Pflicht erfüllt, Kür verpasst - so lautete das Fazit der nordirischen Nationalmannschaft nach dem Auftakt in die WM-Qualifikation. "Wir haben das erreicht, was wir uns erhofft hatten, sind aber ein wenig enttäuscht, dass es nicht ein bisschen mehr ist", bilanzierte Trainer Michael O'Neill nach dem 3:1 in Luxemburg und dem 1:3 in Deutschland.
Lange war der Weltranglisten-71. in Köln drauf und dran, der DFB-Auswahl den nächsten Dämpfer zuzufügen, ehe diese mit einem Kraftakt doch noch den letztlich verdienten Heimsieg feierte. "Wir sind sehr stolz auf die Leistung, aber in der Kabine herrscht echte Enttäuschung", verriet O'Neill und fand das nur allzu "verständlich".
Bis zum 1:2 durch Nadiem Amiri, bei dem Torhüter Bailey Peacock-Farrell nicht gut aussah, hatten die Nordiren den Favoriten immer wieder vor Probleme gestellt. "Es ist nicht einfach, viele lange Bälle zu verteidigen, und es ist auch nicht einfach, viele zweite Bälle zu verteidigen", hatte Julian Nagelsmann bei der BBC über Nordirlands Spielweise gesagt, die auch Joshua Kimmich als "besonders" bezeichnete. Der Gegner habe "jede Standardsituation und jeden freien Ball lang gespielt" und sei "mit zehn Mann" auf die zweiten Bälle gegangen, so der Bundestrainer weiter. "Diese Art von Fußball ist nicht besonders schön anzusehen, aber sie ist effektiv und nicht so einfach zu verteidigen."
"Ich wusste nicht, dass man das tun muss, was dem Gegner gefällt"
Eine Analyse, die bei den Nordiren nicht gut ankam. TV-Experte und Ex-Nationalspieler Stephen Craigan (54 Länderspiele) fand Nagelsmanns Aussagen "ein wenig respektlos" angesichts der Tatsache, dass auch Deutschland immer wieder versucht habe, mit langen Bällen hinter die Kette zu kommen. "Das war eigentlich alles, was sie gemacht haben. Damit hat sich unsere Dreierkette mehr als wohlgefühlt." Und auch Chris Brunt, ein weiterer ehemaliger Internationaler (65 Länderspiele), bewertete Nagelsmanns Analyse als "merkwürdig". Denn: "Ich wusste nicht, dass man schönen Fußball spielen und das tun muss, was dem Gegner gefällt."
Tatsächlich schlugen beide Teams gleich viele lange Bälle (45), allerdings lag deren Anteil an allen Pässen bei Deutschland damit bei sechs Prozent, bei Nordirland bei 24,6. Bei der Erfolgsquote stach Nagelsmanns Elf O'Neills aus (44,4 vs. 26,7 Prozent).
Letzterer haderte auch mit dem norwegischen Referee Espen Eskas (kicker-Note 3,5), der nach der Pause "etwas pingelig" gewesen sei und bei Ali McCanns Einsteigen gegen Amiri vor Florian Wirtz' Freistoßtor zum 3:1 zu Unrecht gepfiffen habe. Am Ende musste aber auch O'Neill anerkennen, dass seinem Team die Luft ausgegangen war. Für zwei Auswärtsspiele in so kurzer Zeit "haben wir nicht genug Tiefe" im Kader, meinte er.
Im Oktober darf Nordirland dafür zweimal zuhause ran, gegen die Slowakei (10. Oktober) und gegen Deutschland (13. Oktober). "Hoffentlich", meinte Nagelsmann-Kritiker Craigan süffisant, "wird er in Belfast herzlich empfangen."