Immer wieder setzen sich im Umfeld von Borussia Dortmund Schlagwörter fest, an denen die Mannschaft und der Verein eine Zeit lang gemessen werden. Die Debatte um "Mentalität" schlug Marco Reus vor Jahren mal in einem Interview im Handstreich nieder, vergangene Saison waren es Begriffe wie "Intensität" und "Konstanz".
Köpfchen, Geduld, Cleverness und Routine?
Aktuell heißester Kandidat zum BVB-Modewort der Spielzeit 2025/26 ist "erwachsen". Gemeint ist ein Fußball mit Köpfchen, Geduld, Cleverness und Routine. Die Eigenschaft, sich nicht locken zu lassen, bei seinem Stil zu bleiben, dem Gegner das eigene Spiel aufzudrängen, statt zu reagieren.
Beim wilden 4:4 in Turin agierte Borussia Dortmund 90 und ein paar zerquetschte Minuten genau so, erwachsen. Vor der Pause lieferten sich die Schwarz-Gelben einen italienischen Abnutzungskampf mit dem Gegner, in dem sich Turin und der BVB aus ihren fast identischen Grundordnungen im 3-4-3 darin überboten, defensiv so stabil zu stehen, dass der Gegner den Strafraum nur aus der Ferne zu Gesicht bekam.
Plötzlich Offensiv-Feuerwerk
Dortmund hatte dabei häufiger den Ball, verfiel aber nicht der jugendlichen Panik, schnell ins Risiko zu gehen und dem auf Kontersituationen lauernden Gegner Räume dafür anzubieten. Im Gegenteil: Die Restverteidigung, das defensive Umschaltspiel, das Gegenpressing und die Bereitschaft auch der Angriffsreihe, nach einem Ballverlust die Wege nach hinten zu gehen, waren beeindruckend konsequent und funktionierten bis auf den frühen Fernschuss von Khephren Thuram.
Aus der Partie für Taktik-Liebhaber und Huub-Stevens-Anhänger wurde dann aber mit Wiederbeginn plötzlich ein Offensiv-Feuerwerk. Mit dem Pfostenschuss von Maximilian Beier und dem kurz danach folgenden Führungstor von Karim Adeyemi besannen sich beide Teams auf einmal auf ihre Offensivfähigkeiten und erzielten die Treffer in schnellerer Folge als in manch einem Handballspiel: Nach dem Ausgleich von Kenan Yildiz konterte Felix Nmecha nur 85 Sekunden später mit dem 2:1, bevor Dusan Vlahovic erneut zurückschlug. Nur auf den dritten Dortmunder Führungstreffer durch Yan Couto, weitere sechs Minuten später, fand Juve keine sofortige Antwort mehr.
Kobel spricht es aus
Nach dem 4:2 durch Ramy Bensebainis lässig verwandelten Elfmeter war das Spiel also entschieden, der Gegner geschlagen, die Messe gelesen. Nur damit dann das passierte, was Gregor Kobel nach dem Spiel tief enttäuscht zum Dortmunder Modewort greifen ließ: "Da müssen wir einfach erwachsener Fußball spielen." Dortmund verlor den Kopf.
Ausgerechnet die zuvor so starken Bensebaini und Couto sollten sich als Symbolfiguren des Einbruchs in den letzten Minuten der Nachspielzeit entwickeln, auch wenn sie sicherlich nicht alleine Schuld daran trugen. Bensebaini, der die Situation vor dem 3:4 in der 94. von zunächst 96 avisierten Minuten spielerisch elegant lösen wollte, statt wie von Coach Niko Kovac gefordert kompromisslos zu klären; Couto, der vor dem 4:4 in der 96. Minute am gegnerischen Strafraum mit Ball nicht einfach zur rechten Eckfahne ging, um dort weitere Zeit zu gewinnen, sondern den gewagten Rückpass versuchte. Dazu kamen gleich fünf Dortmunder, die es in der Folge bei Vlahovics Flanke nicht schafften, Lloyd Kelly als einzigen Turiner im eigenen Strafraum zu stellen.
Traumstart fahrlässig verpasst
Dann war Schluss, keine Zeit für einen erneuten Konter. Ein verpasster Traumstart in den Lieblingswettbewerb, wie schon auf St. Pauli zwei verlorene Punkte in der Schlussphase. Fünf Siege aus den ersten fünf Spielen hätten es sein können, wenn die lange so - Achtung! - erwachsene Leistung bis zur letzten Sekunde durchgezogen worden wäre.
Ob nun "Mentalität", "Konstanz", "Intensität" oder ein anders formulierter Wunsch nach mehr Köpfchen und Geduld, das Dilemma hinter den kommenden und gehenden Vokabeln ist dasselbe: Zu oft hat Dortmund in den vergangenen Jahren durch eigene Nachlässigkeiten große Chancen, ja sogar Titel verschenkt.
Die beiden ersten Rückschläge in der noch jungen Saison sollten für Trainer Kovac und das ganze Team eine erneute Warnung sein, im Rückblick vielleicht eine lehrreiche: Spitzenmannschaften müssen ihr Potenzial über die gesamte Spielzeit abrufen, notfalls auch 98 Minuten und mehr. Das zu lernen gehört bei einer derzeit vielversprechenden Entwicklung dazu. Es ist Teil des Erwachsenwerdens.