Die kleine Sensation war, dass sie erst nach dem EM-Endspiel an die Öffentlichkeit geriet, die große war die Nachricht selbst: Lucy Bronze spielte das gesamte Turnier in der Schweiz mit einem gebrochenen Schienbein. "Es ist sehr schmerzhaft, aber ich werde feiern", sagte die 33-jährige Engländerin nach dem Finale gegen Spanien (3:1 i. E.), bei dem sie 105 Minuten mitgewirkt hatte.
Wie ist es möglich, mit einer solchen Verletzung professionell Fußball zu spielen, konkret 598 Minuten bei einer EM auf dem Rasen zu stehen - und sich noch nicht einmal anmerken zu lassen, dass das Bein gebrochen ist? Trainerin Sarina Wiegman attestierte Bronze eine "wahnsinnige Mentalität", doch was steckt medizinisch dahinter?
"Schienbeinbrüche reichen von Teilbrüchen, wie zum Beispiel Stress- oder Ermüdungsbrüchen, bis hin zu vollständigen Brüchen", erklärte Dr. Mark Bowditch, Präsident der British Orthopaedic Association und Facharzt für Knie- und Sportchirurgie, der BBC.
Bei einem vollständigen Bruch, etwa nach einem Sturz aus der Höhe oder einem Tackling mit gestrecktem Bein, könne man nicht weiterspielen, nicht einmal gehen, so Bowditch. Insofern liege bei Bronze "wahrscheinlich" ein Stress- oder Ermüdungsbruch vor. Diese "äußern sich normalerweise durch Schmerzen nach körperlicher Aktivität und nicht durch einen plötzlichen Vorfall".
Dennoch sei es "bemerkenswert", dass Bronze derart viel spielen konnte bei der EM. "Sie musste wahrscheinlich das Training zwischen den Spielen reduzieren oder in einer Umgebung mit geringer Belastung trainieren, zum Beispiel im Schwimmbad oder auf einem Anti-Schwerkraft-Trainer", meint der Experte.
Bronze hat selbst einen Abschluss in Sportwissenschaften
Bronze, die auf 140 Länderspiele kommt, hatte erklärt, für England auch unter Schmerzen zu spielen, "wenn es nötig ist". Dabei könnten ihr während des Turniers Schmerzmittel oder spezielle Schuheinlagen geholfen haben, aber auch ihr eigenes Fachwissen: Die Rechtsverteidigerin hat einen Abschluss in Sportwissenschaften.
Es sei "ein großes Verdienst" der medizinischen Abteilung der Lionesses, Bronze bis zum Finale fitgehalten zu haben, findet Bowditch. Im schlimmsten Fall hätte sich der Teilbruch zu einem vollständigen Bruch entwickeln können. "Aber das ist zum Glück nicht passiert."
Ob Bronze, die beim englischen Meister FC Chelsea unter Vertrag steht, nun trotzdem eine längere Pause einlegt, bleibt abzuwarten.