Von der Klub-WM aus Fort Lauderdale berichtet Matthias Dersch
Die Sonne scheint erbarmungslos über dem weitläufigen Trainingsgelände von Inter Miami, das direkt neben dem Chase Stadium liegt, in dem die Mannschaft von Superstar Lionel Messi seine Heimspiele in der MLS austrägt.
Kaum jemand wagt sich am Mittwoch auf die offene Straße, als der BVB um 10 Uhr zur medienöffentlichen Trainingseinheit auf das hermetisch abgeriegelte Areal einlädt. Die strengen Sicherheitsregeln hat sich nicht der Gast aus Deutschland überlegt, die Hoheit liegt in den Wochen der Klub-WM bei der FIFA, deren Mitarbeiter jeden einzelnen Schritt der Journalisten begleiten.
Die FIFA regelt die kleinsten Details
Mit einer entwaffnenden Freundlichkeit - die oft oberflächlich sein mag, aber dennoch einen angenehmen Kontrast zum oft mürrischen Gebaren der deutschen Ordnungskräfte bildet - wird den deutschen Besuchern der Weg gezeigt, erklärt, wo man stehen darf und wo nicht, und in welche Richtung man bitte keine Foto- oder Videoaufnahmen machen soll.
Der Drang, sich zu weit von der zugewiesenen Stelle am Rande eines der Trainingsplätze zu bewegen, ist aber ohnehin gering. Denn der schmale Streifen liegt im Schatten und bietet somit etwas Schutz vor der Sonne.
Einen Schutz, den auch Niko Kovac gerne nutzt, als er die Medienvertreter vor der Einheit besucht. Der Dortmunder Trainer setzt in den USA seinen offenen und auf Augenhöhe stattfindenden Umgang mit Journalisten wie Klubmitarbeitern fort. Neugierig fragt er, warum er niemanden der mitreisenden Reporter bei der Pressekonferenz nach dem Auftaktspiel gegen Fluminense (0:0) gesehen habe.
Es war kein Desinteresse, sondern ein Ergebnis der Organisation durch den Weltverband: Als akkreditierter Journalist muss man sich entscheiden: Möchte man lieber mit dem Trainer sprechen oder lieber mit den Spielern? Und da fällt die Wahl oft auf die Mixed Zone mit den Profis, die mehr Möglichkeiten bietet, Fragen zu stellen.
Kehls Frühstart in den USA
Nach 15 Minuten ist der öffentlich einsehbare Teil des Trainings beendet. Viel gelernt hat man bis dahin als Beobachter nicht. Die Einheit findet zunächst in Gruppen statt, die Belastung wird unterschiedlich dosiert. Die eine Gruppe läuft, die andere absolviert ein Spielersatztraining. In den ersten Minuten aber machen sich alle erst einmal nur warm - was naturgemäß einen überschaubaren Erkenntnisgewinn bietet.
Mehr Inhalte verspricht die Medienrunde mit Sebastian Kehl, der seinen Platz vor der aufgebauten Sponsorenwand einnehmen muss - genau in der prallen Sonne. Der Arbeitstag des Dortmunder Sportdirektors ist zum Zeitpunkt des Gesprächs bereits etliche Stunden alt. "Mein Wecker klingelt sehr, sehr früh am Tag. Ich versuche die europäische Zeit mitzunehmen und vor dem Frühstück der Mannschaft meine Hausaufgaben zu erledigen." Auch wenn der Hauptfokus derzeit auf der Klub-WM liegt: Die Planungen für die neue Saison laufen weitgehend parallel - und dafür stehen noch Kaderoptimierungen an.
Aus Mexiko zu den Bellinghams
Bisher verliehene Profis wie Sebastien Haller oder Youssoufa Moukoko, die beide nicht in den USA dabei sind, sollen den Klub nach Möglichkeit dauerhaft verlassen. Andere - allen voran Jamie Gittens - wollen von sich aus wechseln. Der Engländer stand bereits vor der Abreise in die Vereinigten Staaten vor dem Absprung, weil Kehl aber in den Verhandlungen mit dem FC Chelsea hart blieb, läuft der Flügelstürmer beim Turnier in Schwarz-Gelb auf - und nicht im Blau der Londoner, die ebenfalls bei der Klub-WM dabei sind.
Ohne einen Blick zu den rund ein Dutzend Fußballfans, die sich um die Mittagszeit auf dem Parkplatz vor dem Spieler-Ausgang versammelt haben, schlendert Gittens nach dem Training in den Mannschaftsbus. Jobe Bellingham dagegen erhört die Rufe - und macht ein Selfie mit zwei extra angereisten Mexikanern. Sie sind eigentlich Real-Madrid-Fans und wollen sich später am Tag Jobes Bruder Jude Bellingham ansehen, der mit den Königlichen im Hard-Rock-Stadium von Miami direkt in der Nachbarschaft gegen Al-Hilal gefordert ist (1:1 am Ende). Aber das stört den 19-Jährigen nicht, er erfüllt höflich jeden Fotowunsch.
Freier Nachmittag am Mittwoch
Kurz darauf rollt der Bus vom Gelände und bringt die Dortmunder ins Hotel. Feierabend für diesen Mittwoch. Den Nachmittag hat Kovac seinen Spielern freigegeben, schließlich kommt es bei einem im besten Fall vier Wochen dauernden Turnier darauf an, die Laune hoch zu halten und Lagerkoller zu vermeiden. Bei den Spielern, aber auch bei den Trainern, wie Kovac bereits vor dem Auftaktspiel scherzte.
Ab Donnerstag gilt die Konzentration dann dem kommenden Gegner Mamelodi Sundowns aus Südafrika. Für den BVB geht es im zweiten Gruppenspiel, das die Dortmunder am Freitag und Samstag (Anstoß um 18 Uhr MESZ) nach Cincinnati führen wird, bereits um alles: Nach dem Remis zum Auftakt ist die Kovac-Elf zum Siegen verpflichtet. Sonst droht die Zeit im brütend heißen Basecamp in Fort Lauderdale kürzer auszufallen als eigentlich geplant.