Auf dem Höhepunkt seiner Karriere gehörte Jerome Boateng zweifelsfrei zu den Weltbesten seines Fachs. Es gab Sergio Ramos, die spanische Urgewalt, den filigranen "Mr. Außenrist" Mats Hummels und eben Boateng, der in Bestform all das vereinigte, was einen kompletten Top-Innenverteidiger ausmacht: Physis, Schnelligkeit, Zweikampf- und Kopfballstärke und einen starken Spielaufbau.
Seine Erfolgsliste ist lang: Weltmeister 2014, zweimaliger Gewinner der Champions League mit dem FC Bayern, neunmal Deutscher Meister, fünfmal DFB-Pokalsieger, FA-Cup-Gewinner mit Manchester City, Deutschlands Fußballer des Jahres 2016. 27 Mannschaftstitel im Profibereich, dazu 2009 Europameister mit der deutschen U 21. Eine beeindruckende Sammlung.
Der gebürtige Berliner stammt aus jener Generation, die als Jugendlicher das Kicken in den Käfigen der Hauptstadt lernte, Wille und Durchsetzungsvermögen. Für die Hertha debütierte er Anfang 2007 in der Bundesliga, doch schon am Ende dieser Saison zog es ihn zum Hamburger SV, wo er in drei Jahren zum Nationalspieler reifte und zum DFB-Kader gehörte, der 2010 mit dem dritten Platz von der WM aus Südafrika zurückkehrte.
kicker-Note 1 im WM-Finale
Danach zog es ihn auf die Insel zu Manchester City. Eine einjährige, fast vergessene Episode. Damals spielte Boateng teilweise auch Rechtsverteidiger, anfangs auch beim FC Bayern, der ihn 2011 verpflichtete. Boateng blieb zehn Jahre beim Rekordmeister. Nur er, Manuel Neuer, Thomas Müller, David Alaba und Javi Martinez haben sowohl 2013 als auch 2020 den Henkelpott geholt.
In der Triple-Saison 2013 gelang Boateng der Durchbruch, dabei war er damals bei Jupp Heynckes länger nicht gesetzt. Im siegreichen Finale gegen Borussia Dortmund schlug er in der 89. Minute den langen Freistoß aus der eigenen Hälfte zentimetergenau auf den Fuß von Franck Ribery, der auf Arjen Robben ablegte. Der Rest ist Fußballgeschichte, 2:1. Zentimetergenaue Diagonalbälle über 50, 60 Meter gehörten lange zu seinem Repertoire.
Je größer das Spiel in jenen Jahren, desto besser Boateng, der zu Karrierebeginn natürlich auch Fehler beging, in seinem ersten Länderspiel im Oktober 2009 in Russland vom Platz flog. Doch Bundestrainer Joachim Löw ließ ihn nicht fallen, wurde dafür belohnt. Das 1:0 gegen Argentinien im WM-Finale von Rio de Janeiro war Boatengs bestes Länderspiel, "das Spiel seines Lebens", wie er kurz darauf im kicker-Interview sagte. Für die Leistung gab's die Note 1, Spieler des Spiels. Eine Auszeichnung für die Ewigkeit.
Vor der EM 2016 kämpfte sich Boateng nach einer schweren Verletzung zurück, spielte bis zum Aus samt erneuter Verletzung im Halbfinale gegen Frankreich wieder überragend, erzielte gegen die Slowakei sein einziges Tor in 76 Länderspielen und wurde zu Deutschlands Fußballer des Jahres gewählt, als erster Innenverteidiger seit Jürgen Kohler 1997.
Deutschlands liebster Nachbar
Als der AfD-Politiker Alexander Gauland Boateng politisch missbrauchte und behauptete, niemand wolle diesen als Nachbarn haben, erreichten Boatengs Popularitätswerte ein Höchstmaß, der Großteil der Republik zeigte sich solidarisch. Sportlich lief es in den Jahren danach nur noch selten rund, auch wegen der Verletzungen. Niko Kovac wollte ihn bei Bayern aussortieren, doch unter Hansi Flick glückte ihm ein eindrucksvolles Comeback 2020.
Ein Jahr später der Abschied aus München. Bei Olympique Lyon, US Salernitana und dem LASK in Österreich fand er immer wieder eine sportliche Heimat. Schlagzeilen lieferte er meist jedoch nur noch neben dem Platz, sein Privatleben beschäftigte den Boulevard und lange die Gerichte, unter anderem wegen des Vorwurfs der Körperverletzung und häuslicher Gewalt. Das Bild Boatengs in der Öffentlichkeit drehte sich, auch wenn er aus dem langen Verfahren ohne Vorbestrafung herausging.
Sportlich bleibt Boateng zweifelsfrei einer der Großen seiner Generation. Nach seinem Rücktritt sind nur noch sieben der 2014er Weltmeister aktiv: Manuel Neuer, Ron-Robert Zieler, Matthias Ginter, Mario Götze, Thomas Müller, Julian Draxler und Lukas Podolski.