Erstaunlich ist das manchmal schon, wie sich die Dinge im Fußball in kürzester Zeit wiederholen. In Wiesbaden hatte Luis Diaz am Mittwoch nach zehn Sekunden die gute Gelegenheit, den FC Bayern bereits in Führung zu bringen. Drei Tage später dauerte es in Augsburg 25 Sekunden, bis der Kolumbianer frei vorm FCA-Tor stand - und das leere Gehäuse nicht traf.
Nun sagen sie beim FC Bayern nicht zu Unrecht, dass man sich solche Chancen ja auch erstmal erarbeiten und an der richtigen Stelle stehen muss. "Das sind alles Mannschaften, die auch versuchen, immer gut zu verteidigen", ergänzt Kapitän Manuel Neuer zu den jüngsten Gegnern aus Augsburg, Wiesbaden und Leipzig, gegen die den Bayern immerhin zwölf Treffer gelangen.
Das große Manko: Es hätten noch deutlich mehr als zwölf Treffer sein müssen, die Bayern kamen allein am Mittwoch und Samstag auf einen zusammengerechneten xG-Wert von 8,11 - die Gegner auf 1,64. Den Gegnern gelangen daraus vier Tore, den Bayern sechs. Und der fast 70 Millionen Euro teure Luis Diaz wurde innerhalb von einer Woche zum Sinnbild für diese klägliche Chancenverwertung, die sich sowohl im Pokal als auch am Samstag in Augsburg (3:2) beinahe gerächt hätte.
„Wie kann man es jemandem vorwerfen, wenn er sich immer wieder in diese Position bringt?“ (Vincent Kompany über Luis Diaz)
"Es ist nicht so, dass es jedes Mal seine Kollegen sind, die alles für ihn vorbereiten", verteidigt Trainer Vincent Kompany den Kolumbianer, der in Wiesbaden fünf ernstzunehmende Abschlüsse verzeichnete und keinmal traf. "Er erarbeitet sich viele dieser Chancen selbst, weil er immer aktiv ist. Wie kann man es jemandem vorwerfen, wenn er sich immer wieder in diese Position bringt?"
Gar nicht, das ist aber auch nicht der Kritikpunkt. Das Verrückte ist ja, dass Luis Diaz nach vier Pflichtspielen im Trikot des Rekordmeisters bei eigentlich sehr anständigen fünf Scorerpunkten steht (drei Tore, zwei Vorlagen). Und wie er immer wieder zu besten Gelegenheiten kommt, ist schon erstaunlich. Allein die Verwertung gibt Rätsel auf. Haben die Bayern nicht jüngst erst einen Flügelspieler verloren, der Probleme in eigentlich einfachen Abschlusssituationen hatte?
Schwächen in der Entscheidungsfindung
"Mir ist wichtiger, dass er in den richtigen Momenten ein Tor schießt als fünf in einem Spiel - und dann fünf Monate nichts mehr", sagt Kompany. "Er ist immer dabei, immer gefährlich, und wir freuen uns auf seine Energie." Die tatsächlich bemerkenswert ist. Luis Diaz bringt Schwung in die Offensive, scheint sich offensichtlich gut zu ergänzen mit Serge Gnabry und Co., trotzdem wirkte es in den ersten zwei Wochen oft so, als passe die Abstimmung in einigen entscheidenden Situationen noch überhaupt nicht.
Vor allem am Samstag, als der Neuzugang nicht nur im Abschluss Schwächen offenbarte, sondern vor allem in der Entscheidungsfindung. Gegen Marius Wolf und Chrislain Matsima gelangen die Dribbling-Versuche nur selten, in der Schlussphase versemmelte Luis Diaz einen Konter nach dem nächsten. Schlimmer noch: gleich mehrmals probierte es der Ex-Liverpooler mit dem tödlichen Steckpass auf Raphael Guerreiro, statt den Konter sauber auszuspielen und im Ballbesitz zu bleiben.
Das Ergebnis: Der FCA fing Luis Diaz‘ vorhersehbare Bälle ab und kam durch schnelles Umschalten selbst zu gefährlichen Gegenangriffen. "Wenn wir die Torchancen besser nutzen würden, dann wäre das Spiel wahrscheinlich schon eher zu gewesen", bemängelt Max Eberl.
Doch der suchende Sportvorstand weiß selbst am besten, dass die aktuelle Kaderzusammenstellung einem letztlich offensichtlichen überdrehten Luis Diaz nicht zugutekam. "Die Jungs müssen mehr oder weniger durchspielen, und dann kam eben auch in wichtigen Situationen der falsche Pass, die falsche Entscheidung. Wir können nicht die Spieler wechseln, wir können keine neuen Impulse bringen." Sie können jetzt aber noch zwei Tage was dagegen unternehmen.
Um Luis Diaz macht sich Neuer derweil keine Sorgen: "Ich glaube, dass wenn er ein bisschen mehr Glück hat, auch gegen Wiesbaden und nicht drei, vier Leute auf der Linie verteidigen, dann wird er auch seine Tore machen." Wobei der Kapitän wieder auf den Punkt des Trainers zurückkommt: "Er ist ein Spieler, der immer in diese Situation kommt. Das muss man auch mal herausstellen."