Ein Geheimtest, ein Gegentor, eine Verletzung - Daniel Rios hätte sich seinen Einstand als Cheftrainer der U 23 von Borussia Dortmund anders vorgestellt. Beim 0:1 gegen Drittligist Rot-Weiss Essen wirkte sein Team zunächst unsicher. Nach der Pause zeigte die Mannschaft jedoch ein anderes Gesicht: mutiger, höher pressend und flüssiger kombinierend. Babis Drakas traf den Pfosten. Der Ausgleich lag in der Luft, doch er fiel nicht. Besonders bitter: Nachdem sich Routinier Patrick Göbel bereits im Training verletzt hatte, musste auch U-19-Spieler Anas Mahjoubi schon kurz nach seiner Einwechslung verletzt runter.
Rios sammelte dennoch wichtige Erkenntnisse: "In der ersten Halbzeit haben wir ein bisschen gebraucht, aber die Spieler sind von Minute zu Minute sicherer geworden." Trotz der Niederlage habe er viele positive Ansätze gesehen, zugleich aber auch Bereiche identifiziert, die noch verbessert werden müssen.
Debüt gegen Oberhausen
Sein offizielles Ligadebüt steht noch aus: Am Samstag, beim Auswärtsspiel bei Rot-Weiß Oberhausen, wird der 45-Jährige erstmals vor Zuschauern an der Seitenlinie stehen. Schon beim 2:1-Sieg beim VfL Bochum II hatte er den Nachwuchs als Cheftrainer betreut, da Mike Tullberg in dieser Zeit Vater wurde. Nach dessen Abschied zum FC Midtjylland übernahm Rios die Position als Cheftrainer fest. "Mike hat immer meine Meinung gehört, aber die finale Entscheidung getroffen. Jetzt liegt diese Verantwortung bei mir", sagt er.
Geboren in Dortmund, mit einer Mutter aus Malaga und einem Vater aus Nordspanien, ist der Deutsch-Spanier tief mit Stadt und Verein verwurzelt. Aufgewachsen am Borsigplatz erlebte er Meisterfeiern direkt vor der Haustür: "Wir mussten nirgendwohin fahren, wir waren mittendrin." Von 1994 bis 2001 durchlief er die BVB-Jugend. Der frühere Mittelfeldspieler gewann dreimal die deutsche Jugendmeisterschaft (einmal U 17, zweimal U 19) und verwandelte 1998 beim 4:3-Sieg nach Elfmeterschießen gegen die A-Jugend des FC Bayern München den letzten erfolgreichen Elfmeter - danach vergaben alle sechs verbleibenden Schützen.
Eine Profi-Karriere blieb ihm trotz seines Talents verwehrt - unter anderem wegen eines Kreuzbandrisses. Ein prägender Moment war für ihn das Champions-League-Finale 1997 in München, das er als Jugendspieler live miterleben durfte: "Das sind Momente, die vergisst man nicht."
Vom ASC Dortmund zurück zum BVB
Seinen ersten großen Eindruck als Trainer hinterließ Rios beim ASC 09 Dortmund. Ihm gelang der Aufstieg von der Westfalen- in die Oberliga. Der Erfolg fiel mit der Geburt seines Sohnes zusammen, der als Frühgeburt lange im Krankenhaus lag. "Eine extrem schwierige Zeit, die ich gemeinsam mit Familie und Verein gemeistert habe", erinnert er sich.
2016 kehrte Rios zum BVB zurück, zunächst als Co-Trainer der U 19, dort später an der Seite von Mike Tullberg. Unter seiner Mitwirkung entwickelten sich Spieler wie Youssoufa Moukoko oder Jamie Gittens. Worauf kommt es für junge Spieler an? Seine Antwort ist simpel: "Es geht darum, dass sie die Gelegenheiten nutzen, wenn sie da sind - im Training bei den Profis oder im Spiel." Die Unterschiede zu früher seien zwar nicht groß, aber spürbar: "Junge Spieler hinterfragen viel mehr als wir es früher getan haben."
Obwohl er viele Jahre als Co-Trainer aktiv war, sieht er sich keinesfalls als Übergangslösung. "Ich bin Dortmunder Junge, habe immer gesagt, dass ich mich hier in jeder Rolle sehr wohlfühle - und jetzt ist es eben die Cheftrainerrolle." Seine Mannschaft soll dominant, offensiv und mutig auftreten. Gleichzeitig legt er Wert auf situatives Handeln: "Die Spieler müssen erkennen, wann es richtig ist, das Risiko zu minimieren - auch mal den Ball lang zu spielen, wenn nötig."
„Wir haben sechs Spieler, die eigentlich noch in der U 19 spielberechtigt wären und jetzt fest zur U 23 gehören.“ (Daniel Rios dämpft die Erwartungen)
Sein Vorgänger Tullberg sprach von einer Übergangssaison; Rios knüpft daran an und verweist auf den sehr jungen Kader: "Wir haben sechs Spieler, die eigentlich noch in der U 19 spielberechtigt wären und jetzt fest zur U 23 gehören." Nicht wenige Beobachter haben eine andere Sicht und sehen den Aufstieg als Maß aller Dinge an - einen Anspruch, den Rios bewusst nicht formuliert - zumal der Rückstand auf Tabellenführer Fortuna Köln bereits sechs Punkte beträgt.
Rios beschreibt sich als ebenso emotional wie Tullberg, aber kontrolliert: "Von draußen wirke ich vielleicht ruhiger, aber in den richtigen Momenten kommt es auch von mir zum Ausdruck." Die Partie in Oberhausen wird zeigen, wie Rios' Handschrift auf dem Platz wirkt. Er erwartet einen engagierten Gegner: "Wir wissen, dass Oberhausen zu Hause viel investieren wird. Das ist eine Herausforderung, aber auch eine Gelegenheit für uns, unser Spiel durchzusetzen."