Für eine sportlich spannende Ausgangslage war zum Zweitliga-Auftakt 2026 in Berlin gesorgt: Hier die ambitionierten Berliner, die bei der Jagd auf die Spitzenplätze weitere Punkte wollen; da der FC Schalke 04, der als Tabellenführer überwintert hat und von der Bundesliga-Rückkehr träumt.
Doch zu Beginn des Spiels am Samstagabend war die Stimmung im Berliner Olympiastadion bei Anpfiff spür- und hörbar gedämpft. Hintergrund ist ein Polizeieinsatz im Bereich der Heimfans. Wie die Fanhilfe Hertha BSC zunächst auf ihren Social-Media-Accounts mitteilte, sei es dabei zu "massiver Polizeigewalt" gekommen. Demnach habe es "teilweise sogar schwerstverletzte Fans" gegeben. Auf Fotos in den sozialen Netzwerken ist eine große Anzahl von Polizisten vor dem Stadion zu sehen.
"Vor dem heutigen Spiel gegen die Mannschaft aus Gelsenkirchen kam es zu massiver Polizeigewalt gegen wartende Fans am Eingang zur Ostkurve. Schon am Eingang hielt sich die Polizei erneut nicht an Absprachen mit dem Verein und provozierte die anwesenden Fans. Es folgte dort bereits eine Festnahme ohne ersichtlichen Grund. Die Provokationen der Hundertschaften verlagerten sich anschließend in den Eingang zur Kurve", teilte die Fanhilfe später in einem ausführlichen Statement mit. "Mindestens 30 verletzte Fans mussten sich anschließend von den Sanitätern behandeln lassen. Ebenso sind weitere Fans direkt durch Polizeigewalt schwerst verletzt worden und mussten in die Notaufnahme gebracht werden. Aktuell rechnen wir mit zahlreichen weiteren Verletzten, die sich in medizinische Behandlung begeben mussten oder durch Pfefferspray verletzt wurden."
Die Polizei bestätigte die Auseinandersetzungen später am Abend auf der Plattform X. "Nach aktuellem Stand wurden 21 Einsatzkräfte und 31 Fans verletzt", hieß es dort. Zugleich wurde der Einsatz gerechtfertigt. "Rund um das heutige Fußballspiel im Olympiastadion kam es bereits vor Spielanpfiff zu gewalttätigen Angriffen einzelner Fangruppen auf unsere Einsatzkräfte. Am Stadioneingang zur Ostkurve sollen Kollegen nach Beleidigungen von vermummten Fans unter anderem mit Absperrgittern beworfen und mit Schlagwerkzeugen attackiert worden sein", teilte die Polizei Berlin mit. "Aufgrund der Gewalt- und Bedrohungslage war es zum Schutz der Einsatzkräfte und unbeteiligter Zuschauender notwendig, Pfefferspray gegen größere Gewalttätergruppen einzusetzen."
Gewalt sei "keine aktive Fankultur und das Stadion mit tausenden Fußballbegeisterten kein Freiraum für Fangewalt". Man habe mehrere Personen unter anderem "wegen des Verdachts der Beleidigung, der gefährlichen Körperverletzung und wegen des Verdachts des besonders schweren Falls des Landfriedensbruchs festgenommen".
Die Fanhilfe hingegen machte die Polizeikräfte für die Vorfälle verantwortlich. Deren "Angriff" sei "der traurige Höhepunkt einer Eskalations- und Provokationsspirale der Polizei im Olympiastadion, die seit etwa einem halben Jahr durchgedrückt wird. Gegen die im Vorbereich wartenden Fans wurde anlasslos massive Gewalt ausgeübt, samt großflächigem Einsatz von Pfefferspray." Zugleich äußerte sie scharfe Kritik an der Berliner Politik: "Vertreter des Vereins haben immer wieder im Dialog mit der Polizei versucht, eine Deeskalation herbeizuführen. Dass dies von der Einsatzleitung und der verantwortlichen Innensenatorin ganz offensichtlich nicht gewünscht ist, zeigt der heutige Tag."
Die Fanhilfe versteht sich eigenen Angaben zufolge als "Solidargemeinschaft für Hertha-Fans, die in Konflikt mit dem Gesetz beziehungsweise der Polizei geraten sind".
Innensenatorin Spranger war auch im Stadion
Die organisierte Fan-Szene der Gastgeber verzichtete als Reaktion darauf nicht nur auf stimmgewaltige Unterstützung, sondern verließ das Stadion nach rund einer Viertelstunde Spielzeit wieder, was zu deutlichen Lücken im normalerweise dicht gefüllten Heimbereich führte.
Hertha BSC bestätigte schon während des Spiels in einer ersten Stellungnahme die Auseinandersetzungen. Nach dem Spiel äußerte sich Geschäftsführer Peter Görlich: "Wir sind seit dem Vorfall in den Abstimmungen, tragen das jetzt zusammen. Wir werden da auch gemeinsam mit dem Präsidium spätestens morgen noch eine abgestimmte Stellungnahme herausgeben. Und das muss man auch sagen, Frau Spranger (Innensenatorin, Anm. d. Red.) war beim Spiel da. Wir haben vereinbart, dass wir miteinander sprechen." Die Fan- und Mitgliederbetreuung mache "einen guten Job, und da möchten wir auch etwas mehr gehört werden".
Schalker Fans schließen sich dem Stimmungsboykott an
Dem Stimmungsboykott schloss sich derweil auch ein Großteil der angereisten Anhängerschaft der Schalker an, wie der FC Schalke 04 auf X mitteilte: "Es wird vorerst keinen organisierten Support aus der Schalker Kurve geben. Vor dem Spiel hat es einen Polizeieinsatz im Heimbereich gegeben."