Herr Khedira, wie gut ist der traditionell so nachwuchsstarke VfB Stuttgart aktuell im Jugendbereich - und gibt es da verheißungsvolle Talente für die nächsten Jahre?
Ja, definitiv. Meiner Meinung nach hat der VfB herausragende Talente. Jetzt wäre es an der Zeit, diese Talente nicht nur in die erste und zweite Liga zu verkaufen, sondern zu versuchen, sie in den eigenen Kader zu integrieren. Gute junge Spieler hat der VfB, aber nicht aus der eigenen Akademie. Da wäre auch die Identifikation mit den Fans, der Stadt und der Region noch einmal eine ganz andere, als wenn man Talente zukauft.
Wie ist Ihr Eindruck von der ersten Mannschaft des VfB - wie geht die Reise nach Vizemeisterschaft, Champions League, Pokalsieg und Qualifikation für die Europa League jetzt weiter?
Sie haben ja versucht, den Kader größtenteils zusammenzuhalten. Aber klar: Jetzt fällt Deniz Undav aus und Nick Woltemade ist komplett weg - was aus wirtschaftlicher Sicht aber absolut Sinn ergibt. Das war ein "No-Brainer", das musst du fast schon machen. Jetzt müssen sich die neuen Spieler möglichst schnell integrieren oder man muss dem einen oder anderen aus der zweiten Mannschaft oder der U 19 eine Chance geben, um das zu kompensieren.
Eine große Aufgabe für Trainer Sebastian Hoeneß.
Ich bin der Meinung, dass der VfB einen herausragenden Trainer hat, der mit Talenten arbeiten, eine Mannschaft entwickeln und Spieler besser machen kann. Das hat er gezeigt, seit er vor zweieinhalb Jahren gekommen ist. Ich habe große Hoffnung in ihn, sodass der VfB hoffentlich auch nächstes Jahr wieder international spielen kann.
Wie empfinden Sie denn die enorm hohe Ablösesumme für Woltemade - und allgemein den Transfermarkt, wie er sich gerade darstellt?
Ich würde gar nicht beurteilen, ob Nick Woltemade diese 90 Millionen wert ist oder nicht - das ist immer nur eine Frage von Angebot und Nachfrage. Es sind verrückte Zahlen, aber daran werden wir uns in Zukunft gewöhnen müssen.
Als junger Spieler ins Ausland zu gehen, birgt natürlich auch Risiken. Wie sehen Sie das?
Erst mal würde ich es immer gut finden, wenn wir die Bundesliga unterstützen, weil sie ein richtig gutes Produkt ist. Hier werden viele Tore geschossen - die meisten in den Top-5-Ligen, sogar mehr als in der Premier League. Das bedeutet offensiven Fußball. Für Stürmer ist es ein Schlaraffenland. Aber man darf die Spieler, die wechseln, auch nicht verurteilen. Die Premier League ist unheimlich attraktiv, weil dort ein hohes Tempo herrscht. Es gibt gefühlt kein Mittelfeld - nur Angriff und Verteidigung. Dazu kommen die Summen, die dort bezahlt werden, nicht nur die Ablösesummen, sondern auch die Gehälter. Es ist schwer, da zu widerstehen. Und das, glaube ich, muss man jedem Spieler und jedem Menschen zugestehen.
„In der Premier League liegt das Geld, aber trotzdem sind dort 15-, 16-Jährige im Profikader und bekommen Einsatzzeit.“ (Sami Khedira)
Welche Chance hat die Bundesliga, den Abstand zur Premier League zu verringern?
In der Premier League liegt das Geld, aber trotzdem sind dort 15-, 16-Jährige im Profikader und bekommen Einsatzzeit. Es gibt eine Statistik, dass in England doppelt so viele Spieler aus der eigenen Akademie eingesetzt werden wie bei uns in der Bundesliga. Da dürfen wir mutiger und forsch sein und mehr Risiko eingehen.
Wenn wir nun auf die aktuelle Bundesliga-Saison blicken: Gibt es Ihrer Meinung nach einen ernstzunehmenden Konkurrenten für den FC Bayern?
Es wäre schön für die Bundesliga. Aber wenn ich ehrlich bin: Ich glaube es nicht. Auch wenn der Kader etwas dünn aufgestellt ist. Aber dann hast du mit Lennart Karl und Wisdom Mike auch wieder deutsche Talente, die unheimlich gut kicken können und die dann gerade in der Bundesliga hoffentlich ihre Chance bekommen. Ich glaube, auf nationaler Ebene sind die Bayern unantastbar.
Eine Länderspielpause liegt hinter uns: Wie zuversichtlich sind Sie für die Nationalmannschaft mit Blick auf die WM 2026?
Eine WM hat sehr viel mit Momentum zu tun. Sind die Spieler in einer guten Form? Geschweige denn: Sind sie überhaupt fit und verfügbar? Und ich glaube, wir sind aktuell nicht in der Lage, zwei, drei Topspieler zu ersetzen. Wenn ein Schlotterbeck fehlt, wenn ein Musiala fehlt, dann hast du schon Schwierigkeiten. Als deutsche Mannschaft hast du den Anspruch, Weltmeister zu werden. Und den musst du auch haben. Aber erst mal musst du dich qualifizieren, deine Pflichtaufgaben erledigen, bodenständig sein und jeden Gegner respektieren. Dann musst du sie erst einmal schlagen - elf gegen elf. Und dann kann man auch den Anspruch haben, Weltmeister zu werden.
Noch einmal zurück zur Jugend: Welche deutschen Talente begeistern Sie derzeit im Nachwuchsbereich? Wer folgt irgendwann auf Florian Wirtz und Jamal Musiala?
Lennart Karl ist die heißeste Aktie, die wir haben. Er hat einen unheimlich großen Spielwitz. Er hat diese gewisse Arroganz - aber eine gesunde Arroganz. Die liebe ich einfach. Das sind Spieler, die wissen: Ich bin unheimlich gut, aber ich respektiere trotzdem die gestandenen Profis.
Nun sind wir gerade beim Porsche Fußball Cup, bei dem eben solche Talente eine Bühne erhalten und sich messen können. Was verbinden Sie damit?
Mit meinem Karriereende haben wir die erste Auflage des Porsche Fußball Cups veranstaltet. Die Weiterentwicklung ist einfach großartig. Wir haben im letzten Jahr großartige Vereine wie den FC Bayern und den FC Barcelona dazubekommen. Das wertet das Turnier qualitativ enorm auf. Und man sieht es auch an den Zuschauern: Am Morgen des ersten Tages waren es bereits 600 - und das bei einem U-15-Turnier.
Sie haben dieses Turnier als Herzensprojekt bezeichnet. Was zeichnet den Porsche Fußball Cup aus?
Es ist ein Herzensprojekt, weil ich das alles selbst durchlebt habe in meiner Jugend hier beim VfB Stuttgart. Speziell in dem Alter, U 15, da sind die Kids total unbefangen, haben nur Bock zum Kicken. Besonders ist auch der Veranstalter Porsche, der 100 Prozent dahintersteht und volles Commitment zeigt. Das Turnier ist top organisiert, Bedingungen beim VfB sind großartig. Und darüber hinaus sehen wir herausragenden Jugendfußball acht internationaler Mannschaften. Es ist mir ein großes Anliegen, dieses Turnier zu unterstützen.