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Kollektiver Systemabsturz: Keine Härte, keine Ideen und keine Bindung im Sturm

kicker

Es gab in der jüngeren Vergangenheit einige Duelle, in denen Bayer Leverkusen der Eintracht mit individueller wie spielerischer Klasse, Raffinesse, Tempo und Druck keine Chance gelassen hatte. Negativer Höhepunkt war das 1:6 im Mai 2019. Die jüngsten zwölf Pflichtspiele unterm Bayer-Kreuz verloren die Hessen allesamt. Dabei kassierten sie 40 Gegentore, im Schnitt 3,33 Gegentreffer pro Spiel. Eine Bilanz des Schreckens.

Diesmal aber waren die Vorzeichen trotz des Leverkusener Trainerwechsels gar nicht mal so schlecht. Frankfurt reiste nach drei Siegen in den ersten drei Pflichtspielen mit breiter Brust an und hatte - anders als die Werkself - im Sommer keinen großen personellen Umbruch zu bewältigen. Doch dann lief am Freitagabend so ziemlich alles schief, was schieflaufen konnte.

"Im Kopf zu langsam"

Schon der kurzfristige Ausfall von Sechser Hugo Larsson (Magen-Darm-Beschwerden) bedeutete eine Schwächung, auch die frühe verletzungsbedingte Auswechslung von Anführer Rasmus Kristensen, dem eine wochenlange Pause droht, machte die Aufgabe nicht einfacher. Mario Götze (muskuläre Probleme) hätte der Mannschaft mit all seiner Erfahrung, fußballerischen Klasse und der Ruhe am Ball sicherlich ebenfalls helfen können.

Eine Erklärung für die dürftige Darbietung liefern diese drei Ausfälle allerdings nicht. Auch Sportvorstand Markus Krösche sagt: "Das ist keine Ausrede, damit müssen wir leben. Es ist ärgerlich, aber wir haben viele gute Jungs im Kader."

Auf die Verliererstraße geriet Frankfurt, weil ausgerechnet der erfahrene Arthur Theate im Aufbau einfache Fehlpässe spielte, die vor den ersten beiden Gegentoren zu den Standardsituationen (Freistoß, Strafstoß) führten. Beim Freistoß vor dem 0:1 foulte Can Uzun, den Elfmeter zum 0:2 verursachte Robin Koch. Ohne die überflüssigen Fehler im Aufbau wären sie aber gar nicht erst in die Bredouille gekommen. Letztlich waren es zwei schön verpackte Gastgeschenke, die schon vor der Halbzeit für die Vorentscheidung sorgten.

"Wir waren in der ersten Hälfte nicht wirklich wach, trafen viele falsche Entscheidungen und hatten viele Ballverluste. Auch im Zweikampfverhalten haben wir es nicht gut gemacht, viele Situationen nicht wirklich angenommen. Wir waren im Kopf ein bisschen zu langsam", moniert Krösche. Am Ende wies die Statistik für Frankfurt nur 35 Prozent gewonnene Zweikämpfe aus - ein desolater Wert.

Überzeugend war der Auftritt lediglich in der druckvollen Anfangsphase der zweiten Hälfte. "Da hatten wir eine sehr gute Energie und Power, der Anschlusstreffer war verdient", sagt Trainer Dino Toppmöller. Gegen bald darauf in Unterzahl spielende und tief verteidigende Leverkusener fiel seiner Mannschaft jedoch nichts ein. Bis auf den Lattenkracher per Distanzschuss (61., Collins) besaß die SGE keine weiteren Torchancen. Schon im ersten Durchgang funktionierte das Offensivspiel nicht, Jonathan Burkardt vergab per Kopf die einzige Möglichkeit (37.).

Stürmer hängen in der Luft

Die fehlenden Lösungen im Angriffsdrittel sind besorgniserregender als die leicht vermeidbaren Fehler vor den drei Gegentoren; beim späten 1:3 war es abermals Theate, der mit einer übermotivierten Grätsche vor dem eigenen Sechzehner Zauberfuß Alejandro Grimaldo eine exzellente Freistoßposition verschaffte. Auf Theate ist in aller Regel Verlass, ein derart rabenschwarzer Abend ist die Ausnahme, nicht die Regel. Dem belgischen Nationalspieler ist es zuzutrauen, dass er sich schnell wieder fängt und schon in der Champions League am Donnerstag gegen Galatasaray wieder ein anderes Gesicht zeigt.

