Damit hatte nun wirklich keiner gerechnet. Andreas Möller, Borussia Dortmunds polarisierende "Heulsuse", bei Erzrivale Schalke 04? Ein direkter Wechsel dorthin, wo er ganz besonders abgelehnt wurde? Der Spielmacher in Blau-Weiß, nach den Meisterschaften 1995 und 1996 oder dem Champions-League-Triumph 1997 in Schwarz-Gelb?
Ja, das ist vor inzwischen 25 Jahren tatsächlich so passiert. Aber warum eigentlich?
Keinen Kumpel als Trainer
"Mein Vertrag bei der Borussia lief aus, und es hat dort auch Veränderungen gegeben", schildert Möller seine Gedankenwelt im Millenniums-Sommer in der neuen Interview-Folge des Podcasts kicker meets DAZN, wo er mit Host Niklas Baumgart mehr als zwei Stunden lang über seine bewegte Karriere plaudert. "Es war dann klar, dass mein früherer Mannschaftskollege Matthias Sammer, mit dem ich auch sehr eng war, unser Trainer werden würde. Das wollte ich irgendwie nicht so haben."
Okay, fair, also ein (Tapeten-)Wechsel nach insgesamt acht Jahren beim BVB, nach allen großen Titeln. Aber zu Schalke? "Ich war 32, habe mich aber noch gut gefühlt und gesagt, dass ich noch ein paar Jahre auf sehr gutem Niveau spielen kann", erklärt Möller. Interessenten gibt es damals auch aus China oder Katar, lukrative Angebote. Doch keines war für Möller, der bereits alles gewonnen hatte, so reizvoll wie das, was auf einmal aus Gelsenkirchen kam.
Auftritt S04-Manager Rudi Assauer. "Die Art und Weise, wie er da reingegrätscht ist und gesagt hat, dass er mich unbedingt haben will, war schon sehr imponierend", erklärt Möller, dem natürlich klar war, dass ein Wechsel von Dortmund nach Schalke "sehr, sehr schwierig" ist. Dem allerdings auch klar wurde, dass sich dadurch eine einmalige persönliche Chance für ihn ergab.
Heulsuse, Weichling, Diva, Schwalbenkönig - Möller hafteten öffentlich Makel an, die er durch eine derart gewagte Entscheidung ablegen zu können glaubte: "Ich wollte dem Image, dass ich ein Weichei sei und man mit mir keinen Krieg gewinnen könne, einfach mal entgegenwirken. Das war der Grund."
Schalkes großes Interesse, das der Weltmeister von 1990 und Europameister von 1996 anfangs "nicht wahrhaben wollte", wurde für den, der schon alles abgeräumt hatte, zu einer etwas anderen Titelchance. "Das kann man wirklich so sagen", beteuert Möller, der gleich im ersten Jahr auf Schalke die überraschende und so dramatische "Meisterschaft der Herzen" erleben durfte, zumindest noch zweimal Pokalsieger wurde - und auch in einem anderen Licht erschien. So empfindet er das noch heute.
„Das alles war nie gegen den Klub gerichtet.“ (Andreas Möller über seinen Abgang aus Dortmund)
"Ich bin belohnt worden für diesen Mut, für diese Herausforderung; ich bin echt stolz darauf, dass das funktioniert hat. Für die Leute, die mich jetzt nicht so als Leader gesehen haben, konnte ich das Rad in eine komplett andere Richtung drehen." Und was ist mit den BVB-Fans, die Möller diesen Wechsel lange übelnahmen?
"Ich verstehe ihre Sicht, aber das alles war nie gegen den Klub gerichtet", sagt der Vorbereiter des legendären Lupfer-Tores von Lars Ricken zu Dortmunds einzigem CL-Sieg. "Ich wollte diesen Schritt für mich gehen, um dieses Image einfach mal hinter mir zu lassen."
Die Podcast-Folge, in der Möller auch über den Frankfurter "Fußball 2000", seine legendäre Schwalbe, ein abgelehntes Bayern-Angebot und sein neues Buch spricht, ist über alle gängigen Podcast-Plattformen abrufbar, darunter Spotify, Apple Podcasts, Google Podcasts, Amazon Music, Deezer und Podimo.