Der 1. FC Heidenheim, in der Bundesliga bislang noch ohne Punkt, hat im Finanzbereich einen Coup gelandet. Offensivallrounder Leonardo Scienza wechselt für eine Sockelablöse von rund neun Millionen Euro zum englischen Zweitligisten Southampton - mit den diversen branchenüblichen Boni dürfte der 25-Jährige den bisherigen mit rund zehn Millionen bezifferten Rekordtransfer von Jan Niklas Beste zu Benfica Lissabon überflügeln. Sportlich indes bedeutet dieser Transfer erst mal eine große Schwächung.
Auch wenn der Transfer des Brasilianers mit luxemburgischen Wurzeln auf den letzten Drücker zustande gekommen ist, so überrascht er nicht wirklich: Die Frage, bleibt er oder geht er, war das schwelende und auch ein Stück weit nervende Dauerthema seit dem Start der Vorbereitung. Angefacht wie auch am Köcheln gehalten von Scienza selbst, der sich nie wirklich zum FCH bekannte.
„Im Fußball ist alles möglich. Nur Gott weiß, wie mein Weg aussieht.“ (Leo Scienza)
In dem Wissen, dass er sich mit seinem imposanten Auftritt in der Relegation ins Schaufenster stellte, kokettierte er zwischen den Zeilen damit, begehrt zu sein. "Im Fußball ist alles möglich. Nur Gott weiß, wie mein Weg aussieht", lautete eine der Standardantworten des tiefgläubigen Christen. Da drängte sich, wie man nun sieht, nicht zu Unrecht der Verdacht auf, dass da einer auf einen Transfer hinarbeitete.
Ein Jahr zuvor klang dies noch ganz anders: Der FCH hatte ihn gerade für 500.000 Euro von Zweitliga-Aufsteiger SSV Ulm 1846 losgeeist, da schwärmte er nach einer Woche Training von seinem neuen Verein. Er sprach von einer neuen Familie und davon, wie glücklich und dankbar er sei, dass der FCH ihm diese Chance geben würde.
Große Begeisterung in diesem Sommer war nicht mehr zu vernehmen
Diese große Begeisterung war in diesem Sommer, seinem zweiten beim FCH, nicht mehr zu vernehmen. Dass ihn Trainer Frank Schmidt in der Rückrunde meist nur mit einem Bankplatz bedachte, hat er von seinem Selbstverständnis her wohl nie wirklich überwunden. Der lebensfrohe und spielfreudige Sunnyboy geht nämlich nicht gerade als Muster an Selbstkritik durch - gerne stellt er in Instagram Werte von Portalen zur Schau, die ihn aufgrund oftmals nicht nachvollziehbarer Daten mit Bestwerten bedenken. Zudem sieht er sich als Offensivkünstler, dessen Ding das Verteidigen nicht unbedingt ist. "Ich bin ein lockerer Typ, das ist gut für vorne, da mache ich die meisten Dinge aus dem Bauch heraus, für die Defensive ist das aber nicht so gut", beschreibt er sich treffend.
Dies wiederum passt nicht so recht zur Philosophie von Schmidt, der zudem den Mannschaftsgedanken über alles stellt. Zu Recht: Der FCH hat nur eine Chance, die Bundesliga zu halten, wenn er als homogene Einheit eine hohe Intensität beim Spiel gegen den Ball in all seinen Facetten an den Tag legt. Klinkt sich da nur einer aus, gerät das ganze Konstrukt ins Wanken.
Scienza kann Spiele entscheiden
Die andere Seite: Scienza ist einer, der Spiele entscheiden kann, und dies wiederum kann für die an offensiver Durchschlagskraft nicht gerade reiche Heidenheimer Mannschaft Gold wert sein. Siehe allein die Relegation. So sind die Stimmen nachvollziehbar, die mit Scienzas Verkauf die Chancen auf den Klassenerhalt rapide gesunken sehen.
Man kann den Transfer aber auch anders bewerten: Mit der Ablöse hat der Verein an sich einen für die weitere Zukunft wichtigen Erfolg verzeichnet - und mit Blick auf den unbestrittenen Verlust an individueller Klasse muss das nicht zwangsläufig bedeuten, dass da ab sofort eine schwächere Mannschaft auf dem Platz stehen wird.
Wer den FCH-Trainer nur ein wenig kennt, weiß, wie immens der Spagat war, den er für Scienza einging. In dem Wissen um dessen fußballerischen Qualitäten raufte Schmidt sich mit ihm während der Vorbereitung zusammen und gestand ihm, dem laut dem FCH-Coach "fantastischen Fußballer", unüblicherweise gewisse Freiheiten zu - auch weil sich Scienza ungeachtet des stetig im Raum stehenden Themas eines Wechsels in der Vorbereitung in Sachen Engagement nicht lumpen ließ. Und wenn Scienza dann wie im Test gegen den österreichischen Drittligisten Wacker Innsbruck (2:0) trotz der vorausgegangenen hohen Intensität im Training in unsinnige Dribblings, weil kraftraubend und nicht zielführend, verstrickte, überging er dies kommentarlos.
Das ganze Dilemma, das die Personalie Scienza für die Spielweise des FCH mit sich brachte, offenbarte sich bei seinem letzten Einsatz in Leipzig. In der ersten Hälfte bereitete Scienza, der bis im Alter von 16 Jahren nur Futsal spielte, zwei Großchancen sehenswert vor, um nach der Pause aber komplett abzutauchen - und dies beim 0:2 entscheidend. Der Treffer wäre nicht gefallen, wäre der Brasilianer nicht stehen geblieben.
Ob der FCH sich mit seinem Verkauf entscheidend selbst geschwächt hat oder ohne Scienza als Mannschaft gar stärker auftritt, wird sich zeigen. Spannend zu sehen wird auch, ob sich der Brasilianer mit dem Wechsel einen Gefallen getan hat. Seinem Konto unbestritten, aber auch seiner Karriere? Den spektakulären Offensivkünstler, der so gerne ins Dribbling geht, kann man sich in der eher raubeinigen englischen 2. Liga mit ihrem hochintensiven Kick-and-Rush nicht so recht vorstellen. Gut möglich aber auch, dass am Ende alle Seiten glücklich werden.