Sagenhafte 16,7 Millionen Follower auf Instagram, dazu 12 Millionen auf TikTok: In der Welt des Frauenfußballs ist niemand so bekannt wie Alisha Lehmann. Zumindest was ihre Social-Media-Accounts angeht. Vor der Heim-Europameisterschaft vom 2. bis 27. Juli muss aber ausgerechnet die 26 Jahre alte Schweizerin um ihren Platz im Kader bangen.
Die Stürmerin von Juventus Turin fehlte in diesem Jahr teilweise im Aufgebot von Nationaltrainerin Pia Sundhage, die mit 35 Spielerinnen in die EM-Vorbereitung in Magglingen gestartet ist. "Ich bin jemand, der nie aufgibt. Ich trainiere sehr hart und gebe alles dafür, dass ich schlussendlich aufgeboten werde", sagte Lehmann zuletzt. Bei Juve schoss sie zwei Tore in 14 Ligaspielen, durfte aber auch nur fünfmal starten.
Mit Ramona Bachmann (Kreuzbandriss) verabschiedete sich zuletzt eine prominente Positionskonkurrentin auf bittere Weise aus dem EM-Casting, was Lehmanns Chancen unfreiwillig erhöhte. Auch die Offensivkräfte Naomi Luyet und Noemie Potier wurden schon nach Hause geschickt. Dennoch: Spätestens seit dem erschreckend schwachen Auftritt mit unzähligen leichten Ballverlusten beim 0:6 gegen Deutschland (kicker-Note 5,5) steht Lehmanns Name im Schweizer Angriff nicht mehr allzu hoch im Kurs.
"Kann sich die Schweiz die prominente Absenz leisten?", fragt nicht nur die Neue Zürcher Zeitung mit einem Blick abseits des Rasens. Mehr noch: Kann es sich dieser Sport leisten, der auf allen Ebenen um mehr Sichtbarkeit kämpft?
Mehr Follower als Federer, Sommer und Xhaka zusammen
"Erhält Lehmann eine Absage, fehlt nicht einfach eine Fußballerin, sondern ein Phänomen", schreibt die NZZ über die Stürmerin aus Tägertschi im Kanton Bern. Schließlich erreiche Lehmann mit jedem Post "so viele Menschen wie Roger Federer, Yann Sommer und Granit Xhaka zusammen". Und fast so viel wie Tennis-Ikone Serena Williams (18,1 Millionen bei Instagram) und mehr als 25-mal so viele wie die populäre deutsche Kapitänin Giulia Gwinn (642.000).
Die blonde Mähne zum Zopf gebunden, Wimperntusche, spitze Lippen, knappe Hose - so kennen die Fans Lehmann auf dem Rasen. Ihre Fotos und Filme bei Instagram: mit Ball beim Training, Meisterjubel mit Juventus. Und oft Bikini-Bilder und Szenen mit stylishem Outfit.
Die Angreiferin dürfte mit Sicherheit zu jenen Spitzenfußballerinnen gehören, die mit Werbung auf Social Media mehr verdienen als bei ihrem Klub. Summen sind nicht bekannt, doch dieses Geschäftsmodell ist für Superstars überaus einträglich. Vor allem für die Nummer eins des Rankings: Cristiano Ronaldo - 657 Millionen Menschen folgen ihm auf Instagram - soll bis zu drei Millionen US-Dollar kassieren für einen einzelnen Werbepost.
"Followerinnen und Follower sind zu einer Art Währung geworden. Gerade in Sportarten, die nicht dauerhaft dermaßen im Fokus stehen wie der Männerfußball", schreibt DFB-Kapitänin Gwinn in ihrem Buch. Und: "Social Media ist entscheidend für die Sichtbarkeit des Frauenfußballs."
Im Sport habe man eine vielversprechende Chance, für mediale Sichtbarkeit zu sorgen, sagt Jana Wiske, Medienwissenschaftlerin der Hochschule Ansbach und ehemalige kicker-Redakteurin: "Der Sport ist von Grund auf positiv besetzt. Da geht es um Athletik, um Ästhetik, um Gesundheit, um Erfolg. Dazu kann man versuchen - und das gelingt Alisha Lehmann herausragend - einen gewissen Wiedererkennungswert in dieser komplexen Welt des Sports, des Fußballs zu schaffen."
Kapitänin Wälti warnt vor schnellen Urteilen
Lehmann habe eine eigene DNA entwickelt. "Das hat vor allem mit ihrer Optik zu tun, die sie geschickt einsetzt. Die Leute erkennen sie wieder, das ist ein entscheidender Punkt. Sie steht für das Thema Attraktivität und einen bestimmten Lebensstil", erklärte Wiske. "Überraschend ist, dass sie sportlich gar nicht so erfolgreich ist."
Natürlich erntet die Schweizerin auch viel Häme und Spott in den sozialen Medien, gerade durch ihre offenherzige Darstellung. "Wir sehen, dass Alisha Lehmann genauso viel investiert wie alle anderen", betonte Nati-Kapitänin Lia Wälti im SRF. "Sie hat enormen Ehrgeiz und ihre Priorität ist auf dem Fußball. Man urteilt einfach extrem schnell, ich glaube, da muss man aufpassen."
Ihre Social-Media-Aktivitäten hätten definitiv keinen Einfluss aufs Team, sagte Wälti: "Ehrlich gesagt ist sie nicht unter den ersten fünf Spielerinnen, an die ich denke, die am meisten am Handy sind. Es gibt andere, die viel mehr auf Tiktok und Social Media scrollen. Wenn wir zusammen sind, dann ist sie mit uns und macht das genau Gleiche wie wir und nichts für Social Media."
"Sie ist schon ein Phänomen"
Lehmann selbst sagte der Zeitung 20 Minuten: "Ich bin mittlerweile älter geworden und es ist mir egal. Ich finde die ganze Kritik sogar lustig. Wenn mich jemand für mein Make-up kritisiert, nehme ich halt extra den dunklen Lippenstift, dass sie noch mehr zu reden haben."
Lehmann lasse sich in ihrem Drang zur Selbstdarstellung nicht beirren, sagt Medienexpertin Wiske. "Sie lässt zudem eine Nähe zu und nimmt einen mit in ihre Welt. Sie ist schon ein Phänomen."
Ob die 59-malige Nationalspielerin nun bei der EM spielen darf, wird ihrer Ansicht nach auch die Fernsehsender interessieren. "Da dreht sich etwas um: Die Reichweite der eigenen Kanäle von Sportlerinnen sind inzwischen auch ausschlagend dafür, ob etwas in den klassischen Medien live gezeigt wird."