Kurzfristig besteht eine der größten Aufgaben darin, Stürmer Burkardt besser ins Spiel zu integrieren. Der Zugang aus Mainz hing komplett in der Luft (17 Ballkontakte) und sammelte keinerlei Pluspunkte. Auch die Einwechslungen von Michy Batshuayi und Elye Wahi sowie die Umstellung auf zwei Spitzen brachten keine Torgefährlichkeit.

Insgesamt 23 Flanken lassen sich als Ausdruck von Hilflosigkeit interpretieren, auch wenn Toppmöller sagt: "Wir wollten viele Flanken kreieren, viel Stress in der Box erzeugen." Zuletzt flankte die SGE in der Vorsaison beim 1:1 gegen Wolfsburg so häufig. Dabei verfügen Uzun, Ritsu Doan, Jean-Matteo Bahoya und Fares Chaibi normalerweise über genügend spielerische Mittel, um auch gegen tief stehende Gegner Lösungen zu finden.

"Wir waren technisch nicht sauber genug. Ich finde schon, dass die Struktur sehr gut gepasst hat, aber wir hatten nicht diesen letzten Punch, diese Power Richtung Tor. Wir hatten viel Kontrolle und ein paar ganz gute Stafetten, aber wir schafften es nicht, das gegnerische Tor so richtig zu bedrohen", analysiert Toppmöller.

Er erklärt: "Im letzten Drittel geht es viel um die Entscheidungsfindung: Wann gehe ich ins Dribbling? Wann spiele ich den Ball vom Flügel vielleicht noch mal schnell weg und gehe in eine schnelle Spielverlagerung rein? Das sind Ansatzpunkte. Wir werden in der Bundesliga noch auf andere Mannschaften treffen, die im tiefen Block verteidigen. Da brauchen wir eine hohe Spielgeschwindigkeit. Die hatten wir einfach nicht."

Die Überzahl verpufft

Der Vorteil durch die Überzahl verstrich daher ungenutzt. Krösche meint: "Das Überzahlverhalten hat auch etwas mit Erfahrung zu tun. Wir müssen lernen, bessere Entscheidungen zu treffen. Wir waren zu kopflos und zu hektisch."

Bei Burkardt wirbt er um Geduld. "Gerade offensive Spieler brauchen immer ein bisschen Zeit, um sich an Abläufe und Automatismen zu gewöhnen. Das ist ein ganz normaler Prozess", sagt der Sportvorstand. Das ist korrekt. Trotzdem überrascht es ein wenig, dass dieser Prozess scheinbar noch in den Kinderschuhen steckt, obwohl Burkardt die komplette Sommer-Vorbereitung absolvierte. Toppmöller verweist darauf, dass der 25-Jährige zuletzt wegen Rückenbeschwerden aus dem Rhythmus kam.

Auch die Qualität der Gegenspieler sieht der Coach als Faktor: "Quansah, Badé und Tapsoba sind absolute Top-Spieler. Da ist es nicht ganz so einfach, sich durchzusetzen." Gefordert seien auch Burkardts Mitspieler. "Wir müssen versuchen, ihn noch besser in Szene zu setzen. Da sind wir wieder bei dem Thema, dass wir fußballerisch besser und sauberer sein müssen, um ins letzte Drittel zu kommen und Situationen zu kreieren. Jonny hing ein bisschen in der Luft. Das war später mit Michy und Elye nicht anders", resümiert der Coach.

Noch wäre es verfrüht, nach dem Abgang von Star-Stürmer Hugo Ekitiké ein Sturmproblem zu diagnostizieren. Klar ist aber: Allen voran Burkardt und Wahi, die teuersten Stürmer der Vereinsgeschichte, müssen in den kommenden Wochen liefern. An die Mannschaft muss der Anspruch formuliert werden, dass der Systemabsturz in Leverkusen, eine kollektiv derart schlechte Leistung, die große Ausnahme bleibt. Der Kader ist zu teuer und in der Gesamtheit auch zu gut, um derart schlecht zu performen.