Unter den 10.404 Zuschauern, die am Dienstagabend ins Daugava-Stadion von Riga gekommen waren, fiel es den Gäste-Anhängern leicht, sich immer wieder Gehör zu verschaffen. Und so entging nicht mal dem wie gewohnt hochkonzentrierten Thomas Tuchel, was die englischen Fans da immer wieder sangen - es ging nämlich um ihm.
Der Nationaltrainer hatte nach dem 3:0-Testspielsieg gegen Wales am Donnerstag kritisiert, dass die Spieler auf dem Platz deutlich mehr Leistung gezeigt hätten als die 78.126 Zuschauer in Wembley. "Das Stadion war leise, wir haben zu keinem Zeitpunkt irgendeine Energie von den Rängen zurückbekommen", hatte er sich geärgert. Fünf Tage später musste er den erwarteten Konter über sich ergehen lassen.
"Thomas Tuchel, we'll sing when we want" ("Wir singen, wann wir wollen") und "Thomas Tuchel, are we loud enough for you" ("Sind wir laut genug für dich?") skandierten die mitgereisten Anhänger in Riga, womit Tuchel kein Problem hatte. "Ich habe in der ersten Halbzeit ein bisschen was abgekriegt, aber das ist schon okay. Ich nehme es mit Humor und akzeptiere es", meinte der einstige Bayern-Coach nach dem 5:0-Sieg, der Englands WM-Teilnahme schon nach sechs Spielen (18 Punkte, 18:0 Tore) offiziell machte.
Tuchel staunt über Kane: "Das muss er eigentlich nicht tun"
"Ich fand es ziemlich kreativ. Es hat mich zum Lächeln gebracht, und so muss es auch sein. Das ist britischer Humor, damit kann ich gut umgehen. Es ist nichts Schlimmes passiert", versicherte Tuchel, appellierte aber einmal mehr, dass die Mannschaft die Fans bei der WM in Topform brauchen werde. "Das ist sehr wichtig."
Harry Kane, der gegen Wales noch geschont worden war, nachdem er in Frankfurt einen Schlag auf den Fuß erlitten hatte, steuerte im 110. Einsatz für die Three Lions seine Länderspieltore 75 und 76 bei, überzeugte aber einmal mehr auch mit anderen Qualitäten.
"Wenn man sich nur das Tor in der 85. Minute ansieht", staunte Tuchel über die Entstehung des 5:0 durch Eberechi Eze, "da haben wir einen Ballverlust und Harry läuft den ganzen Weg zurück in seine eigene Hälfte, senkt den Kopf, um erneut einen Defensivsprint zu starten. Als Kapitän, als Nummer neun, muss er das eigentlich nicht tun. Niemand würde ihm einen Vorwurf machen, wenn er es nicht getan hätte, aber er tut es." In dieser Saison hat Kane nun bereits 21 Tore für den FC Bayern und England erzielt - in 13 Einsätzen.