Der eher mühsam erzwungene statt glanzvoll herausgespielte 3:1-Sieg gegen Nordirland hat die nach dem Slowakei-Debakel entstandenen Wogen um die Nationalmannschaft und ihren Bundestrainer zumindest fürs Erste geglättet. Die Erleichterung stand Julian Nagelsmann ins Gesicht geschrieben, als er in der Nacht das Kölner Stadion verließ. Er habe in diesem ersten Lehrgang der WM-Saison "schon einige Erkenntnisse gewonnen", sagte der 38-Jährige zuvor - versehen mit dem Zusatz: "Aber die muss ich nicht mit allen teilen."
Im Laufe der Pressekonferenz gab er dann doch einige Aufschlüsse preis, zum Beispiel, dass er fortan nicht mehr vom WM-Titel und nicht mal von der WM-Qualifikation sprechen, sondern vielmehr den ersten Schritt vor dem zweiten machen wolle. "Ich glaube, wir fahren gut, wenn wir jetzt einfach auf das Momentum schauen und uns auf die Spiele konzentrieren", sagte er und fügte hinzu: "Ich finde es jetzt ein bisschen vermessen, ehrlich gesagt, nach dem Slowakei-Spiel, wo alles im Schutt und Asche lag, jetzt, weil wir gewonnen haben, wieder alles himmelhochjauchzend zu machen."
Nagelsmann hätte sich mehr Ansporn und weniger Pfiffe gewünscht
Für einen solchen Stimmungswandel bot die über weite Strecken erneut dürftige und erst in den letzten 30 Minuten überzeugende Vorstellung gegen den fußballerisch limitierten Weltranglisten-71. aus Nordirland auch keinen Grund. Die von den im Grundsatz wohlgestimmten Fans auf den Rängen zur Pause angestimmten Pfiffe klangen Nagelsmann auch eine Stunde nach Spielende noch in den Ohren, und er begegnete ihnen in seinem Statement mit einer Mischung "aus Verständnis und auf der anderen Seite dem Wunsch für was anderes". Klar hätten die Zuschauer für ihr teures Eintrittsgeld eine Erwartungshaltung, "die dann offensichtlich, so war zu hören, ein 1:1 nicht ist, und das kann ich auch nachvollziehen".
Gewünscht hätte er sich dennoch mehr Ansporn von außen und weniger Unmutsbekundungen. "Wenn wir alle wie die Hyänen im Busch sitzen und warten, dass ich endlich mit einem beißen und sagen kann, wie schlecht er ist und dass er alles beschissen macht, weiß ich nicht, ob sich das dann so super entwickelt als Land - glaube ich nicht", führte er aus.
Solange die Nationalmannschaft wie über weite Strecken in den beiden Spielen mehr Fragen als Antworten aufgibt und vor allem Zweifel an der direkten WM-Qualifikation schürt, wird Nagelsmann jene Hyänen aber wohl nicht vertreiben können. Der Bundestrainer hat erkennen müssen, dass der Gruppensieg kein Selbstläufer ist, dass der Weltranglisten-Neunte zwar als klarer Favorit startete, aber viel zu selten als solcher aufgetreten ist. Immerhin hatte Nagelsmann bei der Personalauswahl und bei seinen Einwechslungen am Sonntag ein glücklicheres Händchen als drei Tage zuvor in der Slowakei.
Den "heiligen Weg" gibt es nicht
Er hatte getreu seiner Ankündigung nicht die vermeintlich besten elf Einzelspieler aufgeboten, sondern "die, die am besten zur Situation passten." Ob er dies als eine Erkenntnis künftig verstärkt bei der Personalauswahl berücksichtigen wird? Als "super-komplexes Thema", bezeichnete er diese Frage des kicker, "und es sprengt ehrlich gesagt auch den Rahmen einer Pressekonferenz".
Dann aber unternahm er doch den Versuch einer Erklärung. "Wir müssen gucken, welche Nuancen wir anpassen können auf den Gegner und welche Spieler gerade top drauf sind. Und trotzdem müssen wir auch eine gewisse Eingespieltheit hinbekommen. Auf diesem Grat bewegen wir uns", erwiderte Nagelsmann und unterstrich die Schwierigkeit dieses Unterfangens mit den Worten: "Da gibt es nicht diesen heiligen Weg, auch wenn den jeder gerne sehen will. Man braucht die nötige Flexibilität, aber auch die nötige Stabilität. Und wir müssen immer versuchen, die beiden Dinge zu finden."
Bleibt zu hoffen, dass ihm das im Oktober gegen Luxemburg und in Nordirland in beiden Spielen gelingt und er am Ende nicht wieder feststellen muss, der Lehrgang sei nur "zu 50 Prozent zufriedenstellend". Im Oktober, so die klare Vorgabe des Bundestrainers, "sollten es hundert Prozent sein, was die Ergebnisse betrifft". Nur so können er und die Nationalelf den als Pflichtziel ausgerufenen Gruppensieg weiter aus eigener Kraft schaffen.