Als am Sonntag klar wurde, dass Kasper Hjulmand neuer Trainer bei Bayer 04 werden würde, sorgte dies nicht gerade für Jubelstürme unter den Fans. Warum holt der deutsche Vizemeister einen Mann, der in der Saison 2014/15 bei seinem einzigen Engagement in einer europäischen Top-Liga bereits nach dem 21. Spieltag bei Mainz 05 entlassen wurde und nur auf einen Punkteschnitt von 1,05 pro Partie kam?
Mal ganz abgesehen davon, dass sich ein Trainer - Hjulmand war damals 42 Jahre alt und galt als ein großes Trainertalent - sich in elf Jahren weiterentwickeln kann und dies in vier Jahren als dänischer Nationaltrainer auch hat, lohnt sich ein genauerer Blick auf die Zahlen aus jener Saison 2014/15. Dieser vermittelt ein deutlich weniger dramatisches Bild.
Hjulmand verlor in der Liga nur sieben von 21 Spielen, scheiterte aber an den zu vielen Unentschieden
So hatten damals nach dem 21. Spieltag nur acht Mannschaften weniger Gegentreffer kassiert als die 30, die die Mainzer schlucken mussten. Und acht Liga-Konkurrenten hatten weniger Tore erzielt, als die 27, auf die Mainz an den ersten 21 Spieltagen kam. Klingt eher nach Bundesliga-Mittelfeld und erfüllter Erwartungshaltung. Genauso wie die Tordifferenz von nur -3, die belegt, wie knapp die Mainzer unter Hjulmand in der finalen Negativserie mit nur einem Sieg aus 13 Partien den Kürzeren zogen.
Wobei dies gar nicht so häufig geschah. Hjulmand verlor mit den 05ern in der Bundesliga nur sieben seiner 21 Partien, scheiterte vielmehr an der zu hohen Zahl von Unentschieden. Zehn stellten damals der Spitzenwert in der Liga dar. Dennoch bleibt natürlich die Frage, was schief gelaufen ist damals.
„Kasper ist ein Toptrainer. Er war bei uns vor über zehn Jahren aber vielleicht zu früh in der Bundesliga und wollte mit uns etwas spielen, was mit Mainz 05 noch nicht möglich war.“ (Christian Heidel)
Offensichtlich ist, dass die Mainzer Mannschaft und Hjulmands grundsätzlich von Ballbesitzfußball geprägte Spielidee kein Match ergaben - zumindest aus Sicht der dortigen Verantwortlichen. Erklärt doch Mainz-Macher Christian Heidel jetzt im Rückblick: "Ich habe immer gesagt: Kasper ist ein Toptrainer. Er war bei uns vor über zehn Jahren aber vielleicht zu früh in der Bundesliga und wollte mit uns etwas spielen, was mit Mainz 05 noch nicht möglich war."
Irgendwann verloren die Bosse das Vertrauen, dass Hjulmands Versuch, die 05er von einer Pressing- zu einer Ballbesitz-Mannschaft zu transformieren, nicht im Abstieg enden würde. Ein sportlich extrem anspruchsvolles Projekt, das sich der Däne vorgenommen hatte. So entwickelte dieser das Mainzer Team, das mit 46 Prozent Ballbesitz in der Vorsaison noch auf Rang 16 in dieser Kategorie gelegen hatte, mit dann 51 Prozent zur Mannschaft mit dem siebtmeisten Ballbesitz in der Liga - mit nur zwei Prozentpunkten weniger als Bayer 04 Leverkusen damals. Allerdings rangierte Mainz, das nach dem 8. Spieltag noch ungeschlagen Tabellendritter war, auch nur einen Zähler vor einem direkten Abstiegsplatz.
Am Ballbesitzfußball festzuhalten, kostete Hjulmand in Mainz den Job - bei Bayer ist es gefordert
Da die Punkte ausblieben, musste Hjulmand gehen, der seinerseits nicht bereit war, von seiner Idee des Ballbesitzfußballs abzurücken. Diese Sturheit kostete ihn den Job - in Leverkusen ist sein Ansatz, den sie dort Überzeugung nennen, hingegen sofort explizit gewünscht und auch gefordert. Jetzt muss Hjulmand zeigen, dass unter den für seine Spielidee günstigeren Voraussetzungen bei Bayer am Ende auch die Statistiken stimmen.