Fehlercode: %{errorCode}

Am Anfang war das Feuer: Hjulmand und die Evolution im Zeitraffer

kicker

Am Anfang war das Feuer. Dessen Entdeckung stellte für die Urmenschen in der Steinzeit einen entscheidenden Entwicklungsschritt dar, der ihnen immense Vorteile verschaffte. Das fußballerische Feuer hatte Kasper Hjulmand schon an seinen ersten drei Arbeitstagen als Trainer von Bayer Leverkusen entfacht. "Wir hatten eine deutlich höhere Intensität im Spiel", hatte Geschäftsführer Simon Rolfes nach Hjulmands Einstand gegen Frankfurt (3:1) den Vergleich zu den drei Pflichtspielen unter dessen Vorgänger Erik ten Hag gezogen, "das war auch ein Punkt, der uns überhaupt nicht gefallen hat."

Dieses Feuer, das die essenzielle Grundlage für die Entwicklung einer erfolgreichen Mannschaft darstellt, hat Bayer allerdings schon beim 2:2 in Kopenhagen in der Champions League in der ersten Hälfte wieder erlöschen lassen. Die Intensität, die nach dem 3:1 gegen Frankfurt unisono gelobt wurde, fehlte in Dänemark bis zur Pause komplett. Ein Fakt, den Hjulmand genauso einräumte wie Rolfes oder die Bayer-Profis selbst. Ein überraschender Rückschritt, aber nicht das einzige Problem im zweiten Spiel unter dem neuen Trainer.

„Wir sind eine Mannschaft, die auch eine defensive Mauer durchbrechen kann.“ (Kasper Hjulmand)

Damit sich Bayer 04 unter Hjulmand erneut als Erfolgsmodell entpuppt, darf seine Mannschaft zum einen das neu zu entfachende Feuer nicht noch einmal erlöschen lassen. Zudem müssen jetzt am Sonntag gegen Kellerkind Gladbach noch andere bahnbrechende Erfindungen gemacht werden, damit Bayers Ballbesitzspiel wiederbelebt wird, das anders als in Zeiten unter Xabi Alonso in dieser Saison bislang wenig effektiv war.

So entsprang gegen Frankfurt keine der zehn Leverkusener Torchancen dem geordneten Aufbauspiel aus der eigenen Abwehr. In Kopenhagen durfte Hjulmand nach einem extrem statischen und uninspirierten Auftritt vor der Pause zumindest in der letzten halben Stunde des Spiels ein paar herausgespielte Möglichkeiten notieren. "Wir sind eine Mannschaft, die auch eine defensive Mauer durchbrechen kann", sagt Hjulmand, "das haben wir in den letzten 30 Minuten des Spiels gezeigt, als wir gegen einen sehr tief stehenden Block Chancen herausgespielt haben."

Hjulmand muss in Sachen Spielkunst das Rad neu erfinden

Allerdings nicht besonders viele, dafür aber mit einem extrem hohen Risiko, das eine entsprechende Anfälligkeit bei Kontern nach sich zog. Dies in einer guten Balance zu schaffen, ist die große Herausforderung. Nein, die größte. "Ich bin nicht der erste Trainer, der erklärt, dass es das Schwierigste im Fußball ist, einen sehr guten defensiven, tiefstehenden Block zu knacken", sagt Hjulmand, "aber wir sind eine Mannschaft, die auch das können will, und ich glaube, wir haben die Spieler, um das zu schaffen." Die Frage ist nur: Wie schnell?

Nachdem Hjulmand bei seinem Einstand und dem Sieg gegen sehr hoch attackierende Frankfurter hauptsächlich auf reaktiven Fußball, schnelles Umschaltspiel nach erfolgreichem Pressing und lange Pässe hinter die hoch stehende gegnerische Abwehr setzen konnte, muss er jetzt - um im Bild der Geschichte der Menschheit zu bleiben - in Sachen Spielkunst das Rad neu erfinden.

Das Kopenhagen-Spiel dürfte Polanski als Blaupause dienen

Beim FC Kopenhagen, der Bayer 64 Prozent Ballbesitz gestattete, konnte der deutsche Vizemeister mit diesem lange wenig bis gar nichts anfangen. Diese Partie dürfte Gladbachs neuem Trainer Eugen Polanski als Blaupause für die Partie am Sonntag dienen. Dem Werksklub wird sich gegen die krisengeschüttelte Borussia aus Mönchengladbach die Aufgabe stellen, einen kompakten Defensivblock auszuspielen.

Für Hjulmand, der mit einer englischen Woche in den neuen Job eingestiegen ist, eine maximale Herausforderung. So müsste der 53-Jährige schon eine Evolution im Zeitraffer initiiert haben, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Eine Entwicklung, die man in so kurzer Zeit zwar erhoffen, aber nicht erwarten darf. Muss Hjulmand doch zwangsläufig im taktischen Bereich viel improvisieren.

„Als Trainer weiß man das nie. Man sucht jeden Tag danach, in jeder Trainingseinheit, damit es Klick macht.“ (Kasper Hjulmand)

"Wir haben nicht viel Zeit auf dem Trainingsplatz, um neue Dinge oder Plan B oder C zu trainieren", erklärt er und verweist auf die letzte halbe Stunde in Kopenhagen: "Als ich auf eine Viererkette umgestellt habe, als ich auf zwei Stürmer umgestellt habe, haben wir das vorher nicht trainiert." Man arbeite zwar neben Besprechungen und Videoanalysen "natürlich so viel wie möglich auf dem Platz, aber auch nicht zu viel, denn es ist sehr wichtig, dass wir versuchen, es einfach zu halten und dann von dort aus zu wachsen."

Dieser Schritt muss als nächstes erfolgen. Doch der Moment der bahnbrechenden Erkenntnis ist wie bei der Erfindung des Rades nicht vorherzusagen. "Als Trainer weiß man das nie. Man sucht jeden Tag danach, in jeder Trainingseinheit, damit es Klick macht. Immer, in jedem einzelnen Spiel. Jede Minute denkt man darüber nach", sagt der Däne auf die Frage, wann der von ihm präferierte Ballbesitzfußball erfolgreich umgesetzt werden kann, "wir wollen es so schnell wie möglich schaffen und arbeiten hart daran."

Hjulmands großer Vorteil dabei: Anders als der Homo sapiens bei der Erfindung des Rads weiß der Fußballlehrer, der sich dem dominanten Ballbesitzfußball verschrieben hat, zumindest genau, wonach er sucht. Am Sonntag aber müssen Hjulmand und seine Spieler erst einmal wieder die Sache mit dem Feuer auf die Reihe kriegen.