Die Rückrunde war der Tiefpunkt - sportlich, strukturell, atmosphärisch. Bei der SpVgg Erkenschwick war die Luft raus. Jetzt startet dieser Umbruch - kontrolliert und konsequent, mit einem Trainer, der klare Prinzipien verfolgt: Nassir Malyar (33) übernimmt zur neuen Saison und steht vor der Aufgabe, eine nahezu komplett neue Mannschaft zu formen. Ursprünglich sollte Markus Niemöller das Team bis zum Saisonende betreuen, doch die Verantwortlichen entschieden sich für Dimitrios Pappas als Interimscoach. Verletzungen, schlechte Stimmung, schwindende Substanz - das Team lag zwischenzeitlich am Boden.
"Die Mannschaft war nicht intakt. Da mitten im Saisonendspurt einzugreifen, hätte wenig Sinn ergeben", sagt Malyar, der zuletzt den Landesligisten BWW Langenbochum drei Jahre lang erfolgreich trainierte und Tobias Portmann (zuletzt SV Dorsten-Hardt) als Co-Trainer mitbringt, der in dieser Zeit unter ihm Führungsspieler war. Erst gegen Saisonende konnten die Verantwortlichen aufatmen: "Wenn wir ehrlich sind, hat nicht viel zum Abstieg in die Westfalenliga gefehlt."
„So ein Kaderumbau ist nie leicht. Das tut weh. Aber wenn man es ehrlich macht, gehört das dazu.“ (Nassir Malyar)
Er wollte am Stimberg bei null anfangen - und tut das nun konsequent. 18 Neuzugänge, 15 Abgänge: Was wie ein Kahlschlag wirkt, folgt einer präzisen Analyse. "So ein Kaderumbau ist nie leicht. Das tut weh. Aber wenn man es ehrlich macht, gehört das dazu", sagt Malyar. Die Entscheidungen fielen mit Blick auf Entwicklungspotenzial, Belastbarkeit - und auch wirtschaftliche Realitäten. "Manche Spieler hätten wir gerne gehalten. Bei anderen war für uns klar: Perspektivisch passt das nicht mehr."
Gemeinsam mit Sportchef Antonios "Toni" Kotziampassis hat Malyar ein Team zusammengestellt, das in der Oberliga Westfalen bestehen - und sich entwickeln soll. "Wir haben einen hungrigen Kader mit viel Potenzial", sagt der neue Coach. Die Altersstruktur ist kein Zufallsprodukt: Viele Spieler bewegen sich im Bereich zwischen 23 und 26 Jahren - also im fußballerischen Reifestadium. Spieler wie Marius Lackmann (26) und Rückkehrer Andreas Ovelhey (26), die beide vom SV Schermbeck kommen, dürften als Anker für junge Talente wie Cem-Ali Dogan (20/ BSV Schüren) und Oumar Keita (SG Suderwich U 19) fungieren.
Ein besonderer Fall ist Lukas Matena, der zuletzt für die Landesligisten BWW Langenbochum und SV Dorsten-Hardt als Torgarant unterwegs war: "Er bringt Wucht und Präsenz. Im technischen Bereich ist noch Luft nach oben - aber er gibt uns Optionen, die wir vorher nicht hatten", so Malyar.
Offenes Duell im Tor
Im Tor setzt Erkenschwick auf ein offenes Duell: Mit Luca Janosch (19/RB Leipzig) und Niklas Alter (19/Eintracht Dortmund U 19/früher in der Jugend von Schalke 04) rücken zwei gut ausgebildete Keeper in den Fokus - flankiert von Routinier Marcel Müller, der als erfahrener Rückhalt und Mentalitätsspieler bleibt. Die Zielsetzung für die neue Saison ist entsprechend realistisch - aber nicht ambitionslos. "Wir wollen mutig sein. Kein Gegner soll das Gefühl haben, dass wir chancenlos sind. Unser Ziel: Jedes Spiel zu einem 50:50-Spiel machen - und es für uns entscheiden."
Privat bringt Malyar Flexibilität mit. Als Selbstständiger steht er dreimal pro Woche selbst auf dem Trainingsplatz - mit hohem Anspruch an Intensität, Kommunikation und Klarheit. Dass die Oberliga für ihn als Trainer noch Neuland ist, darüber ist er sich bewusst - auch wenn er sagt: "Fußball ist auch in der Oberliga der gleiche Sport." Verändern werde sich aber vor allem die öffentliche Aufmerksamkeit und Wahrnehmung seiner Arbeit; "Das ist kein Ortsteilverein. Das ist ein Verein mit Strahlkraft - im ganzen Kreis."