der ganzen Bewertung sehen, wo wir herkommen. Und damit meine ich gar nicht das sportliche Abschneiden, sondern von der Stimmungslage her: Wo kamen wir her? Wie war der Blick auf die Nationalmannschaft vor dem Turnier? Wie war er während des Turniers? Und wie ist er jetzt?"
Trotzdem sei es "wichtig, Leistung immer richtig einzuordnen - ob man das immer öffentlich tun muss, ist die Frage". Das bezog Nagelsmann auch auf Kritik, für die er das persönliche Gespräch offenkundig als tauglichste und konstruktivste Variante ansieht: "Ich höre immer zu, wenn mir jemand etwas sagt."
Trotz der jüngsten Misserfolge bei großen Turnieren sieht er ausreichend Qualität, um wieder um Titel spielen zu können: "Wir sind vielleicht nicht auf allen Positionen Weltklasse. Aber wir können Weltklasse-Fußball spielen."