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Redebedarf nach Slowakei-Debakel - Nagelsmann hält an WM-Ziel fest

kicker

Aus Bratislava berichten Matthias Dersch und Oliver Hartmann

In der Stunde einer seiner schwersten Niederlagen als Bundestrainer bat Julian Nagelsmann am Donnerstagabend erst einmal "um ein paar Stunden" Zeit, um angemessen auf die historische 0:2-Niederlage in der Slowakei zu reagieren. Zum ersten Mal überhaupt hatte eine DFB-Elf in Bratislava das Auftaktspiel in eine WM-Qualifikation verloren, überhaupt war es die erste Pleite im 53. WM-Qualifikations-Auswärtsspiel (41 Siege, elf Remis).

"Ich will nicht alles einstürzen lassen"

"Ich will nicht alles einstürzen lassen. Trotzdem ist das ernüchternd. Für mich, aber auch für uns alle, hoffe ich", sagte Nagelsmann im riesigen Presseraum des Tehelne-Pole-Stadions, in dem er bereits am Tag vor der Partie angespannt gewirkt hatte. Allerdings dürfte er sich da noch nicht vorgestellt haben, wie dramatisch schwach das deutsche Spiel ausfallen sollte. Es war ein Offenbarungseid, den die deutsche Elf gegen in allen Belangen bessere Slowaken ablegte. Ein Offenbarungseid, der böse Erinnerungen wachrief an den November 2023, als die DFB-Elf unter Nagelsmanns Führung mit 0:2 in Österreich verlor und dabei eine ähnlich erschreckende Leistung zeigte wie nun in Bratislava.

Damals hatte Nagelsmann vier Monate Zeit, um darauf zu reagieren. Er tat dies, indem er feste Rollen definierte, sich von Spielern wie Mats Hummels trennte und dafür neue Kräfte berief. Außerdem überzeugte er damals den bereits aus der DFB-Elf zurückgetretenen Toni Kroos von einem Comeback und leitete damit eine sportliche Wende zum Guten ein.

Nagelsmann moniert "fehlende Emotionalität"

Die guten Zeiten allerdings, die Deutschland bei der Heim-EM 2024 immerhin bis ins Viertelfinale geführt und das Fußballland wieder emotionalisiert hatten, scheinen wieder vorbei zu sein. Aus den vergangenen sechs Spielen ging die DFB-Elf nur einmal als Sieger hervor. Beim Final-Four-Turnier der Nations League im Juni landete sie auf dem vierten und damit letzten Platz. Und nun folgte das Debakel in der Slowakei, das binnen kürzester Zeit aufgearbeitet werden muss - denn bereits am Sonntag (20.45 Uhr, LIVE! bei kicker) steht das zweite WM-Qualifikationsspiel auf dem Programm. Dann trifft die deutsche Mannschaft in Köln auf Nordirland.

Fehlende Emotionalität hatte Nagelsmann in seiner ersten Analyse als Hauptgrund für den schwachen Auftritt ausgemacht und an seine Mannschaft appelliert: "Wir müssen emotionalen Fußball spielen. Nur wenn uns das gelingt, können wir auch die Qualität auf den Platz bringen." Wobei die Frage erlaubt sein muss, wie qualitativ hochwertig diese Mannschaft im Spätsommer 2025 eigentlich noch ist. Ohne die verletzten Jamal Musiala, Kai Havertz, Marc-André ter Stegen und Nico Schlotterbeck ließ sie es an allem vermissen, was eine Spitzenmannschaft ausmacht. Offensiv wie defensiv gelang nichts - was nicht allein daran lag, dass die Emotionalität fehlte. Auch wenn alle, die aus dem deutschen Tross sprachen, diesen Eindruck erwecken wollten.

Kimmich: "Es lag nicht am System, nicht an der Taktik"

"Es lag heute nicht am System, auch nicht an der Taktik. Wir haben die Gier vermissen lassen", sagte Kapitän Joshua Kimmich, der von der Rechtsverteidiger-Position in die Mitte versetzt worden war - um das Spiel dann doch aus der rechten Position der Dreierkette aufzubauen. "Wir waren nicht griffig, nicht bissig, haben uns nicht unterstützt. Es haben Dinge gefehlt, an denen es nie liegen darf."

Dinge, die der Münchner bereits im Vorfeld und aus der Erfahrung der verlorenen Nations-League-Spiele gegen Portugal (1:2) und Frankreich (0:2) vorab angemahnt hatte. Ohne Erfolg. Auch das dürfte ein Thema gewesen sein, als sich die Mannschaft nach dem Spiel in der Kabine zu einem Gespräch zusammenfand.

Vor einer Sache allerdings warnte Kimmich: "Es darf nicht passieren, dass wir uns selbst zerlegen und den Glauben an die Gruppe verlieren", sagte der DFB-Kapitän. "Denn das ist die Basis für den Erfolg. Nur wenn wir diesen Glauben haben, können wir da wieder herauskommen."

Personelle Wechsel sind zu erwarten

Doch wie soll nun die dringend benötigte Wende gegen Nordirland konkret gelingen? Ganz sicher durch personelle Wechsel. Allen voran dürfte der unglückliche Debütant Nnamdi Collins aus der Startelf rotieren - und möglicherweise doch wieder Kimmich als Rechtsverteidiger auflaufen. Nagelsmann wollte dies jedenfalls nicht ausschließen.

Alle anderen Ableitungen aus der bitteren Niederlage will Nagelsmann im Team besprechen: mit seinen Assistenten, aber auch mit Sportdirektor Rudi Völler und DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig. "Wir haben schlaue Köpfe im Verband", sagte der Bundestrainer und kündigte an, "dass wir gemeinschaftlich diskutieren werden, was gute Maßnahmen sind".

"Alles anders" machen für das große Ziel

Auf eine Kurzschlussreaktion verzichtete Nagelsmann - auch wenn sie aufgrund der Art und Weise der Pleite gewissermaßen auf der Hand lag: Am Ziel, Weltmeister werden zu wollen, hielt er auch nach den erschreckenden 90 Minuten von Bratislava fest.

"Ich weiß, ich stehe heute nicht überragend gut da mit diesen Worten, wir haben sie als Gruppe nicht wirklich gefüttert", sagte der 38-Jährige. "Aber es wäre ein fatales Zeichen, jetzt zu sagen, wir wollen nicht mehr Weltmeister werden." Klar sei allerdings, dass seine Mannschaft künftig "alles anders" machen müsse als an diesem bösen September-Donnerstag.