Bisher läuft der BSV Kickers Emden den eigenen Ansprüchen hinterher. Im Interview spricht Manager Henning Rießelmann über die Gründe, seine Forderungen an die Mannschaft und die Trainerfrage.
Herr Rießelmann, nach sieben Spieltagen hat der BSV Kickers lediglich sieben Punkte auf dem Konto. Warum hat die Mannschaft den Start in die Saison verpatzt?
Da kommen viele Dinge zusammen. Die Vorbereitung verlief vielversprechend. Dann hatten wir ein knackiges Auftaktprogramm, in dem wir es nicht geschafft haben, zu punkten. Es ist menschlich und normal, dann auch mal Veränderungen in der Startelf vorzunehmen. Neue Spieler, die aber noch nicht im Rhythmus waren, kamen hinein. Insgesamt wirkte die Mannschaft, auch nach unseren zwei Siegen, noch nicht so gefestigt wie in der vergangenen Saison. Aktuell hat sich noch keine klare Startelf herauskristallisiert. Hinzu kamen verletzungsbedingte Ausfälle und ungewohnte individuelle Fehler.
Vor der Saison hat die Konkurrenz Ihre Mannschaft als Favoriten auf die Meisterschaft auserkoren. War der Druck schlichtweg zu groß?
Dies war ja auch ein Stück weit eine Auszeichnung für unsere Arbeit der vergangenen zwei Jahre. Allerdings können wir uns dafür auch nichts kaufen. Vor der Saison haben wir gesagt, dass wir nach dem starken 2. Platz in der vergangenen Saison versuchen möchten, so lange wie möglich in der Spitzengruppe mitzumischen. Ich finde diese Zielsetzung auch nicht unsympathisch. Wir sind alle Sportler und wissen, dass mit dem Erfolg auch die Erwartungshaltung, und somit auch der Druck von außen, größer wird. Das ist völlig okay. Damit müssen wir alle umgehen. Auch unsere Spieler und das Trainerteam haben eigene Ansprüche und möchten so erfolgreich wie möglich sein. Aber sicherlich konnten wir als Aufsteiger in der letzten Saison etwas unbeschwerter aufspielen.
Sie haben fast alle Stammspieler gehalten und sich mit vielen potenziellen Leistungsträgern verstärkt. Warum hat es noch nicht geklappt, daraus eine auf dem Platz funktionierende Mannschaft zu bilden?
Sie sprechen es an. Unser Ziel war es, den Stamm der Mannschaft mit 15 oder 16 Spielern zu behalten. Darüber hinaus wollten wir die Spieler, die uns größtenteils aufgrund mangelnder Spielpraxis verlassen haben, mit mehr Qualität ersetzen. Genau das haben wir gemacht. Sämtliche Neuzugänge waren bei ihren alten Klubs Stammspieler und Leistungsträger in der Regionalliga. Teilweise konnten sie auch schon Drittliga-Erfahrung mitbringen. Fakt ist aber, dass sich aus unterschiedlichsten Gründen noch keine klare Stammformation gefunden hat. Dass wir Zeit benötigen, haben wir einkalkuliert. Aber: Mittlerweile sind wir auch schon ein paar Monate zusammen. Da unsere Leistungen zu schwankend waren, wurde auch immer mal wieder etwas Neues ausprobiert. Das führte dazu, dass viele Spieler noch nicht zu ihrem Rhythmus gefunden haben, die Mannschaft noch nicht eingespielt wirkte - und somit unter ihren Möglichkeiten gespielt hat.
Der Kader ist besser als im Vorjahr, aber die Leistungen sind schlechter. Fehlt es noch an Zusammenhalt in der Mannschaft?
Auf dem Papier ist unser Kader sicherlich stärker besetzt. Zu einer funktionierenden Einheit gehört allerdings mehr dazu. Alle Spieler müssen im Sinne des Teamerfolgs ihre Eitelkeiten hinten anstellen. Auch die Spieler, die nicht in der Startelf stehen, müssen Vollgas geben, wenn sie gebraucht werden. Das hat uns in der letzten Saison ausgezeichnet. Dahin müssen wir wieder schnellstmöglich zurückfinden. Einige Spieler laufen ihrer Form noch hinterher. Nach den Ergebnissen steckt auch eine gewisse Verunsicherung in den Köpfen. Die Jungs haben alle einen super Charakter und verstehen sich untereinander gut. Deshalb bin ich mir sicher, dass wir noch kommen werden und unser Potenzial abrufen.
Ein 3:3 gegen den HSC Hannover oder ein 1:2 gegen die FSV Schöningen entsprechen nicht den Ansprüchen in Emden. Sehen Sie Defizite bei der Einstellung der Spieler?
Kickers Emden steht auch immer für eine gewisse DNA. Wir definieren uns vor allem über Zweikampfhärte, Standards, eine gute Abwehr und den unbändigen Siegeswillen. Das sollten wir niemals vergessen. Das muss auch in der Zukunft zwingend so bleiben. Gegen Lübeck haben wir diese Zutaten ehrlicherweise vermissen lassen. Wir wollen unsere Spielweise ein Stück weit verbessern und weiterentwickeln. Dabei dürfen wir aber unsere DNA nicht aus den Augen verlieren. Am Ende geht es im Fußball darum, Spiele zu gewinnen - egal wie. Wenn du 2:0 führst, kommt automatisch auch das Selbstvertrauen und somit mehr spielerische Klasse und Leichtigkeit auf den Platz.
„Kickers Emden ist ein Traditionsverein und kein Nachwuchsleistungszentrum.“ (Henning Rießelmann)
Von den Neuzugängen konnten bisher lediglich Norman Quindt und zuletzt Nick Stepantsev überzeugen. Erwarten Sie von diesen ein wenig mehr?
Viele Spieler haben aktuell nicht ihre Topform. Jeder Spieler braucht einen Rhythmus, Vertrauen und auch das Gefühl, bei einem schlechten Spiel nicht gleich wieder auf der Bank zu sitzen. Unsere Neuzugänge benötigen sicherlich eine gewisse Eingewöhnungszeit, um sich an unsere Spielweise und Abläufe zu gewöhnen. Kickers Emden ist ein Traditionsverein und kein Nachwuchsleistungszentrum. Es geht aber nicht nur um unsere Neuzugänge. Es geht auch nicht um alt oder neu. Die gesamte Mannschaft muss verstehen, dass wir nur gemeinsam zum Ziel kommen. Alle sind an diesem Prozess beteiligt und müssen sich zu 100 Prozent einbringen. Für die letzte Saison können wir uns jetzt nichts mehr kaufen.
Sie betonten zuletzt öffentlich, in vielen Spielen "keinen klaren Plan" zu erkennen. Muss Trainer Stefan Emmerling um seinen Job bangen? Oder ziehen Sie die Saison definitiv mit ihm durch?
Dies ist das erste Mal in den zweieinhalb Jahren, die ich nun bei Kickers bin, dass wir Gegenwind bekommen. Bislang ging es immer nur steil bergauf. Menschlich würde ich es schwach finden, wenn wir nach all unseren Erfolgen jetzt nach sieben Spieltagen alles infrage stellen und die Zusammenarbeit beenden. Wir haben zusammen etwas aufgebaut und harmonieren auch menschlich sehr miteinander. Das müssen wir jetzt aushalten, und zwar zusammen. Wir werden definitiv gemeinsam mit dem Trainerteam die nächsten Aufgaben angehen. Es bringt nichts, mit dem ersten Gegenwind eine Trainerdiskussion anzuzetteln. Aber wir brauchen wieder unsere DNA und eine klare Linie.
„Und wenn wir mal eine Saison auf Platz 12 beenden, ist das sicherlich nicht unser Anspruch. Aber auch das werden wir gemeinsam aushalten.“ (Henning Rießelmann)
Gehört es nicht auch zu Ihren Aufgaben, sich bereits mit potenziellen Nachfolgern zu beschäftigen, sofern sich nicht schnell der Turnaround einstellt?
Ich führe beruflich bei "Onside" jeden Tag Gespräche mit Entscheidungsträgern und Trainern. Dabei geht es aber weniger um Kickers Emden. Wir wollen zusammen mit unserem Trainerteam wieder zurück in die Erfolgsspur kommen. Auch wenn ich ein eher ungeduldiger Mensch bin, weiß ich, dass im Fußball nicht immer alles nach Plan laufen kann. Wir wollen den Verein nachhaltig und langfristig entwickeln. Regionalliga-Fußball, keine neuen Schulden und eine gute Zuschauerkulisse in Kombination mit einer verbesserten Infrastruktur sind unsere Ziele. Und wenn wir mal eine Saison auf Platz 12 beenden, ist das sicherlich nicht unser Anspruch. Aber auch das werden wir gemeinsam aushalten.
Ist der Zug nach ganz oben schon abgefahren? Oder glauben Sie, dass der BSV Kickers in dieser Saison noch einmal angreifen kann?
Aktuell geht es ausschließlich darum, schnellstmöglich wieder zurück in die Erfolgsspur zu kommen. Wir müssen Spiele gewinnen. Vom Aufstieg oder Angreifen redet bei uns niemand. Das wäre das völlig falsche Signal.